Wie sie vor dem Kloster abstiegen, da siehe, trat ihnen aus der Pforte die Äbtissin entgegen, hinter sich zwei bescheidene Nonnen. Sie mochte irgendein Kind in ein Reisfeld auf die Lauer gelegt haben, das nun auf schnellen nackten Füßen vorausgelaufen war. Die Äbtissin hatte die Ankunft Donna Victorias in Novara schon gestern in Erfahrung gebracht und sich gleich geschmeichelt, die gottesfürchtige und leutselige Frau werde Heiligenwunden nicht unbesucht lassen, denn das Kloster besaß neben den geschulten Stimmen seines Chores noch eine größere Auszeichnung: die mystische und täglich sterbende Schwester Beate, welche die blutigen Male an ihrem kranken und abgezehrten Leibe trug. Die unternehmende und beherzte Äbtissin hatte sich vorgenommen, von der Colonna, der sie Macht über den Gatten zutraute, den Nachlaß einer schweren Kriegssteuer zu erbitten, welche der gottlose und habgierige Feldherr—dieses Rufes genoß Pescara bei der italienischen Klerisei—zuwider den kanonischen Sätzen und gegen alle Billigkeit auf die Güter des Klosters gelegt hatte. Daß aber der Feldherr, der es vermied, eine christliche Stätte zu betreten, Madonna Victoria begleiten würde, war der Äbtissin nicht im Traume eingefallen.

Sie begrüßte, eine angenehme Frau mit dunkeln, klugen Augen und blassen, gefälligen Zügen, das hohe Paar in wenigen gewählten Worten. Dann schwieg sie aufmerksam, die Rede Pescaras erwartend, dessen edle Erscheinung ihr Eindruck machte.

"Ehrwürdige", begann der Feldherr, "Donna Victoria wünscht während des Feldzuges, den ich morgen beginne und dessen Dauer ich auf eine Woche berechne, ein paar ruhige und fromme Tage hier in Eurem Konvente zu genießen, bis ich sie nach Mailand rufen werde, nach vollendetem Kampfe. Habet Ihr ein schickliches Gemach zu vergeben?"

Rasch erwiderte die Äbtissin, das ihrige stehe zu Gebote.

"Ich verlange eine einfache Zelle wie die der geringsten Schwester, mit dem gewöhnlichen Geräte", sagte Victoria, deren Blässe die Äbtissin befremdete. Aber sie schrieb dieselbe der begreiflichen Sorge um den zu Felde ziehenden Gatten zu.

"Wenn sich Donna Victoria eingerichtet hat", schloß Pescara, "werde es mir gemeldet. Ich habe noch mit ihr zu sprechen und bitte, Klausur und Zelle betreten zu dürfen. Ausnahmsweise, da ich dem Kloster wohlwill. Ihr findet mich in der Kirche." Er verneigte sich und schritt auf diese zu.

Victoria fragte, was die Nonnen gesungen hätten, und erhielt die Antwort: "Ein Requiem. Für die junge Julia Dati, die Enkelin unsers greisen Arztes, welche in Rom gestorben ist." Dann folgte sie der Äbtissin, während die beiden Nonnen zugeflüsterte Befehle auszurichten gingen. Indessen durchmaß der Feldherr, ohne das Haupt zu entblößen oder irgendeine der üblichen Devotionen zu verrichten, die Länge der Kirche mit festem Gange, die Arme über dem Panzer kreuzend. Er hatte sich, da er auf dem Heimritte seinen in Novara feldmäßig einrückenden Truppen begegnen mußte, leicht behelmt und beharnischt und schritt wie ein Held und Herrscher auf der Stätte des Gebetes und der Demut.

"Nein", sprach er zu sich mit geschlossenem Munde, "es sei heute das letztemal. Ich will von ihr Abschied nehmen als ein Lebender. Ich will es ihr ersparen, mich leiden zu sehen. Sie soll mich wiederfinden, wenn ich ruhe."

Sich allein glaubend, wurde er durch das Gitter des Chores belauscht. Diesen hatten die Nonnen wieder betreten, auf das Geheiß der Äbtissin, denn Pescara sollte die Stimmen ihres Klosters hören. Selbst die mystische Beate war gekommen und vereinigte ihren schwärmerischen Blick mit demjenigen vieler feurig braunen oder schwarzen Augen, welche die Heldengestalt verschlangen. Alle versammelten Himmelsbräute priesen die Colonna selig und beneideten ihre irdische Lust, während die glücklich Geglaubte nicht ferne davon in einer Zelle mit gerungenen Händen verzweifelte. Auch Schwester Beate erlag der Versuchung, diesen stolzen Herrn der Welt zu bewundern, überwand sich aber tapfer und flehte den Himmel inbrünstig an, der Colonna zum Heil ihrer Seele ihren Abgott zu entreißen. Aber diese heftigen Gefühle wichen dem harmloseren der Eitelkeit. Nach dem Geflüster einer kleinen Beratung und einem leisen Räuspern intonierten die Schwestern jubelnd ihr Prachtstück, ein Tedeum, das sich auch für den Sieger von Pavia besser eignete als irgendeine andere Prosa oder Sequenz.

Und er hätte wohl gelauscht, aber er stand regungslos, wie gebannt vor dem gekreuzigten und schon entseelten Christus eines großen Altarbildes, dessen helle Farben noch in voller Frische leuchteten. Doch es war nicht das göttliche Haupt, das er beschaute, sondern er betrachtete den Kriegsknecht, der seine Lanze in den heiligen Leib stieß. Dieser war offenbar ein Schweizer; der Maler mußte die Tracht und Haltung eines solchen mit besonderer Genauigkeit studiert oder frisch aus dem Leben gegriffen haben. Der Mann stand mit gespreizten Beinen, von denen das linke gelb, das rechte schwarz behost war, und stach mit den behandschuhten Fäusten von unten nach oben derb und gründlich zu. Kesselhaube, Harnischkragen, Brustpanzer, Arm- und Schenkelschienen, rote Strümpfe, breite Schuhe, nichts fehlte. Aber nicht diese Tracht, die er zur Genüge kannte, fesselte den Feldherrn, sondern der auf einem Stiernacken sitzende Kopf. Kleine blaue, kristallhelle Augen, eingezogene Stumpfnase, grinsender Mund, blonder, krauser Knebelbart, braune Farbe mit rosigen Wangen, Ohrringe in Form einer Milchkelle, und ein aus Redlichkeit und Verschmitztheit wunderlich gemischter Ausdruck. Pescara wußte gleich, mit dem Gesichtergedächtnis des Heerführers, daß er diesen kleinen, breitschultrigen, behenden Gesellen, dessen schwarzgelbe Hose den Urner bedeutete, schon einmal gesehen habe. Aber wann und wo? Da schmerzte ihn plötzlich die Seite, als empfinge er einen Stich, und jetzt wußte er auch, wen er da vor sich hatte: es war der Schweizer, der ihm bei Pavia die Brust durchbohrt. Kein Zweifel. Den Lanzenstoß des neben ihm an die Erde Geduckten empfangend, hatte er einen Moment in dieses kristallene Auge geblickt und diesen Mund vergnüglich grinsen gesehen. Nach der Erkennung machte das unerwartete Wiederfinden auf den Feldherrn weiter keinen Eindruck, und mit freundlicher Miene fragte er die Äbtissin, die jetzt neben ihm stand, um ihn zu Donna Victoria abzuholen, wer das gemalt hätte. Sie antwortete, die Augen flüchtig niederschlagend: "Zwei Mantovaner, begabte junge Leute, aber von bedenklichen Sitten, die das Kloster gerne wieder scheiden sah."