Achtundzwanzigster Gesang
Nachdem sie tadelnd mir das jetzge Leben
Der armen Menschen wahrhaft kundgemacht,
Sie, welche mir das Paradies gegeben,
Da, dem gleich, der im Spiegelglas bei Nacht
Der Fackel Schein sieht hinter sich entglommen,
Bevor er sie gesehn und dran gedacht,
Und rückblickt, ob das, was er wahrgenommen,
Auch wirklich sei, und sieht, daß Glas und Tat
So überein, wie Ton und Tonmaß, kommen;
War ich, und seinem Tun gleich, was ich tat,
Als ich ins Auge sah, woraus die Schlingen,
Um mich zu sahn, die Lieb entnommen hat.
Ich sah itzt das mir in die Augen dringen,
Als ich die Blicke suchend rückwärts warf,
Was die erspähn, die diesen Kreis erringen.
Mir strahlt ein Punkt, so glanzentglüht und scharf,
Daß nie ein Auge, das er mit dem hellen
Glutschein bestrahlt, ihm offen trotzen darf.
Ließ sich zu ihm das kleinste Sternlein stellen,
Ein Mond erschien es, könnt es seinem Licht
So nah wie Stern dem Stern sich beigesellen.
So weit, als Sonn und Mond ein Hof umflicht,
Vom eignen Glanz der beiden Stern entsprungen,
Wenn sich in dichtem Dunst ihr Schimmer bricht,
War um den Punkt ein Kreis, so schnell geschwungen
In reger Glut, daß er auch überwand
Den schnellsten Kreis, der rings die Welt umschlungen.
Und dieser war vom zweiten rings umspannt,
Um den der dritte dann, der vierte wallten,
Die dann der fünfte, dann der sechst umwand.
Drauf sah man sich den siebenten gestalten,
So weit, daß Iris halber Kreis, auch ganz,
Doch viel zu enge war, ihn zu enthalten.
Dann wand der achte sich, der neunte Kranz,
Je träger jeder Kreis im Schwung, je weiter
Er ferne stand von jenem einen Glanz.
Mehr ist des Kreises Flamme rein und heiter,
Je minder fern er ist von seiner Spur,
Und in der reinen Glut je eingeweihter.
Sie, die, mich sehend, meinen Wunsch erfuhr,
Sprach ungefragt: "Von diesem Punkte hangen
Die Himmel ab, die sämtliche Natur.
Sieh jenen Kreis, der ihn zunächst umfangen;
Das, was ihn treibt, daß er so eilig fliegt,
Es ist der heilgen Liebe Glutverlangen."
Und ich zu ihr: "Wäre die Welt gefügt
Nach dem Gesetz, das herrscht in diesen Kreisen,
So hätte völlig mir dein Wort genügt.
Doch in der Welt, der fühlbaren, beweisen
Die Schwingungen je größre Göttlichkeit,
Je ferner sie vom Mittelpunkte kreisen.
Drum soll in diesem Bau voll Herrlichkeit,
Im Tempel, den nur Lieb und Licht umschränken,
Ich ruhig sein, von jedem Wunsch befreit,
So sprich: Wie-kommts—ich kann mirs nicht erdenken
Daß Abbild sich und Urbild nicht entspricht.
Und andere Gesetze beide lenken?"
"Genügt dein Finger solchem Knoten nicht,
So ists kein Wunder—weil ihn zu entstricken
Niemand versuchte, ward er fest und dicht."
Sie sprachs, und dann: "Nimm, um dich zu erquicken,
Das, was ich dir verkünden werd; allein
Betracht es ganz genau mit scharfen Blicken.
Ein Körperkreis muß weiter, enger sein,
Je wie die Kraft, die sich durch seine Teile
Gleichmäßig ausdehnt, groß ist oder klein.
Die größre Güte wirkt in größerm Heile,
Und größres Heil füllt größeres Gebiet,
Ward jeder Gegend gleiche Kraft zuteile.
Der Kreis drum, der das Weltall mit sich zieht
In seinem Schwung, entspricht in seiner Weise
Dem, der am meisten liebt, am tiefsten sieht.
Darum, wenn du dein Maß dem Innern preise,
Und nicht dem äußern Umfang angelegt
Von dem, was dort erscheint, wie runde Kreise,
So wirst du, zur Bewunderung erregt,
Das Mehr und Minder sich entsprechen sehen
In jedem Kreis und dem, was ihn bewegt."
Wie rein das Blau erglänzt aus Äthers Höhen,
Wenn Boreas Luft aus jener Backe stößt,
Aus der gelinder seine Hauche wehen,
So, daß vom Dunst gereinigt und gelöst,
Der ihn getrübt, in seinen weiten Auen
Der Himmel lächelnd jeden Reiz entblößt;
So ward mir jetzt beim Worte meiner Frauen,
Denn dieses ließ die Wahrheit mich so klar,
Wie einen Stern am reinen Himmel schauen.
Und als ihr heilges Wort beendet war,
Da stellten anders nicht als siedend Eisen
Sich jene Kreise, funkensprühend, dar.
