Zunächst begab ich mich an jenen Hügel, von welchem aus ich meine Beobachtungen angestellt hatte; dann wartete ich die Ebbe ab, um bei niedrigem Wasserstande über die Mündung des Baches zu gelangen, der am Fuße des Hügels hinfloß. Anfangs hielt ich mich längs des Ufers desselben, dann aber bog ich nordwärts ab und kam so gegen Abend an einen Fluß, der bei weitem bedeutender war als alle übrigen, welche ich bisher aufgefunden hatte. Diesen passierte ich schwimmend und befand mich bald an der Küste, die sich hier sehr wild und öde, teils hügelig, teils felsig und nur mit Gestrüpp bewachsen zeigte.
Schon brach die Nacht herein, als ich endlich mein Fahrzeug auffand; ich machte es mir darin so bequem als möglich und war, von dem Ereignis des heutigen Tages befriedigt, bald in tiefen Schlaf versunken.
Kaum hatte mich die Morgensonne aus meinem Schlummer erweckt, als ich wohlgemut meine Reise weiter fortsetzte. Nachdem ich einige Meilen zurückgelegt hatte, wurde mir eine Überraschung zu teil, die mich in die peinlichste und für die Folge auch schädlichste Aufregung versetzte: ich sah im Sande die deutliche Spur eines – Menschenfußes.
Ein Menschenfuß!
Eigentlich hätte ich mich freuen sollen, nach so langer Einsamkeit einmal die Spur eines menschlichen Wesens zu treffen; mein erster Gedanke galt jedoch den Wilden, den Menschenfressern, die, wie früher erwähnt, die benachbarten Gebiete oder Inseln bewohnen sollten. Wie vom Blitz getroffen, blieb ich beim Anblick des Fußabdrucks stehen; ich lauschte, ich blickte umher, sah und hörte aber nicht das Geringste. Ich bestieg in der Nähe einen kleinen Hügel, von welchem aus ich einen größeren Raum überblicken konnte; dann ging ich wieder an das Ufer des Meeres hinab und durchlief die Küste von einer Seite zur andern, um zu sehen, ob noch andre Fußtritte im Sande abgedrückt wären, aber ich konnte nichts entdecken. Hierauf untersuchte ich die zuerst erblickte Spur noch einmal, um mich zu vergewissern, ob mich vielleicht meine Sinne getäuscht hätten. Allein Zehen, Ferse, Ballen, kurz alle Teile eines Menschenfußes waren nur zu deutlich abgedrückt. Woher mochte diese Spur kommen?
Es schien fast unmöglich, dieses Geheimnis zu enträtseln. Entsetzen durchfuhr meine Glieder, wenn ich an die kaum mehr zu bezweifelnde Nähe von Kannibalenhorden dachte, und in äußerster Verwirrung schlug ich den Heimweg ein. Jetzt erschrak ich vor jedem Strauche, vor jedem Baume und fürchtete bei dem Rascheln eines Blattes einen Wilden auf mich losstürzen zu sehen. In halber Besinnungslosigkeit traf ich endlich wieder in meiner Burg ein, ohne daß ich mich nachträglich besinnen konnte, ob ich auf der Leiter oder durch die Felsenthür hereingekommen war. Kein Fuchs sucht hastiger seinen Bau auf, als ich nach meinem Zufluchtsorte eilte.
Vor Sorgen vermochte ich die ganze Nacht kein Auge zuzudrücken. Meine erregte Einbildungskraft erschreckte mich durch die furchtbarsten Trugbilder, und ich glaubte sogar einen Augenblick, daß jene Spur von dem leibhaftigen Gottseibeiuns herrühre. Konnte denn irgend ein menschliches Geschöpf ohne Fahrzeug meine Insel erreichen? Wo aber war irgend ein Schiff zu sehen, und wie kam es, daß ich nur eine einzige Fußspur entdeckte, da doch der Boden ringsum ganz dieselbe sandige und lockere Fläche zeigte?
Die Fußspur im Sande kam mir nicht aus dem Sinn. Konnten aber nicht die Kannibalen von jenem Festlande, welches ich gesehen hatte, durch irgend welchen Zufall auf meine Insel verschlagen worden sein? Vielleicht fühlten sie, da sie gerade an dem ödesten Teile der Insel landeten, kein sonderliches Behagen, hier Hütten zu bauen; sie konnten dann sehr wahrscheinlich meine Piroge gesehen und hieraus geschlossen haben, daß die Insel von Menschen bewohnt sei. Wie, wenn sie nun in größerer Anzahl von neuem erschienen, mich gefangen nahmen und nach ihrer barbarischen Weise schlachteten und verzehrten? Oder, wenn auch das nicht, so konnten sie doch meine Ziegen wegführen, meine Felder zerstören und mich meiner Vorräte berauben.
Solche und ähnliche Gedanken marterten meinen Geist drei Tage und drei Nächte lang, und ich wagte nicht, nur einen Schritt weit von meiner Felsenburg mich zu entfernen. Indessen gingen meine Vorräte an Wasser, Milch und Gerstenkuchen völlig zu Ende, und ebenso notwendig, als diese zu ersetzen waren, mußte ich meine Ziegen melken, weil sonst zu befürchten stand, daß ihnen die Milch vergehen möchte. Da half kein Zaudern mehr, und so schwer es mir auch ankam, wieder landeinwärts zu gehen, so mußte ich mich doch der Notwendigkeit fügen. Nachdem ich einige Schritte gegangen war, wurde ich etwas beherzter, ja ich fing an, mich über meine Zaghaftigkeit selbst auszuschelten. Dann endlich an Ort und Stelle angekommen, melkte ich meine Ziegen, welche mich schon längst erwartet zu haben schienen.