Auch ich begann mir ernstlich zu überlegen, was ich selbst tun und mit mir anfangen, ob ich mich zum Bleiben in London entschließen oder gleich den meisten meiner Nachbarn mein Haus zuschließen und fliehen sollte. Ich spreche darüber so ausführlich, weil es für die, die künftig vielleicht einmal in die gleiche schlimme Lage kommen und sich derselben Entscheidung gegenübersehen, von einiger Bedeutung sein mag, und daher soll mein Bericht eher ein Fingerzeig für ihre Handlungsweise, als eine Geschichte meiner eigenen Handlungen sein, angesehen, daß es ihnen auch nicht die Bohne verschlagen dürfte zu wissen, was aus mir wurde.

Zwei wichtige Dinge hatte ich in Betracht zu ziehen: einerseits die Fortführung meines Geschäftes, das nicht unbedeutend war, und in dem mein ganzes Geld steckte, andererseits die Erhaltung meines Lebens in dieser Unglückszeit, die, wie ich wohl vorhersah, über die ganze Stadt kommen würde, und die meine Angst noch ins Ungemessene vergrößerte.

Der erste dieser beiden Gesichtspunkte war für mich von erheblichem Belang. Mein Geschäft war das eines Sattlers, und da es der Hauptsache nach nicht in einem Ladengeschäft bestand, sondern im Handel nach den englischen Kolonien in Amerika, steckte mein Geld zum größten Teile in den Händen der dahin exportierenden Kaufleute. Ich war zwar Junggeselle, hatte aber einen Haufen von Leuten, die ich im Geschäft brauchte, ein Haus, einen Laden, Lager voll von Waren – und dies alles sich selbst zu überlassen, wie es unter den jetzigen Umständen nun einmal nicht anders ging, ohne Aufseher oder eine richtige Vertrauensperson, hieß nicht nur mein Geschäft aufs Spiel setzen, sondern mein ganzes Vermögen und alles, was ich auf der Welt mein eigen nannte.

Damals befand sich ein älterer Bruder von mir in London, der einige Jahre früher von Portugal dahin gezogen war. Mit diesem beriet ich mich, und seine Antwort war in drei Worten dieselbe, die bei einer ganz anderen Gelegenheit gegeben worden war, nämlich: Herr, rette dich! Kurz, er war dafür, daß ich mich aufs Land begeben sollte, was zu tun er auch selbst mit seiner Familie entschlossen war. Er wiederholte, was er im Ausland gehört hatte, daß das beste Mittel gegen die Pest wäre, vor ihr davonzulaufen. Meine Befürchtungen wegen des Verlustes meines Geschäftes, meines Geldes und meiner Außenstände, widerlegte er mit denselben Gründen, die ich selbst für mein Bleiben ins Feld führte, indem er mein Vertrauen auf den Schutz Gottes in Hinsicht auf die Erhaltung meines Lebens meiner Angst vor dem Verlust meiner Habe gegenüberstellte. »Wäre es nicht vernünftiger,« meinte er, »ein ebensolches Vertrauen in Gott zu setzen, wenn es sich um die Erhaltung deines Vermögens handelt, als dich einer so fürchterlichen Gefahr auszusetzen und ihm die Erhaltung deines Lebens anheimzustellen?«

Ich konnte nicht einmal als Gegenargument ins Feld führen, daß ich nicht wüßte, wohin ich mich wenden sollte, da ich mehrere Freunde und Verwandte in Northhamptonshire besaß, woher unsere Familie stammte; außerdem wohnte in Lincolnshire meine einzige Schwester, die mich mit Freuden aufgenommen hätte.