Die Funken folgten den entflammten Kreisen
In größrer Meng, als durch Verdoppelung
Schachfelder sich vertausendfacht erweisen.
Dem festen Punkt, der sie ohn Änderung
Dort, wo er sie erhält, auch wird erhalten,
Scholl Lobgesang aus dieser Kreise Schwung.
"Zwei Kreise sieh dem Punkt zunächst sich halten,"
Sie sprachs, stets wissend, was mein Geist ersinnt,
"Und Seraphim und Cherubim drin walten.
Sie folgen ihren Fesseln so geschwind,
Um, wie sie können, ihm sich anzuschließen,
Und können, wie sie hoch im Schauen sind.
Die Gluten drauf, die diese rings umfließen,
Die Throne sinds von Gottes Angesicht,
Benannt, weil sie die erste Dreizahl schließen.
So groß ist aller Wonn, als ihr Gesicht
Tief in die ewge Wahrheit eingedrungen,
Die alle Geister stillt mit ihrem Licht.
Durch Schaun wird also Seligkeit errungen,
Nicht durch die Liebe; denn sie folgt erst dann,
Wenn sie dem Schaun, wie ihrem Quell, entsprungen.
Und das Verdienst, das durch die Gnade man
Und Willensgüt erwirbt, ist Maß dem Schauen.
So steiget man von Grad zu Grad hinan.
Die andre Dreizahl, die in diesen Auen
Des ewgen Lenzes blüht, und welcher nie
Das Laub entfällt bei nächtgen Widders Grauen,
Singt ewig in dreifacher Melodie
Hosiannagesang in dreien selgen Scharen,
Und also eins aus dreien bilden sie.
Herrschaften sinds, die erst sich offenbaren,
Die Tugenden sind dann im zweiten Kranz,
Im dritten sind die Mächte zu gewahren.
Die Fürstentümer sieh zunächst im Tanz,
Dann die Erzengel ihre Lieb erproben;
Den letzten Kreis füllt Engelsfeier ganz.
Die Ordnungen schaun allesamt nach oben;
Nach unten wirken sie, was lebt, mit sich
Zu Gott erhebend und zu ihm erhoben.
Und Dionysius rang so brünstiglich,
Damit sein Blick die Ordnungen betrachte,
Daß er sie nannt und unterschied wie ich.
Wahr ist es, daß Gregorius anders dachte,
Doch er belächelte dann seinen Wahn.
Sobald er erst in diesem Reich erwachte.
Hat solch Geheimnis kund ein Mensch getan,
So staune nicht; von ihm, der alles schaute,
Hatt er davon auf Erden Kund empfahn,
Der sonst auch viel vom Himmel ihm vertraute."
Neunundzwanzigster Gesang
So lang, wenn beide Kinder der Latone
Bedeckt von Wag und Widder stehn, am Rand
Des Horizonts, vereint in einer Zone,
Die Wage des Zenit in gleichem Stand
Sie beide zeigt, bis dann vom Gleichgewichte,
Den Halbkreis tauschend, sie sich abgewandt:
So lang, des Lächelns Glut im Angesichte,
Sah schweigend fest den Punkt Beatrix an,
Der meinen Blick besiegt mit seinem Lichte.
"Ich red und frage nicht," so sprach sie dann,
"Da, was du hören willst, ich dort erkenne
Im Punkt, wo anhebt jedes Wo und Wann.
Nicht daß er—was nicht sein kann—selbst gewönne,
Nein, daß der Glanz von seiner Herrlichkeit
Im Widerglanz ich bin verkünden könne,
Hat er, der Ewge, außerhalb der Zeit
Und des Begriffs, wies ihm gefiel, die Gluten
Erschaffner Lieb an ewiger geweiht.
Nicht daß, wie starr, erst seine Kräfte ruhten;
Denn früher nicht und später nicht ergoß
Der Geist des Herrn sich, schwebend ob den Fluten.
Auch Form und Stoff, vermischt und rein, entsproß
Zugleich, vortretend herrlich und vollkommen,
Drei Pfeile von dreisehnigem Geschoß.
Und wie im Widerschein des Strahls, vom Kommen
Zum vollen sein, kein Zwischenraum zu sehn,
Wenn rein Kristall im Sonnenglanz entglommen;
So ließ der Herr hervor drei Strahlen gehn,
All im vollkommnen Glanz zugleich gesendet,
Und sonder Unterscheidung im Entstehn.
Der Wesen Ordnung ward zugleich vollendet,
Und hoch am Gipfel wurden die gereiht,
Welchen er reine Tätigkeit gespendet.
Die Tiefe ward reiner Empfänglichkeit,
Empfänglichkeit und Tatkraft ist mittinnen,
Verknüpft und nie von diesem Band befreit.
Zwar Hieronymus läßt vom Beginnen
Die Engel bis von dem der andern Welt
Den Zeitraum von Jahrhunderten entrinnen;
Doch läßt die Wahrheit, die ich dargestellt,
Sich vielfach aus der Heilgen Schrift bewähren,
Wies dir auch, wenn du wohl bemerkst, erhellt.
