Ich hing meine Flinte über die Schulter und wanderte nach dem Innern der Insel. Die Hitze war gewaltig, denn bekanntlich ist im Januar unter den Tropen ebenfalls heiße Jahreszeit; so sah ich mich genötigt, wiederholt unter dem Schattendache belaubter Bäume auszuruhen. Den ganzen Tag wanderte ich umher. Allmählich nahte der Abend heran, nachdem ich mehrere liebliche Thäler durchschritten hatte, die sich nach dem Herzen des Eilandes verliefen. Hier sah ich an verschiedenen Plätzen zahlreiche Herden von Ziegen weiden; aber so oft ich auch versuchte, mich diesen Tieren zu nähern, immer wußten sie mit schlauer List zu entrinnen. Deshalb beschloß ich am andern Tage, meinen Hund mitzunehmen und ihn auf die Ziegen zu hetzen, um womöglich mehrere lebendig in meine Gewalt zu bekommen und sie wie Hausvieh an mich zu gewöhnen. Ich hatte indes die Rechnung ohne den Wirt gemacht; denn als ich am nächsten Tage meinen Phylax auf eine Herde losließ, kehrten sich die Tiere plötzlich gegen den Hund um, dieser aber verspürte keine absonderliche Lust, mit den hörnernen Waffen der Langbärte Bekanntschaft zu machen. Er schmiegte sich furchtsam an mich, und so ließ ich die Sache einstweilen ruhen.

Bis gegen die Mitte des Monats April beschäftigten mich die Arbeiten für eine bessere Umzäunung meiner Burg; während dieser Zeit hatte mich der Regen oftmals gezwungen, mehrere Tage hintereinander mit meinen Befestigungskünsten einzuhalten. Daß mir die Herrichtung jedes einzelnen Pfostens große Schwierigkeiten verursachte, kann man sich wohl denken, zumal die Pfähle weit aus dem Innern der Insel zu holen waren und die Einrammung meine Kräfte stark in Anspruch nahm.

Einst traf ich eine Art wilder Tauben, welche nicht wie die andern Holztauben ihre Nester auf Bäumen bauen, sondern nach Art der Erdschwalben in den Ritzen des Gesteins nisten. Ich nahm einige der Jungen aus und fütterte sie groß; als ihnen jedoch später mit den wachsenden Flügeln der Mut gewachsen war, flogen sie davon, ihren alten Heimatssitzen zu.

Obwohl ich viele Dinge besaß, die mir in meiner Einsamkeit trefflich zu statten kamen, so empfand ich doch nicht selten aufs schmerzlichste den Mangel an Beleuchtung. Ein guter Gedanke leitete mich auf das Fett der Ziegen, welches ich bisher nur verspeiste. Ich sammelte das Fett in ein irdenes, an der Sonne getrocknetes Gefäß und verfertigte mittels eines von Kabelgarn bereiteten Dochtes mir eine Art Kerzen.

Robinson und seine Ziege.

Während dieser Zeit hatte ich eine freudige Überraschung eigentümlicher Art. Wenige Schritte von meiner Festung bemerkte ich zehn oder zwölf Ähren Gerste und außer diesen etliche Weizen- und Reishalme. Wie mochten jene Getreidearten nach diesem Eiland und in dieses Klima gekommen sein? Unwillkürlich kam ich auf den Gedanken, daß die Vorsehung Gottes hier ein Wunder zugelassen habe. Endlich erinnerte ich mich, daß ich während der Regenzeit an dieser Stelle jenes Säckchen ausgeschüttet hatte, in welchem sich noch einige kümmerliche Reste der durch die Ratten benagten Gersten-, Weizen- und Reiskörner befanden. Jenes Säckchen hatte ich mittlerweile zum Pulverbeutel benutzt.

Mit dieser natürlichen Erklärung des Wunders regte sich bei mir erst recht das Gefühl der Dankbarkeit gegen Gott. Hatte ich doch alle Ursache, die Erhaltung dieser wenigen Körner als ein besonderes Zeichen seiner Güte anzusehen.

Die Umhegung meiner Hütte war um Mitte April nun vollendet, und ich glaubte mich jetzt für hinreichend geschützt halten zu können. Aber schon am nächsten Tage hätte nicht viel gefehlt, und es wären fast alle meine Arbeiten, die Frucht so langer Zeit und so vieler Mühen, zerstört worden.

Ich war gerade hinter meinem Zelte mit einer Arbeit beschäftigt, als plötzlich der Boden anfing zu erzittern. Von der Decke der Höhle fiel Schutt nieder, die Stützen der Mauern wankten und stürzten mit fürchterlichem Gekrach zusammen. Aus Furcht, unter den Trümmern begraben zu werden, legte ich eiligst die Leiter an und sprang über die Palissaden hinüber. Kaum hatte ich den Erdboden erreicht, so sah ich, wie eine ziemliche Strecke von mir entfernt ein mächtiger Felsblock sich von einem der Berge ablöste und mit donnerähnlichem Getöse in die wildbrandenden Wogen hinabrollte. Noch nie hatte ich ein so heftiges Erdbeben erlebt; meiner Sinne nicht mächtig, war ich unter einem Baume niedergesunken und unwillkürlich rief ich: »Herr Gott, erbarme dich meiner!«