Er kam zu mir zurück und teilte mir die Gesinnungen der Seeleute mit. Da ich aber glaubte, daß unsre eigne Sicherheit keine allzugroße Nachgiebigkeit gestattete, so sandte ich den Kapitän mit der Antwort zurück: Die sechs gesunden Gefangenen sollten zur Expedition nach dem Schiffe zugelassen werden; hingegen sollte Atkins mit den beiden Verwundeten als Geiseln zurückbleiben und ohne weiteres aufgeknüpft werden, wenn die andern der Untreue sich schuldig machen würden. Die Begünstigten mußten feierlich geloben, dem Gouverneur unverbrüchlichen Gehorsam zu leisten.
Die Streitkräfte, welche uns für die Eroberung des Schiffes zur Verfügung standen, waren nun folgende. Erstens: der Kapitän, der Leutnant und der Passagier. Zweitens: fünf Freigelassene von der ersten Schaluppe. Drittens: Robertson, Tom Smith und drei Freigelassene von der zweiten Schaluppe. Im ganzen also dreizehn Mann. Ich und Freitag durften der Expedition nicht beiwohnen, da wir unsre Burg und unser sonstiges Eigentum sowie die Gefangenen im Auge behalten mußten.
Jetzt galt es, schnell das Loch, welches wir in eine der Schaluppen gebohrt hatten, zu verstopfen und sie zur Kriegsfahrt auszurüsten. Als alles instand gesetzt war, bestiegen der Kapitän, der Passagier und fünf Mann das eine Boot, während der Leutnant mit ebenfalls fünf Mann sich in dem andern einschiffte. Gegen Mitternacht segelte die Mannschaft ab; ich aber harrte am Strande und lauschte über das weite Meer, um zu vernehmen, welche Entscheidung der nächtliche Kampf herbeiführen würde.
Es mochte gegen 2 Uhr sein, als ich vom Schiffe aus sieben Kanonenschüsse vernahm, das verabredete Zeichen der gelungenen Ausführung. Man kann sich keine Vorstellung von meiner Freude machen, da ich den nahenden Augenblick meiner Rettung im Geiste vor mir sah; ich sank auf die Kniee nieder und dankte Gott inbrünstig für seine Barmherzigkeit. Dann begab ich mich mit Freitag nach Hause, und bald senkte sich ein tiefer Schlaf auf unsre müden Augen. Gegen Morgen wurden wir durch einen Kanonenschuß geweckt, und wenige Augenblicke darauf hörte ich mich laut rufen: »Gouverneur, Gouverneur!« Rasch bestieg ich, ein Fernglas in der Hand, meine Warte, wo ich den Kapitän bereits anwesend fand. Er schloß mich stürmisch in die Arme und sprach: »Mein Freund, mein Erretter! Dort liegt Ihr, unser stattliches Schiff; es gehört Ihnen, nebst allem, was wir besitzen!«
Ich wandte jetzt meine Blicke auf die See und sah das Schiff, kaum eine halbe Stunde vom Ufer entfernt, in der Bai vor Anker liegen.
Jetzt stand meiner Befreiung nichts mehr im Wege. Ein tüchtiges Schiff war zu meiner Bereitschaft, um mich zu bringen, wohin mein Herz begehrte. Ich umarmte den braven Kapitän und begrüßte ihn als meinen vom Himmel gesandten Befreier, der mich aus jahrelanger Verbannung erlösen sollte.
Als ich mich wieder erholt hatte, stiegen wir hinab. Im Innern der Burg erzählte mir der Kapitän den Hergang.
»Sobald sich unsre Schaluppe dem Schiffe näherte«, begann derselbe seinen Bericht, »befahl ich Robertson, die wachende Schiffsmannschaft anzurufen und zu sagen, er brächte ihre Kameraden zurück, die sie erst nach langem Suchen aufgefunden hätten.
»Mit solchen Reden wußte er sie so lange zu beschäftigen, bis die Schaluppe unter dem Schiffe beilegen konnte. Ich und unser tapferer Mitreisender gerieten zuerst mit den Meuterern ins Handgemenge. Sobald aber der noch schlaftrunkene stellvertretende Hochbootsmann niedergestreckt und auch der Zimmermann unschädlich gemacht worden, gelang es uns sehr bald, mit den übrigen drei uns zu Meistern des Halbdecks des Schiffes zu machen. Nachdem die gesamte Mannschaft des zweiten Bootes nachgeklettert war, säuberten wir das Vorderdeck, drangen von da in die Springluke, die nach der Küche führte, und nahmen hier den Koch und noch zwei andre Meuterer gefangen.