Auch die Vernunft kann dies beinah erklären;
Nicht konnten ja so lang, so folgert sie,
Die Lenker des, was lenkbar ist, entbehren.
Der Liebesschöpfung Wo und Wann und Wie
Erkennst du—nun, so daß in dem Gehörten
Dir schon dreifache Labung angedieh.
Allein bevor man zwanzig zählt empörten
Die Engel sich zum Teil, so daß sie nun
Im Fall der Elemente trägstes störten.
Die Bleibenden begannen drauf das Tun,
Das du erkennst, so selig in Entzücken,
Daß sie in ihrem Kreislauf nimmer ruhn.
Grund war des Falls, daß jener sich berücken
Von frevlem Hochmut ließ, der dir erschien,
Dort, wo auf ihn des Weltalls Bürden drücken—
Die du bei Gott hier siehest, sahn auf ihn
Bescheiden und mit Dank für seine Gaben,
Da er nur Kraft zu solchem Schaun verliehn.
Drum wurden sie zum Schauen so erhaben
Durch Gnadenlicht und ihr Verdienst gestellt,
Daß sie vollkommen festen Willen haben.
Und zweifelfrei verkünd es einst der Welt:
Verdienstlich ists, die Gnade zu empfangen,
Je wie sich offen ihr die Lieb erhält.
Jetzt, wenn ins Herz dir meine Lehren drangen,
Errennst du ganz den englischen Verein
Und brauchst nicht andre Hilfe zu verlangen.
Doch weil den Engeln jene, die ihr Sein
Auf Erden dort in Schulen euch erklären,
Verstand, Erinnerung und Willen leihn,
So zeig ich, um dich völlig zu belehren,
Dir noch die Wahrheit rein und unbefleckt,
Die jene dort verwirren und verkehren.
Die Wesen, die des Anschauns Lust geschmeckt,
Verwenden nie den Blick vom ewgen Schimmer
Des Angesichts, in dem sich nichts versteckt.
Drum unterbricht das Neu ihr Schauen nimmer,
Drum brauchen sie auch die Erinnrung nicht,
Denn ungeteilt bleibt ja ihr Denken immer.
So träumt ihr unten wach beim Tageslicht;
Ihr glaubt und glaubt auch nicht, was ihr verbreitet,
Doch ärger kränkt dies Letzte Recht und Pflicht.
Der eine Weg ists nicht, auf dem ihr schreitet
Bei eurem Forschen; drob ihr irregeht,
Von Lust am Schein und Eitelkeit verleitet.
Doch, wer dies tut, wird minder hier verschmäht,
Als wer die Heilgen Schriften leeren Possen
Hintansetzt und sie freventlich verdreht.
Nicht denkt man, wieviel teures Blut geflossen,
Sie auszusähn; nicht, wie Gott dem geneigt,
Der demutsvoll an sie sich angeschlossen.
Zu glänzen strebt ein jeder itzt und zeigt
Sich in Erfindungen, die der verkehrte
Pfaff predigt, der vom Evangelium schweigt.
Der sagt, daß rückwärts Lunas Lauf sich kehrte
Bei Christi Leiden und sich zwischenschob
Und drum der Sonn herabzuscheinen wehrte.
Der, daß von selbst das Licht erlosch und drob
Den Spanier, den Juden und den Inder
Zu gleicher Zeit die Finsternis umwob.
Lapi und Bindi hat Florenz weit minder,
Als Fabeln, die man von den Kanzeln schreit
Das Jahr hindurch, des Aberwitzes Kinder,
So daß die Schäflein, blind zu ihrem Leid,
Wind schlucken, wo sie sich zu weiden meinen.
Und nicht entschuldigt sie Unwissenheit.
Nicht sprach der Herr zur Ersten der Gemeinen:
Geht hin und tut der Erde Possen kund!—
Nein, wahre Lehre spendet er den Seinen.
Von ihr ertönt im Kampf des Jüngers Mund,
Wenn er, die Welt zum Glauben hinzulenken,
Mit Schild und Speer des Evangeliums stund.
Jetzt predigt man von Possen und von Schwänken,
Und die Kapuze schwillt, wenn alles lacht,
Und, der sie trägt, braucht sonst an nichts zu denken.
Drin hat solch Vögelein sein Nest gemacht,
Daß, säh mans, es den Wert dem Ablaß raubte,
Den man beim Volk so hoch in Preis gebracht.
Drob wuchs die Dummheit so in manchem Haupte,
Daß, möcht ein Priesterwort das tollste sein,
Man ohne Prüfung und Beweise glaubte.
Und damit mästet Sankt Anton das Schwein,
Und andre, die noch ärger sind denn Sauen,
Falschmünzer, reich an trügerischem Schein.
Doch seitwärts führt ich dich von diesen Auen;
Drum, daß zugleich sich kürze Zeit und Pfad,
Mußt du jetzt wieder grade vorwärts schauen—
So sehr vervielfacht sind von Grad zu Grad
Der unzählbaren selgen Engel Scharen,
Daß ihrer Zahl nicht Sinn noch Sprache naht.
Und Daniel will, dies kannst du wohl gewahren,
Wenn er zehntausendmal zehntausend spricht,
Uns nicht bestimmte Zahlen offenbaren.
