Die Furcht, wieder in die Hände der Mauren zu fallen, hielt mich indes ab, an das Land zu steigen oder die Anker auszuwerfen. Vielmehr segelte ich fünf Tage lang ununterbrochen fort und warf erst dann, als ich mich außer aller Verfolgung glauben durfte, den Anker nicht weit von der Mündung eines kleinen Flusses, ohne zu wissen, wo ich mich eigentlich befand. Es kam mir niemand zu Gesicht, und ich wollte auch niemand sehen; alles, was ich bedurfte, war frisches Wasser. Wir liefen am Abend in die Bucht ein und beschlossen, mit einbrechender Nacht zu landen, um die Küstengegend zu untersuchen.
Von meiner ersten Reise her wußte ich, daß die Kanarischen Inseln und die Inseln des Grünen Vorgebirges nicht weit entfernt sein konnten. Da ich aber die Lage nicht genau kannte, so hatte ich nur die Hoffnung, vielleicht einem englischen Schiffe zu begegnen, das uns aufnehmen könnte. Nach meinem Vermuten lag das Land, welches ich gesehen hatte, zwischen dem Kaisertum Marokko und Nigritien, dessen weite Einöden nur von wilden Tieren bewohnt sein sollten. Die Neger hatten sich von hier aus südwärts gezogen, aus Furcht vor den Mauren; letztere aber betraten diese unfruchtbaren Landstriche nur, um in Haufen von Tausenden große Jagden abzuhalten. Löwen und Leoparden, Schakale und Hyänen fanden wir auf der ganzen Strecke, die wir an der Küste hinfuhren, äußerst zahlreich, und während der Nacht musizierten diese wilden Bestien in allen Tonarten.
Eines Morgens legten wir, um frisches Wasser einzunehmen, an einer kleinen, ziemlich hohen Landzunge an; die Flut stieg höher und höher, und wir wollten sie eben benutzen, um weiter vorwärts zu treiben, als Xury, der ein schärferes Auge hatte als ich, mir zuflüsterte: »Herr, wir müssen fort, dort an dem Felsen ist ein fürchterliches Tier.«
Ich blickte hin und erkannte in der That einen großen Löwen, welcher sorglos schlief.
Nachdem ich meinem Knaben bedeutet hatte, still zu sein, lud ich unser größtes Gewehr mit zwei Kugeln und legte es neben mich, hierauf machte ich auch meine zweite Flinte schußfertig und lud die dritte mit fünf Posten. Wohl zielte ich beim ersten Schuß genau nach dem Kopfe des Löwen; aber da er die Tatzen über die Schnauze hielt, so traf der Schuß eine derselben über dem Gelenke und zerschmetterte sie. Er fuhr auf, sank aber wieder nieder und erhob sich von neuem auf drei Pfoten, indem er ein entsetzliches Gebrüll ausstieß. Da ergriff ich die zweite Flinte und traf ihn so sicher durch den Kopf, daß er sich in Todeszuckungen wälzte. Jetzt faßte Xury sich ein Herz und wollte ans Ufer gehen; er sprang ins Wasser und schwamm, während er mit der einen Hand die Flinte über seinem Kopfe hielt, mittels der andern an das Ufer. Als er in der nächsten Nähe des Tieres war, setzte er ihm das Gewehr an das Ohr und tötete es vollends.
Da fiel mir ein, daß uns vielleicht das Fell des Löwen von Nutzen sein könnte. Wir machten uns sofort an die Arbeit. Obwohl Xury recht geschickt damit umzugehen wußte, plagten wir uns dennoch einen ganzen Tag lang, ehe wir die Haut vollständig abgestreift hatten; darauf ließen wir sie zwei Tage auf dem Dache der Kajütte ausgebreitet trocknen, und ich bediente mich dann ihrer zum Lager.
Nach diesem Aufenthalte steuerten wir wieder mehrere Tage südwärts. Sorgsam schonten wir unsern Mundvorrat, der bald zu Ende gehen mußte, und landeten nur, um frisches Wasser einzunehmen. Meine Absicht ging dahin, den Fluß Senegal oder den Gambia zu erreichen, d. h. die Höhe des Grünen Vorgebirges, um vielleicht ein europäisches Fahrzeug zu treffen; denn ich wußte, daß alle nach der Küste von Guinea, nach Brasilien oder Ostindien bestimmten Schiffe das Grüne Vorgebirge umsegeln mußten.
An einigen Orten kamen nackte schwarze Menschen an den Strand, um uns anzustaunen. Einmal wollte ich zu ihnen ans Land gehen, aber der kluge Xury riet mir davon ab. Die Wilden waren ohne Waffen, nur ein einziger trug einen langen Stab; Xury belehrte mich, es sei eine Lanze, welche diese Neger auf weite Entfernungen mit wunderbarer Sicherheit schleudern können. Ich hielt mich daher in angemessener Entfernung und suchte nur durch Zeichen ihnen zu verstehen zu geben, daß wir Lebensmittel wünschten. Sie winkten mir darauf, mit dem Boote still zu halten, ich legte bei und näherte mich dem Ufer, während zwei der Männer landeinwärts liefen und nach einer halben Stunde zwei Stücke getrocknetes Fleisch nebst etwas Korn zurückbrachten. Gern hätten wir zugegriffen, wir wagten uns jedoch nicht unter die Neger. Allein diese hegten ebenso große Furcht vor uns; sie legten die Lebensmittel am Strande nieder, zogen sich dann zurück und warteten, bis wir das Niedergelegte geholt hatten, worauf sie sich wieder dem Ufer näherten.
Wir dankten ihnen durch Zeichen, da wir ihnen etwas andres nicht zu bieten hatten; doch sollte sich bald eine Gelegenheit finden, durch die wir ihnen einen großen Dienst erweisen konnten. Zwei furchtbare Tiere, von denen das eine das andre verfolgte, rannten von den Bergen gegen die See herab. Die Neger liefen in hastigem Laufe davon, nur der Mann mit der Lanze blieb stehen. Die beiden Bestien dachten indes nicht daran, die Schwarzen anzufallen, sondern stürzten in das Wasser, als seien sie nur gekommen, um sich an einem frischen Bade zu erquicken. Ich lud unsre drei Gewehre, und da eines der Tiere nahe genug gekommen war, schoß ich dasselbe gerade durch den Kopf, so daß es untersank. Bald aber kam es wieder in die Höhe, tauchte bald auf, bald unter und schien mit dem Tode zu ringen. Das andre Tier, von dem Blitz und Knall des Gewehres abgeschreckt, schwamm an das Ufer und lief nach der Wildnis zurück.
Unmöglich läßt sich das Staunen der Neger beschreiben, das sie bei dem Knalle und dem Feuer meiner Flinte befiel. Als sie aber das Tier tot auf dem Wasser schwimmen sahen und ich ihnen winkte, ans Ufer zu kommen, faßten sie wieder Mut. Ich schlang dem Tier einen Strick um eine Pfote und warf dessen Ende den Negern zu, welche dann den Leichnam ans Land zogen. Jetzt erst bemerkte ich, daß es ein kräftiger, schön gefleckter Leopard war. Die Neger gaben mir zu verstehen, daß sie nicht übel Lust hätten, das Fleisch des Leoparden zu essen; und da ich ihnen durch Zeichen ausdrückte, daß ich ihnen diese Beute zum Geschenk machen wolle, schienen sie außerordentlich dankbar zu sein und gingen sogleich daran, dem Tiere die Haut abzuziehen.