Für die Sicherheit eines Teiles meiner lebendigen Vorräte war jetzt gesorgt. Nun durchstreifte ich die Insel, um einen Platz ausfindig zu machen, der sich zu einem Reservepark umschaffen ließe. Bei diesen Wanderungen drang ich weiter, als dies bisher geschehen war, gegen die westliche Spitze der Insel vor, und als ich meine Augen auf die See hinausrichtete, kam es mir vor, als schaukle ein Boot auf den Wellen.
Ich war jetzt an einer Stelle der Insel, die ich bis dahin noch nicht betreten hatte. Wer aber malt mein Entsetzen, als ich mich hier umschaute! Jetzt fand ich mit einem Mal Aufklärung über jene Fußspur, und zwar in einer Art, die meine vormalige Furcht völlig rechtfertigte. Ringsum sah ich das Ufer mit Hirnschädeln, Arm- und Fußknochen und andern menschlichen Körperteilen bedeckt. Besonders fiel mir ein Kreis in die Augen, den die Kannibalen in die Erde gegraben hatten, um wahrscheinlich innerhalb desselben bei einem großen Feuer ihre abscheulichen Festmahlzeiten abzuhalten.
Die Reste der Kannibalenmahlzeit.
Dieser Anblick erschütterte mich so, daß ich im Augenblick an die eigne Gefahr gar nicht dachte. Mein ganzes Gefühl empörte sich gegen eine solche Entartung der menschlichen Natur. Dieser Platz war mir fortan ein Ort des Grauens, und ich eilte, so schnell mich meine Beine trugen, nach meiner Wohnung zurück. Als ich eine halbe Meile gelaufen, blieb ich plötzlich stillstehen, um meine Gedanken zu sammeln. Mit thränenden Augen blickte ich zum Himmel empor und dankte Gott aus der innersten Tiefe meines Herzens, daß er mich unter Menschen geboren werden ließ, wo solche Abscheulichkeiten nicht vorkommen. Ebenso dankte ich auch der Vorsehung, daß sie mich an derjenigen Seite der Insel stranden ließ, wo jene Kannibalen nur höchst selten, ja vielleicht niemals landeten, und daß trotz meiner öfteren Hin- und Herzüge in und um das Land meine Anwesenheit von ihnen noch nicht bemerkt worden war. Beherrscht von dieser trostreichen Stimmung, setzte ich meinen Gang fort und kam endlich in meiner Burg wieder an, weit mehr beruhigt über meine Sicherheit als zuvor.
Dieses Gefühl der Sicherheit dauerte indes nicht lange; die Unruhe nahm wieder überhand, und ich verhielt mich fast zwei Jahre lang in meinen Wohnungen gleichsam wie ein Gefangener, kaum daß ich mich zu meinen drei Pflanzungen, meinem Lusthause und meiner Weide im Walde hinwagte, welche letztere ich nur besuchte, um Ziegen zu fangen. In beständiger Besorgnis, daß die Wilden meinen Aufenthalt auswittern möchten, suchte ich alles zu vermeiden, was ihnen die Spur meines Verweilens verraten konnte.
Vor allen Dingen unterließ ich es jetzt, ein Feuergewehr abzuschießen, weil ich befürchtete, von den Wilden gehört zu werden. Aber ein ander Ding war es mit dem Rauch, der aus meinem Versteck aufstieg! Wie leicht konnte er mich den Falkenaugen der Kannibalen verraten! Wenn ich daher Brot zu backen oder irdene Geschirre zu brennen hatte, so wendete ich Holzkohlen an. Ich hatte nämlich als Knabe in der Heimat gesehen, wie man Holz unter Torferde anzündete und durch Glühen in Kohlen verwandelte. Dieses Verfahren wandte ich jetzt an und vermied dadurch das Aufsteigen des Rauches.
Auch ging ich während dieser Zeit nicht mehr aus, um nach meinem Kanoe zu sehen; denn unter den jetzigen Umständen durfte ich nicht daran denken, das andre Fahrzeug zurückzuholen. Stets unternahm ich meine Ausflüge nur unter dem Schutze von zwei oder drei Pistolen sowie eines Degens, zu welchem ich mir ein eignes Bandelier gemacht hatte. Man wird mir wohl glauben, daß ich in diesem Aufzuge im stande war, einigermaßen Furcht einzuflößen. Auf der Rückseite des bekannten Hügels fand ich einen Ort, wo ich die Wilden, falls sie landen sollten, von ihnen unbemerkt beobachten, mich auch durch das dichte Gebüsch heranschleichen, in einem hohlen Baume verbergen und ihrem barbarischen Treiben zuschauen konnte. Da stellte ich mir denn einige zwanzig Menschen vor, die unter meinen Kugeln oder Hieben zu Boden stürzten; die umherliegenden Schädel und Gebeine steigerten nur noch meinen Rachedurst.
Jede meiner Musketen lud ich mit vier bis fünf größeren Kugeln, die Jagdflinte mit grobem Schrot und die Pistolen mit drei bis vier kleineren Kugeln. Nachdem ich alles zu einem Kriegszuge ausgerüstet hatte, wanderte ich jeden Morgen auf einen Hügel, der ungefähr eine Meile von meiner Burg entfernt war, um zu beobachten, ob sich nicht ein Boot auf der See zeige, das nach meiner Insel zusteuere. Drei bis vier Monate lang hielt ich hier Tag für Tag Wache und spähte auf das Meer hinaus, ohne auch nur die geringste Spur eines Fahrzeugs zu entdecken. – Nach so vielen fruchtlosen Bemühungen war es natürlich, daß sich mein Eifer abkühlte; eine andre Anschauung der Verhältnisse gewann in mir die Oberhand.
Wer, so fragte ich mich selbst, hatte mich denn zum Richter über diese Menschen gesetzt, die noch gänzlich ihren grausamen Gewohnheiten ergeben vielleicht der Meinung leben, sie verrichten eine ihrer Gottheit gefällige Handlung? Ist es doch bei diesen Völkern Kriegsbrauch, welchen sie seit alten Zeiten von ihren Vätern ererbt haben, Gefangene mit sich zu führen und sie zu töten, und scheint es ihnen doch ebensowenig strafwürdig, als wenn wir ein unschuldiges Tier schlachten.