Das ihnen allen strahlt, das erste Licht,
So vielfach wirds von ihnen aufgenommen,
Als Engel schaun in Gottes Angesicht.
Drum, da vom Schaun der Liebe Gluten kommen,
Ist auch verschieden ihre Süßigkeit
Hier lauer, dorten glühender entglommen.
Sieh jetzt die Hoheit, die Unendlichkeit
Der ewgen Kraft, die, teilend ihren Schimmer,
So unzählbaren Spiegeln ihn verleiht,
Und ein in sich bleibt ewiglich und immer."
Dreißigster Gesang
Uns fern, etwa sechstausend Meilen, steiget
Der Mittag auf, indes schon diese Welt
Den Schatten fast zum ebnen Bette neiget,
Wenn nach und nach sich uns der Ost erhellt;
Dann wird der Glanz erst manchem Stern benommen,
Des Strahl nicht mehr bis zu uns niederfällt,
Und wie Aurora mehr emporgeklommen,
Verschließt der Himmel sich von Glanz zu Glanz,
Bis auch des schönsten Sternes Licht verglommen.
So der Triumph, der ewiglich im Tanz
Den Punkt umkreist, der alles hält umschlungen,
Was scheinbar ihn umschlingt als lichter Kranz.
Er schwand allmählich, meinem Aug entschwungen,
Drum kehrt ich zu der Herrin das Gesicht,
Von Nichtschaun und von Liebesdrang gezwungen.
War alles, was bis jetzo mein Gedicht
Von ihr gelobt, in ein Lob einzuschließen,
Doch gnügend wärs für diesen Anblick nicht.
Denn Reize, wie sie hier sich sehen ließen,
Weit überschreiten sie der Menschen Art;
Ihr Schöpfer nur kann ihrer ganz genießen.
Ich bin besiegt von dem, was ich gewahrt,
Mehr als ein Komiker von seinen Stoffen,
Als ein Tragöd je überwunden ward.
Gleichwie ein Blick, den Sonnenstrahlen offen,
Vergeht vor ihren- Blitzen, so geschieht
Dem Geist, von dieses Lächelns Reiz getroffen.
Vom ersten sag, da mir der Herr beschied,
Ihr Angesicht zu schaun in diesem Leben,
Folgt ihr bis hin zu diesem Blick mein Lied.
Doch muß ich jetzt des Folgens mich begeben,
Ein Künstler, der sein höchstes Ziel errang,
Und hoher nicht vermag emporzustreben.
Und so, wie ich sie lasse vollerm Klang,
Als meiner Tuba, die ich also richte,
Wie sie beenden kann den schweren Sang,
Sprach sie, mit Ton, Gebärd und Angesichte
Eifrigen Führers froh zu mir: "Du bist
Gelangt zum Himmel nun von reinem Lichte,
Von geistgem Licht, das nur ein Lieben ist,
Ein Lieben jenes Guts, des ewig wahren,
Von Luft, mit der kein Erdenglück sich mißt.
Du siehst hier beide Himmelskriegerscharen
Und siehst die ein in dem Gewande heut,
Wie du sie wirst beim Weltgericht gewahren."
Wie jäher Blitz des Auges Kraft zerstreut,
So daß er jeden Gegenstand umdunkelt,
Den stärksten Selbst, der sich dem Blicke beut;
So ward ich von lebendgem Licht umfunkelt,
Des Glanz mir tat, wie uns ein Schleier tut,
Denn alles außer ihm war mir verdunkelt.
"Die Lieb, in welcher dieser Himmel ruht
Pflegt so in sich zum Heile zu empfangen
Und macht die Kerz empfänglich ihrer Glut."
Wie mir die kurzen Wort ins Innre drangen,
Da fühlt ich, daß sich Geist mir und Gemüt
Weit über die gewohnten Kräfte schwangen.
Und neue Sehkraft war in mir entglüht,
So, daß mein Auge, stark und ohne Qualen,
Dem Licht sich auftat, das am reinsten blüht.
Ich sah das Licht als einen Fluß von Strahlen
Glanzwogend zwischen zweien Ufern ziehn,
Und einen Wunderlenz sie beide malen
Und aus dem Strom lebendge Funken sprühn;
Und in die Blumen senkten sich die Funken,
Gleichwie in goldne Fassung der Rubin.
Dann tauchten sie, wie von den Düften trunken,
Sich wieder in die Wunderfluten ein,
Und der erhob sich neu, wenn der versunken.
"Dein heißer Wunsch, in dem dich einzuweihn,
Was deine Blicke hier auf sich gezogen,
Muß mir, je mehr er drängt, je lieber sein.
Doch trinken mußt du erst aus diesen Wogen,
Eh solch ein Durst in dir sich stillen kann."
So sprach die Sonn, aus der ich Licht gesogen.
"Der Fluß und diese Funken", sprach sie dann,
"Und dieser Pflanzen heitre Pracht, sie zeigen
Die Wahrheit dir voraus, wie Schatten, an.