Mein Bruder, der seine Frau und seine zwei Kinder nach Bedfordshire vorausgeschickt hatte und ihnen zu folgen entschlossen war, drang in mich, mich auch davonzumachen. Einmal wollte ich ihm schon nachgeben, konnte mir aber damals kein Pferd verschaffen. Denn obwohl es noch Menschen in London gab, kann man doch sagen, daß die Pferde daraus verschwunden waren. Wochenlang war in der ganzen Stadt kein einziges Pferd zu mieten oder zu kaufen. Dann entschloß ich mich wieder, mit einem Diener zu Fuß auszuziehen, die Gasthäuser zu vermeiden und ein Soldatenzelt mitzuführen, um im Freien zu übernachten, was bei dem warmen Wetter ohne Fährlichkeit geschehen konnte. Wirklich machten’s auch viele so, besonders solche, die während des früheren Krieges gedient hatten, und ich muß sagen: hätten’s alle, die auswanderten, so gemacht, so wäre die Pest nicht in so zahlreiche Provinzstädte hinausgetragen worden, wie es tatsächlich zum großen Schaden und Verderben unzähliger Menschen geschah.

Aber dann ließ mich der Diener, den ich hatte mitnehmen wollen, im Stiche, da ihn die Zunahme der Seuche entsetzte und er im unsichern war, wann ich mich auf den Weg machen würde. So lief er auf eigene Faust davon, und vereitelte, für den Augenblick wenigstens, meine Absichten. Überhaupt kam, so bald ich mich zur Abreise entschlossen hatte, immer irgend etwas dazwischen, daß ich sie wieder aufgeben mußte, und darüber, daß nämlich solche Hindernisse vom Himmel gesandt werden, möchte ich doch etwas sagen, wenn es auch eine Abschweifung bedeutet.

Eines Morgens, als ich über diese Sache nachsann, wurde es mir ganz einleuchtend, daß, da nichts ohne das Eingreifen oder die Zulassung der göttlichen Macht geschieht, auch diese Hindernisse eine besondere Bedeutung haben müßten. Es zwang mich förmlich zu überlegen, ob darin nicht ein augenscheinlicher Hinweis auf den Willen Gottes liege, daß ich nicht abreisen solle. Daran schloß sich der Gedanke, daß, wenn Gott wirklich mein Bleiben wolle, er auch sicherlich die Macht hatte, mich mitten in all der Gefahr und trotz des drohenden Todes am Leben zu erhalten. Und daß andererseits meine Flucht entgegen all dieser Hinweise, an deren göttliche Natur ich glaubte, nichts anderes war als eine Flucht vor Gott, dessen Hand mich erreichen konnte, wo und wann es ihm beliebte.

Solche Gedanken warfen alle meine Entschlüsse wieder um, und als ich wieder zu meinem Bruder kam, sagte ich ihm, daß ich bleiben und mein Los dort erwarten wolle, wohin mich Gott gestellt habe, und daß mir dies in Anbetracht alles dessen, was ich eben ausgeführt habe, auch meine Pflicht scheine.

Obwohl mein Bruder selbst ein sehr frommer Mann war, lachte er doch über das, was ich Fingerzeige des Himmels genannt hatte, und hielt mir mehrere Geschichten von »solchem dummdreisten Volk« vor, wie er sich ausdrückte, das mir ähnlich wäre. Freilich sollte ich es als ein Eingreifen der himmlischen Macht betrachten, wenn ich etwa durch Krankheit verhindert würde, London zu verlassen. Dann könnte ich mich ruhig der Leitung meines Schöpfers überlassen, der nach seinem Gutdünken mit mir verfahren würde, und die Entscheidung, was die Vorsehung über mich verhängt habe und was nicht, wäre nicht schwer zu treffen. Daß ich es aber als einen Fingerzeig Gottes betrachte, daß ich kein Pferd zu mieten kriegen könne oder mein Diener, der mich auf der Reise begleiten sollte, weggelaufen war, wäre lächerlich, angesehen ich zur gleichen Zeit meine Gesundheit und meine Körperkräfte behalten hätte, auch noch andere Diener besäße, und somit leicht ein oder zwei Tage zu Fuß wandern könne. Und da ich außerdem ein Gesundheitszeugnis hätte, könnte ich nach meinem Belieben dann auf der Strecke ein Pferd mieten oder auch die Post nehmen.