Neben den Tenkterern traf man früher die Brukterer. Jetzt sollen da Chamaver und Angrivarier eingewandert sein. Die Brukterer wurden durch einen Zusammenschluß der Nachbarvölker geschlagen und ganz vernichtet, sei es aus Haß gegen ihre Überhebung oder wegen der lockenden Beute, oder weil uns etwa die Götter gnädig waren; denn sie gönnten uns sogar, dem Schauspiel des Schlachtens zuzusehen: über sechzigtausend sind nicht der Römer Wehr und Waffen, sondern, was weit herrlicher ist, uns zur Freude und Augenweide erlegen. Bliebe nur, dies mein Gebet, dauernd all diesen Völkern, wenn schon nicht Liebe zu uns, so doch wenigstens ihr Haß gegeneinander; denn nichts Größeres kann uns in des Reiches drängendem Verhängnis das Schicksal gewähren als unserer Feinde Zwietracht.
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An die Angrivarier und Chamaver schließen sich im Rücken Dulgubiner und Chasuarier an und andere nicht sonderlich häufig genannte Völker. Vorne nehmen die Friesen die Reihe auf. Sie heißen Groß- und Kleinfriesen nach dem Maß ihrer Kräfte. Beide Stämme begrenzt bis ans Meer der Rhein; auch wohnen sie rings um gewaltige Seen, in die auch schon römische Flotten drangen. Ja, selbst ins Nordmeer haben wir uns dort gewagt. Und es ist die Sage verbreitet, daß da noch Säulen des Herkules stehen: sei es, daß Herkules wirklich hinkam oder daß wir alles Großartige, wo sichs auch finde, auf seinen Ruhm zurückzuführen gewohnt sind. An Kühnheit hat es dem Drusus Germanicus auch nicht gefehlt; doch das Meer ließ sich, ließ die Spuren des Herkules nicht erforschen. Seither hat es niemand versucht; [pg 27]es schien frömmer und ehrfürchtiger, an die Taten der Götter zu glauben, als um sie zu wissen.
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So weit gegen Westen hin kennen wir Germanien. Gegen Norden tritt es in ungeheurem Bogen zurück. Gleich zuerst findet sich hier das Volk der Chauken; obwohl es schon nächst den Friesen beginnt und noch einen Teil der Küste innehat, zieht es sich auch in der Flanke aller hier beschriebenen Stämme hin und reicht zuletzt im Bogen bis zu den Chatten. Und diese gewaltige Ländermasse haben die Chauken nicht nur in ihrem Besitz, sondern sie füllen sie auch aus; ein Volk, das unter den Germanen in höchstem Ansehen steht und es dabei vorzieht, seine Macht auf Gerechtigkeit zu stützen. Ohne Habgier, ohne unbändige Herrschsucht leben sie ruhig für sich und reizen keinen zum Kriege, verwüsten sie, rauben und plündern keinem sein Gut. Es ist das höchste Zeugnis für ihre Tapferkeit und Stärke, daß sie ihre überlegene Macht keinem Übergriff danken. Doch haben sie alle rasch die Waffen bereit, und wenn es die Not erfordert, ein Heer: Rosse und Mannen in reicher Zahl. Auch wenn sie Ruhe halten, bleibt ihnen ihr Ruf.
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Zur Seite der Chauken und Chatten haben die Cherusker lange unangefochten einen allzu tiefen, erschlaffenden Frieden gehalten. Das brachte ihnen mehr Behagen als Sicherheit, da es verkehrt ist, zwischen unbändigen, mächtigen Nachbarn ruhig zu bleiben. Wo Faustrecht gilt, darf sich nur der Überlegene friedlich und redlich nennen. So heißen die Cherusker, einst als die Wackeren, Gerechten bekannt, jetzt Weichlinge und Toren; den siegreichen Chatten wurde ihr Glück als Weis[pg 28]heit gedeutet. Mitgerissen vom Sturz der Cherusker wurden auch die Fosen, ihr Nachbarvolk. Im Glück die Geringeren, sind sie nun rechte Gefährten des Mißgeschicks.