An sich ist ihnen zwar nichts Schweres eigen,
Sie zu erkennen, fehlt nur dir die Macht,
Weil noch so stolz nicht deine Blicke steigen."
Kein Kind, das durstig langer Schlaf gemacht,
Kann sein Gesicht zur Brust so eilig kehren,
Wenns über die Gewohnheit spät erwacht,
Als, um der Augen Spiegel mehr zu klären,
Ich mein Gesicht zu jenem Flusse bog,
Dort strömend, um der Seele Kraft zu mehren.
Und wie der Rand der Augenlider sog
Von seiner Flut, da war zum Kreis gewunden,
Was sich zuvor in langen Streifen zog.
Dann, Leuten gleich, die sich verlarvt befunden,
Verändert erst, wenn sie ausziehn das Kleid,
Worin sie unter fremdem Schein verschwunden;
Verwandelten zu größrer Herrlichkeit
Sich Blumen mir und Funken, und ich schaute
Die Himmelsscharen beide dort gereiht.
O Gottes Glanz, o du, durch den ich schaute
Des ewig wahren Reichs Triumphespracht,
Gib jetzt mir Kraft, zu sagen, wie ich schaute.
Licht ist dort, das den Schöpfer sichtbar macht,
Damit er ganz sich dem Geschöpf verkläre,
Dem nur in seinem Schaun der Friede tacht.
Es dehnt sich weithin aus in Form der Sphäre
Und schließt so viel in seinem Umkreis ein,
Daß es zu weit als Sonnengürtel wäre.
Und einem Strahl entquillt sein ganzer Schein,
Rückscheinend von des schnellsten Kreises Rande,
Um Sein und Wirkung diesem zu verleihn.
Und wie ein Hügel, an der Wogen Strande,
Sich spiegelt, wie um sich geschmückt zu sehn
Im blütenreichen, grünenden Gewande;
Also sich spiegelnd, sah ich in den Höhn
In tausend Stufen die das Licht umringen,
Die von der Erd in jene Heimat gehn.
Und kann der tiefste Grad solch Licht umschlingen,
Zu welcher Weite muß der letzte Kranz
Der Blätter dieser Himmelsrose dringen?
Mein Aug ermaß die Weit und Höhe ganz
Und unverwirrt, und konnte sich erheben
Zum Was und Wie von diesem Wonneglanz.
Nicht Fern noch Nah kann nehmen dort noch geben,
Denn da, wo Gott regiert, unmittelbar,
Tritt fürder kein Naturgesetz ins Leben.
Ins Gelb der Rose, die sich immerdar
Ausdehnt, abstuft und Duft des Preises sendet
Zur Sonne, die stets heiter ist und klar,
Zog, wie wer schweigt, doch sich zum Sprechen wendet,
Beatrix mich und sprach: "Sieh hier verschönt
In weißem Kleid, die dorten wohl geendet.
Sieh, wie so weithin unsre Stadt sich dehnt,
Sieh, so gefüllt die Bänk in unserm Saale,
Daß man jetzt hier nach wenigen sich sehnt.
Auf jenem großen Stuhl, wo du dem Strahle
Der Krone, die dort glänzt, dein Auge leihst,
Dort, eh du kommst zu diesem Hochzeitsmahle,
Wird sitzen des erhabnen Heinrichs Geist,
Des Cäsars, der Italien zu gestalten
Kommt, eh es sich dazu geneigt beweist.
Die blinde Gier ists, die mit Zauberwalten
Euch gleich dem Kind macht, das die Brust verschmäht,
Die Nahrung hat, sein Leben zu erhalten.
Dem göttlichen Gerichtshof aber steht
Solch Obrer vor dann, daß er im Geheimen
Und offen nie mit ihm zusammengeht.
Doch stürzt des Himmels Räch ihn ohne Säumen
Vom Heilgen Stuhl zur qualenvollen Welt,
Wo Simon Magus stöhnt in dunkeln Räumen,
Drob tiefer noch der von Alagna fällt."
Einunddreißigster Gesang
So sah ich denn, geformt als weiße Rose,
Die heilge Kriegsschar, die als Christi Braut
Durch Christi Blut sich freut in seinem Schoße.
Allein die andre, welche, fliegend, schaut
Und singt des Ruhm, der sie in Lieb entzündet,
Die Huld, die hehre Kraft ihr anvertraut,
Sie senkt, ein Bienenschwarm, der jetzt ergründet
Der Blüten Kelch, jetzt wieder dorthin eilt,
Wo würzger Honigseim sein Tun verkündet,
Sich in die Blum, im reichen Kelch verteilt,
Und flog dann aufwärts aus dem schönen Zeichen,
Dorthin, wo ihre Lieb all-ewig weilt;
Lebendger Flamm, ihr Antlitz zu vergleichen,
Die Flügel Gold, das andre weiß und rein,
So daß nicht Reif noch Schnee den Glanz erreichen.
Und in die Rose zog von Reihn zu Reihn
Frieden und Glut, von ihnen eingesogen
Im Flug zur Hohe, stets mit ihnen ein.
Und, ob sie zwischen Blum und Höhe flogen,
Doch ward durch die beschwingte Menge nicht
Des Höchsten Blick und Glanz der Ros entzogen.
