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Dafür ehrt die Langobarden ihre geringe Zahl. Von sehr vielen mächtigen Völkern eingeschlossen, haben sie sich nicht durch Unterwürfigkeit, sondern in Kampf und Wagnis gesichert. Es folgen Reudigner, Avionen, Angeln, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuithoner, alle durch Flüsse oder Wälder geschützt. Zu den einzelnen ist sonst nichts zu bemerken; gemeinsam verehren sie die Nerthus, das ist die Mutter Erde; diese, so meinen sie, mische sich in das Treiben der Menschen und komme von Volk zu Volk gefahren. Es ruht auf einer Insel im Nordmeer ein heiliger Hain; darin steht ein geweihter Wagen, mit einer Hülle bedeckt, und nur [pg 31]der Priester darf ihn berühren. Er merkt die Gegenwart der Göttin im Heiligtum und geleitet ehrfürchtig ihren mit Kühen bespannten Wagen. Dann sind die Tage froh und festlich die Stätten, wo die Göttin einzuziehen und gastlich zu weilen geruht. Niemand geht in den Krieg, niemand greift zu den Waffen; verschlossen ist jegliches Eisen: es ist die einzige Zeit, da sie Ruhe und Frieden kennen, die einzige, da sie ihn lieben. Bis der Priester dann wieder die Göttin, des Umgangs mit sterblichen Menschen ersättigt, in ihren heiligen Bezirk zurückbringt. Dann wird der Wagen, seine Umhüllung und – wenn man es glauben darf – die Göttin selbst in einem unzugänglichen See genetzt. Sklaven helfen beim Dienst, die alsbald der nämliche See verschlingt. Daher das geheime Grauen und das heilige Dunkel um etwas, was nur Todgeweihte erschauen.
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Und dieser Teil der Sueben zieht sich bis in ziemlich entlegene Länder Germaniens hin. Näher – um, wie noch zuvor dem Rhein, so jetzt der Donau zu folgen – haust das Volk der Hermunduren, den Römern ergeben. Darum ist ihnen allein von allen Germanen der Verkehr nicht nur an der Ufergrenze, sondern auch tief ins Reich hinein und selbst in der glänzendsten Kolonie der rätischen Provinz erlaubt. Wo sie wollen, kommen sie ohne Aufsicht herüber, und während wir den übrigen Stämmen nur unsere Waffen und Lagerplätze zeigen, haben wir diesen ohne ihr Begehren unsere Häuser und Landsitze geöffnet. Im Lande der Hermunduren entspringt die Elbe, einst ein vielgerühmter, bekannter Strom; jetzt hört man nur eben von ihm.
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Nächst den Hermunduren wohnen die Varisten und weiter hin die Markomannen und Quaden. Hoch ragen die Markomannen an Ruhm und Kraft hervor; auch ihr Land danken sie der eigenen Tapferkeit, die einst die Bojer vertrieb. Doch schlagen auch Varisten und Quaden nicht aus der Art; und dies ist gleichsam die Stirnwehr Germaniens entlang der Donau. Markomannen und Quaden haben noch bis auf unsere Zeit Könige vom heimischen Stamm behalten, des Marbod und Tudrus edles Geschlecht. Jetzt fügen sie sich auch Fremden; aber Macht und Gewalt kommt ihren Königen vom römischen Ansehen. Selten werden sie von unseren Waffen, öfter durch Geld unterstützt; es tut ihnen nicht Eintrag.