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Ich könnte einen großen Teil meiner Zeit aufwenden, um gegen solche Narrheiten zu eifern, denn sie bedeuten wirklich eine Leichtfertigkeit in einer Zeit derartiger Gefahr und Volksverseuchung, aber meine Aufzeichnungen wollen hauptsächlich die Tatsache als solche festlegen. Wie viele dieser armen Teufel später die Wirkungslosigkeit von all diesem Zeug herausfanden, wie viele in den Leichenkarren fortgeschafft und mitsamt ihren Amuletten und ihrem teuflischen Quark um den Hals in die Massengräber geworfen wurden, das wird im folgenden noch besprochen werden.
Alles dies war die Folge von der Kopflosigkeit, die das Volk ergriffen hatte, nachdem das erste Gerücht von der Pest sich ausbreitete, also ungefähr um Michaeli 1664, dann besonders, als die beiden Männer in St. Giles Anfang Dezember starben, und später noch einmal im Februar. Denn als nun die Seuche offenbar weiter um sich griff, begannen die Leute bald den Unsinn einzusehen, sich solchen unnützen Kerlen anzuvertrauen, die ihnen nur das Geld aus der Tasche zogen. Dann schlug ihre Angst in Stumpfheit und eine Art von Fühllosigkeit um, da sie nicht wußten, was sie tun oder lassen sollten, um sich Erleichterung zu verschaffen. Sie rannten von einem Nachbarn zum andern, oder auch in den Straßen herum, von einer Tür zur andern und riefen fortwährend: Herr, hab’ Mitleid mit uns, was sollen wir tun?
Ich glaube jetzt selbst, daß gleich nach dem ersten Auftreten der Seuche die Behörden die Lage des Volkes in ernsthafte Erwägung zogen. Ich werde gleich berichten, was geschah, um die Ordnung in Hinsicht auf die Bevölkerung und die verseuchten Familien aufrechtzuerhalten. Aber was den geistigen Gesundheitszustand anbetrifft, muß erwähnt werden, daß ich selbst das verrückte Wesen der Leute beobachtet habe, die wie Wahnsinnige hinter den Quacksalbern, Schwindlern, Wahrsagern und Hexenmeistern her waren. Der Lordmayor, ein sehr gewissenhafter und frommer Mann, bestimmte Ärzte und Bader zur Hilfe für die Armen, wenn sie krank wurden und befahl insbesondere dem Ärztekollegium, Leitsätze für billige Heilmittel bei allen Symptomen der Seuche herauszugeben. Das war auch wirklich eine der besten und richtigsten Maßregeln, die zu jener Zeit getroffen werden konnte; denn dadurch vertrieb man das Volk von den Türen der Quacksalber und bewahrte es davor, jedes Gift wahllos als Medizin hinunterzuschlucken und sich den Tod statt der Genesung zu holen.
Die Anweisung der Ärzte wurde in einer Sitzung des ganzen Kollegiums ausgearbeitet, und da sie hauptsächlich zum Gebrauch der Armen und zur Anwendung billiger Heilmittel berechnet war, wurde sie veröffentlicht und Abzüge an jeden gegeben, der davon haben wollte. Da sie überall im Wortlaut zu lesen ist, brauche ich den Leser damit nicht weiter zu belästigen.
Noch muß ich schildern, welche Maßregeln von den Behörden für die allgemeine Wohlfahrt getroffen wurden, um die Weiterverbreitung der Seuche zu verhindern, wenn sie einmal ausgebrochen war. Ich werde oft genug Veranlassung haben, von der Umsicht der Behörden zu reden, ihrer Wohltätigkeit und Sorgfalt für die Armen, ihrem Bemühen, die Ordnung aufrechtzuerhalten, Nahrungsmittel herbeizuschaffen und dergleichen mehr, als die Seuche nun wirklich zunahm. Aber zuerst will ich die Maßregeln beschreiben, die für die verseuchten Familien in Kraft traten.
Ich erwähnte schon früher das Absperren der Häuser, und es muß gerade darüber mehr gesagt werden. Wenn auch dieser Teil der Geschichte der Pest vielleicht der allertraurigste ist. Aber auch das Ärgste darf nicht verschwiegen werden.
Anfang Juni etwa begannen der Lordmayor von London und das Ratskollegium ihr besonderes Augenmerk auf die Ordnung in der Stadt zu richten.
Die Friedensrichter von Middlesex hatten im Auftrage des Staatssekretärs die Absperrung der Häuser in den Kirchspielen von St. Giles in the Fields, St. Martin, St. Clement Danes usw. verfügt, und zwar mit gutem Erfolge. Denn in mehreren Straßen, wo die Seuche ausgebrochen war, erlosch sie wieder, als man die verseuchten Häuser streng bewachte und dafür sorgte, daß die Verstorbenen sofort nach ihrem Tode begraben wurden. Es wurde auch beobachtet, daß die Pest früher in jenen Kirchspielen nachließ, wo sie zuerst am heftigsten gewütet hatte, als in Bishopsgate, Shoreditch, Aldgate, Whitechapel, Stepney und anderen, und es zeigte sich, daß die dort frühzeitig ergriffenen Maßregeln ein gutes Mittel waren, der Seuche Einhalt zu tun.
Die Absperrung der Häuser war eine Maßregel, die, soweit ich unterrichtet bin, zum ersten Male während der Pest von 1603, als König Jakob I. auf den Thron kam, angewendet wurde. Damals wurde die Vollmacht, Leute in ihren eigenen Häusern abzusperren, durch eine Parlamentsakte gewährleistet, deren Titel lautete: Beschluß über die mildtätige Unterstützung und Behandlung von an der Pest erkrankten Personen. Auf diese Parlamentsakte stützte sich die Anordnung des Lordmayors von London und des Ratskollegiums, die am 1. Juli 1665 herauskam, als die Zahl der Verseuchten innerhalb der City noch klein war. Sie betrug damals für die 92 Kirchspiele nur vier. Einige Häuser waren bereits abgesperrt worden, und mehrere Kranke hatte man in das Pesthaus über Bunhill Fields hinaus, auf dem Wege nach Islington, gebracht. Durch derartige Maßregeln hatte man erreicht, daß die Sterblichkeit in der City sich auf nicht mehr als 28 belief, während die Gesamtsterblichkeit innerhalb einer Woche schon an ein Tausend ging. So war die City verhältnismäßig besser dran als irgendein Stadtteil während der ganzen Pestzeit.