Denn so durchdringend ist das höchste Licht,
Das seinen Schimmer nach Verdienste spendet,
Daß nichts im Weltenall es unterbricht.
Dies Freudenreich, gesichert und vollendet,
Bevölkert von Bewohnern, neu und alt,
Hielt Lieb und Blick ganz auf ein Ziel gewendet.
O dreifach Licht, du, einem Stern entwallt,
Dort, wo man dich schaut, selgen Frieden hegend,
Schau her auf uns, die wilder Sturm umbaut.—
Wenn die Barbaren, kommend aus der Gegend,
Die stets die Bärin deckt, in gleicher Bahn
Sich mit dem lieben Sohn im Kreis bewegend,
Zu jenen Zeiten, als der Lateran
Die Welt beherrscht, von Staunen überwunden,
Rom und der Römer große Werke sahn;
Wie ich, der ich, dem Menschlichen entwunden,
Zum Höchsten kam, von Zeit zur Ewigkeit,
Von Florenz zu Gerechten und Gesunden,
Wie mußt ich staunen solcher Herrlichkeit?
Lust fühlt ich, nicht zu sprechen, nichts zu hören,
Geteilt in Staunen und in Freudigkeit.
Gleichwie ein Pilgrim, der sein lang Begehren
Im Tempel des Gelübdes, schauend, letzt,
Und hofft von ihm einst andre zu belehren;
So war ich, zum lebendgen Licht versetzt,
Den Blick, lustwandelnd, durch die Stufen führend,
Jetzt auf, jetzt nieder und im Kreise jetzt.
Gesichter sah ich hier, zur Liebe rührend,
In fremdem Licht und eignem Lächeln schön,
Gebärden, sich mit jeder Tugend zierend.
Im allgemeinen könnt ich schon ersehn,
Wie sich des Paradieses Form gestalte,
Doch blieb mein Blick noch nicht beim einzlen stehn;
Und da mir neuer Wunsch im Herzen wallte,
So kehrt ich, um zu fragen, mich nach ihr,
Wie das, was ich nicht einsah, sich verhalte.
Sie fragt ich, und ein andrer sprach zu mir.
Sie suchend, fand ich mich bei einem Greise,
Gekleidet in der andern Selgen Zier.
Auf Aug und Wang ergoß sich gleicherweise
So Gut als Freude—fromm war Art und Tun,
Wies Vätern ziemt, in lieber Kinder Kreise.
"Und wo ist sie?" so sprach ich eilig nun.
Drum er: "Beatrix hat mich hergesendet
Von meinem Platz, um dir genugzutun.
Du wirst, den Blick zum dritten Sitz gewendet
Des höchsten Grads, sie auf dem Throne schaun,
Der ihren Lohn für ihr Verdienst vollendet."
Ohn Antwort hob ich rasch die Augenbraun—
Sah sie—sah ewge Strahlen ihr entwallen
Im Widerschein und ihr die Krone baun.
Vom Raum, aus dem die höchsten Donner hauen,
War nimmer noch ein Menschenblick so weit,
Und war er auch ins tiefste Meer gefallen,
Als ich von meiner Herrin Herrlichkeit,
Doch sah ich klar ihr Bildnis niederschweben
Rein, unvermischt, in lichter Deutlichkeit.
"O Herrliche, du, meiner Hoffnung Leben,
Du, ders zu meinem Heile nicht gegraut,
Dich in den Schlund der Hölle zu begeben,
Dir dank ich alles, was ich dort geschaut,
Wohin du mich durch Macht und Güte brachtest,
Und deine Gnad und Tugend preis ich laut.
Die du zum Freien mich, den Sklaven, machtest,
Mir halfst auf jedem Weg, in jeder Art,
Die du zu diesem Zweck geeignet dachtest,
Hilf, daß, was du geschenkt, mein Herz bewahrt,
Damit sich dir die Seele dort geselle,
Die Seele, die gesund durch dich nur ward."
So fleht ich heiß—und sie, von ferner Stelle,
Sie lächelte, wies schien, und sah mich an,
Dann schaute sie zurück zur ewgen Quelle.
"Damit du ganz vollendest deine Bahn,"
Begann der Greis, "auf der dich fortzuleiten
Ich Auftrag von der heilgen Lieb empfahn,
Laß deinen Blick durch diesen Garten gleiten,
Denn stärken wird dir dies des Auges Sinn,
Und ihn auf Gottes Strahlen vorbereiten.
Und sie, die mich entflammt, die Königin
Des Himmels, läßt uns ihre Gnade frommen,
Weil ich ihr vielgetreuer Bernhard bin."
Wie der, der von Kroatien hergekommen,
Um unser Schweißtuch zu betrachten, nicht
Satt wird, zu sehn, wovon er längst vernommen,
Und, wenn mans zeigt, zu sich im Innern spricht:
Herr Jesus Christus, wahrer Gott, hienieden
War wirklich so geformt dein Angesicht?
So ich, als mir der Anblick ward beschieden
Der Liebe dessen, der in dieser Welt,
Betrachtend, schon gekostet jenen Frieden.
Er sprach: "Was Schönes dieses Reich enthält,
Wird, Sohn der Gnade, sich dir nimmer zeigen,
Wenn sich dein Blick nur tief am Grunde hält.
Doch laß den Blick von Kreis zu Kreise steigen,
Bis daß er sich zur Königin erhöht,
Vor der sich fromm des Himmels Bürger neigen."
Aufschaut ich, und, wie, wenn die Früh ersteht,
Der Ost den Himmelsteil mit goldnen Strahlen
Besiegt, in dem die Sonne niedergeht,
So, steigend mit dem Blick, wie wir aus Taten
Die Berg ersteigen, sah ich einen Ort
Im höchsten Rand all andres überstrahlen.
Und als ob früh der Ost, da, wo sofort
Die Sonne steigen soll, sich mehr entflamme,
Wenn sich das Licht vermindert hier und dort;
So sah ich jene Friedens-Oriflamme
Inmitten mehr erglühn, und bleicher ward
Bei ihrem Glanz der andern Lichter Flamme.
Ich sah viel tausend Engel, dort geschart,
Sie feiernd, mit verbreitetem Gefieder,
Verschieden jeglichen an Glanz und Art.
Und Schönheit lachte bei dem Klang der Lieder
Und bei dem Spiel und strahlt in Seligkeit
Aus aller andern Selgen Augen wieder.
Und reichte meiner Sprache Kraft so weit,
Als meine Phantasie, doch nie beschriebe
Ich nur den kleinsten Teil der Herrlichkeit.
Bernhard, bemerkend, daß mit heilgem Triebe
An seiner glühnden Glut mein Auge hing,
Erhob auch seins zu ihr mit solcher Liebe,
Daß meins zum Schauen neue Glut empfing.
Zweiunddreißigster Gesang
Indes sein Blick nach seiner Wonne flammte,
Tat er mit heilgem Wort mir dieses kund,
Sich unterziehend freiem Lehreramte:
"Sie zu Mariens Fuß, die euch gesund
Und heil gemacht, die Erste dort der Frauen,
Die Schönste, die euch krank gemacht und wund.
Im Range, den die dritten Sitze bauen,
Wirst du sodann die Rahel unter ihr,
Mit Beatricen, deiner Herrin, schauen.
Sara, Rebekka, Judith zeigen dir
Sich mit des Ahnfrau, der im Bußgesange
Voll Reu ausrief: Herr, schenk Erbarmen mir!
Absteigend stufenweis von Rang zu Range,
Gereiht, wie Kunde dir mein Wort verlieh,
Von Blatt zu Blatt mit ihrer Namen Klange.
Hebräerfraun, vom siebten Kreis ab, wie
Bis hin zu ihm, ward dieser Sitz zuteile,
Und dieser Blume Locken scheiden sie,
Weil sie, wie gläubig sich der Blick zum Heile,
Das Christus gab, gewandt, als Mauer stehn,
Daß sich durch sie die heilge Stiege teile.
Hier, wo die Blume reich und voll und schön
Entfaltet ist, hier sitzen die Verklärten,
Die gläubig auf den künftgen Christ gesehn.
Dort, wo noch leerer Raum für viel Gefährten
Im Halbkreis ist, dort sitzen die gereiht,
Die ihren Blick auf den Gekommnen kehrten.
Wie hier der Fürstin Stuhl in Herrlichkeit
Und unter ihr die ändern zu gewahren,
Und wie sie bilden solchen Unterscheid;
So dort der Stuhl des Täufers, der erfahren,
Der immer Heilge, Wüst und Märtyrpein
Und dann der Hölle Nacht in zweien Jahren.
Franz, Benedikt und Augustin—sie reihn
Sich unter ihm, die Scheidewand zu bauen,
Mit andern unterhalb von Reihn zu Reihn.
Hier magst du Gottes hohe Vorsicht schauen,
Denn Glaube, welcher vor- und rückwärts sieht,
Erfüllt gleich zahlreich diese Gartenauen.
Und von der Stieg abwärts, die dies Gebiet
In zwei geschieden, sitzen solche Seelen,
Die eigenes Verdienst nicht herbeschied,
Nein, fremdes—nur darf der Beding nicht fehlen—
Denn hier sind alle, die dem Leib entflohn,
Bevor sie noch vermochten, selbst zu wählen.
Dies merkst du an den Angesichtern schon
Und an den Stimmen, die noch kindlich klingen,
Wenn du wohl spähst und horchst auf ihren Ton.
Noch seh ich schweigend dich mit Zweifeln ringen,
Doch lösen werd ich dir das feste Band,
Mit welchem dich die Grübelein umschlingen.
Aus unsers ewgen Königs weitem Land
Ist auch des kleinsten Zufalls blindes Walten,
Wie Hunger, Durst und Traurigkeit, verbannt.
Nach ewigem Gesetz muß sich gestalten
Was du hier siehst, und muß sich, wie der Ring
Zum Finger paßt, so unter sich verhalten.
Daher auch, wer dem Truge früh entging
Und zu der Wahrheit kam, nicht ohne Gründe
Mehr oder minder Herrlichkeit empfing.
Der Fürst, durch den dies Reich, entrückt der Sünde,
In solcher Lieb und solcher Wonne ruht,
Daß keiner ist, des Wille höher stünde,
Verteilt den Seelen, seiner heitern Glut
Entstammt, nach eigner Willkür seine Gaben;
Und gnüge hier, was kund die Wirkung tut.
Und hiervon legt in jenen Zwillingsknaben
Die Heilge Schrift ein deutlich Beispiel dar,
Die sich bekämpft im Leib der Mutter haben.
Und also krönt der Gnade Schein ihr Haar,
Und also scheint das höchste Licht in ihnen
Nach ihrem Werte mehr und minder klar.
Verschieden, nicht nach dem, was sie verdienen,
Sind sie von Grad zu Grade hier gestellt,
Nur wie auf sie des Schöpfers Huld geschienen.
So gnügt es in der Jugendzeit der Welt
Unschuldgen, um zum Heile zu gelangen,
Daß Glaubenslicht der Eltern Geist erhellt.
Dann mußte, wie die erste Zeit vergangen,
Was männlich war, zuvor zur Seligkeit
Durch die Beschneidung noch die Kraft empfangen.
Doch, als gekommen war der Gnade Zeit,
Blieb ohne die vollkommne Taufe Christi
Die Unschuld in der ewgen Dunkelheit.
Jetzt schau ins Antlitz, das dem Antlitz Christi
Am meisten gleicht, und deine Kraft erhohn
Wird seine Klarheit zu dem Anschaun Christi."
Lust strahlt aus dem Gesicht, so klar und schön,
Die er zu ihr durch jene Heilgen schickte,
Erschaffen, zu durchfliegen jene Höhn,
Daß nichts, was ich noch je zuvor erblickte,
Mich also mit Bewunderung durchdrang,
Nichts mich so sehr durch Gottes Bild erquickte.
Die Liebe, die zuerst sich niederschwang,
Verbreitete vor ihr jetzt das Gefieder,
Indem sie—Sei begrüßt, Maria! sang.
Und alsogleich antworteten die Lieder
Der Selgen Geister diesem Himmelslied,—
Und heitrer strahlten rings die Wonnen wider.
"O Heilger, du, den Lieb herniederzieht,
Der du für mich dem süßen Ort entronnen,
Wo ewge Vorsicht dir den Sitz beschied;
Wer ist der Engel, der mit solchen Wonnen
Im Blick Marias mit dem seinen ruht
Und scheint an ihr in Liebe sich zu sonnen?"
So wandt ich mich zu ihm mit heiterm Mut
Und sah ihn in Marias Glanz entbrennen,
Gleichwie den Morgenstern in Sonnenglut.
Und er: "Was Seel und Engel haben können
Von Zuversicht und Schönheit, er bekam
Es ganz von Gott, wie wirs ihm alle gönnen,
Weil er zu ihr einst mit der Palme kam,
Als Gottes Sohn die Lasten, die euch drücken,
Nach seinem heilgen Willen übernahm.
Doch folge meinem Wort mit deinen Blicken,
Und von dem frommen und gerechten Reich
Wirst du den hohen Adel jetzt erblicken.
Die zwei dort, an der höchsten Wonne reich,
Weil sie die Nächsten sind der Benedeiten,
Sind zweien Wurzeln dieser Rose gleich.
Der Vater sitzt zu, ihrer linken Seiten,
Des kühner Gaum der Menschheit fort und fort
Zu kosten gibt so herbe Bitterkeiten.
Sieh rechts der heilgen Kirche Vater dort,
Dem dieser Blume Schlüssel übergeben
Auf Erden hat der Heiland, unser Hort.
Und jener, welcher noch im Erdenleben
Das Mißgeschick der schönen Braut erblickt,
Die Wundenmal erwarben, sitzt daneben.
Neben dem andern sitzt, in Ruh beglückt,
Des Volkes Führer, das der Herr mit Manna
Trotz Undanks, Tück und Wankelmuts erquickt
Dort sitzt, dem Petrus gegenüber, Anna
Und blickt die Tochter so zufrieden an,
Daß sie den Blick nicht abkehrt beim Hosianna.
Und gegenüber sitzt dem ersten Ahn
Lucia, die die Herrin dir gesendet,
Als du den Blick gesenkt zur schlimmen Bahn.
Doch bald ist nun dein hoher Traum beendet,
Drum tun wir, wie der gute Schneider tut,
Der, soviel Zeug er hat, ins Kleid verwendet.
Die Augen richten wir aufs höchste Gut
Und dringen so, indem wir nach ihm sehen,
So tief als möglich in die reine Glut.
Gewiß, und nicht vielleicht, muß rückwärts gehen,
Wer vorwärts hier die kühnen Flügel schwingt,
Denn Gnad erlangt man hier allein durch Flehen;
Gnade von jener, die dir Hilfe bringt,
Und folgen wirst du mir, wenn deine Liebe
Zu ihr empor mit meinem Worte dringt."
Und also betet er mit brünstgem Triebe: