Nach und nach verlohr sich die Reinigkeit des goldenen Zeitalters. Schadenfrohe Geister (wie gesagt) erfanden Künste, wenige noch, und von wenigen angenommen. Der Aberglaube der Chaldäer und der Griechen schwindlichter Leichtsinn erfanden nachwärts eine Menge ächte Geistesplagen; schon die Grammatik für sich wäre zureichend, den Menschen sein ganzes Leben hindurch auf der Folterbank zu martern. Unter diesen Künsten und Wissenschaften hält man die für die schätzbarsten, die mit dem gemeinen Menschenverstande, das ist, mit der Narrheit, am besten übereinstimmen. Die Theologen fressen sich vor Hunger Nägel weg; die halberfrohernen Naturforscher hauchen sich in die Finger; über Astrologen lacht man; Vernunftlehrer läßt man nach dem Winde haschen; aber vor dem Arzte sieht man alles die Segel streichen; je ungelehrter, verwägener, unbedachtsamer er ist, desto höher ist er bey Fürsten und reichen Leuten angeschrieben. Die Arzeneykunst, wie sie heut zu Tage von vielen getrieben wird, ist geschwätzige Fuchsschwänzerey.
Nach diesen kommen die Gesetzkünstler. Vielleicht hätte ich ihnen den ersten Platz einräumen sollen. Sie betreiben, wenn man doch der ganzen Zunft der höhnischen Philosophen Glauben zustellen will (denn in den Handel möcht ich mich nicht mengen) einen Eselsberuf. Und doch richtet sich alles, grosses und kleines, nach dem Gutdünken dieser Esel; ihnen fallen grosse Landgüter zu, alldieweil der Theolog, der alle Schränke der Gottesgelehrtheit durchstänkert hat, an harten Bohnen sich müde beißt, und sich mit Wanzen und Läusen erfechten muß.
Ja, je näher eine Kunst mit der Narrheit in Verwandtschaft steht, desto mehr hat man sich von ihr zu versprechen. Die Beglücktesten sind also die, denen es vergönnet ist, mit keiner der Wissenschaften Verkehr zu haben, und blos der Natur zu folgen, die nie auf Abwege verleitet, so lange man nicht die Schranken, die den Sterblichen gesetzt sind, überspringen will. Die Natur verabscheut jede Schminke; lustig wächst das hervor, das durch keine Kunst verdorben worden.
Sehen Sie nicht, meine Herren, daß es um alle übrigen Thiere herrlich steht, die von Wissenschaften keinen Begriff, und blos die Natur zur Hofmeisterinn haben? Was ist glücklicher, wunderbarer, als die Bienen? Bey wenigen körperlichen Sinnen erweisen sie sich als unvergleichliche Baumeister; noch kein Philosoph hat gleich ihnen eine Republik errichtet. Das Pferd, dessen Sinne etwas Gemeines mit den menschlichen haben, und das sich verleiten ließ, zum Hausgenossen des Menschen zu werden, mußte Antheil an den menschlichen Jammer nehmen: denn nicht selten, wenn es sich in dem Weltlaufe schämt, überwunden zu werden, läuft es sich bauchschlägig aus dem Athem; und wenn es sich in der Schlacht um den Triumph erkämpft, wird es durchbohrt, und muß mit samt dem Reuter in den Staub beissen. Und noch hab ich nichts von rauchen Gebißen und Zähnen gesagt, scharfen Sporen, Stallkerker, Peitschen, Banden, Halftern, schwerem Reuter, kurz, allen den jämmerlichen Folgen der Knechtschaft, denen es sich von freyen Stücken überließ, weil es heldensüchtig (grossen Kriegern nachahmend) dieses für das beste (aber freylich hoch zu stehen gekommene) Mittel hielt, den Hirschen, welchen es nicht leiden konnte, von der Weide zu treiben. O wie weit glücklicher ist das Leben der Mücken und Vögel, die dem blosen Naturtriebe folgen, und nichts als die menschliche Arglist zu fürchten haben! Wenn die Vögel eingebauret, sich von Menschen im Pfeifen und Schwatzen unterrichten lassen, o wie bald ist nicht ihre natürliche Munterkeit entartet! In allwege wird das Werk der Natur durch die Schminke der Kunst geschändet.
Alles mein Lob übersteigt jener pythagorische Hahn. Er war alles: Philosoph, Mann, Weib, König, Unterthan, Fisch, Pferd, Frosch, und wie ich glaube, sogar auch Pfifferling; nach seinem Ausspruche ist der Mensch das elendeste unter allen Thieren, weil er allein (da alle übrigen mit den Schranken, darein die Natur sie gesetzt hat, herrlich zufrieden sind) sich inner seinen Gränzen nicht halten will; auch zieht er unter den Menschen einen Tummkopf dem Gelehrten und Mächtigen weit vor. Auch Gryllus war ungemein viel weiser, als der verschmitzte Ulysses, weil er lieber im Stalle grunzen, als mit diesem, ich weiß nicht, wie manches gefährliche Abentheuer aufsuchen wollte. In dieser Meynung scheint mir auch Homer gewesen zu seyn, der Vater schnakichter Fabeln: oft nennt er die Menschen überhaupt arbeitselige Tropfen; und besonders betitelt er den Ulisses, den er als ein Muster eines weisen Mannes aufstellt, den Elenden und Unglücklichen; Titel, mit welchen er nie einen Paris, Ajax, Achilles, beehrt. Und warum? weil jener Krübler sich in allem nach dem Rathe der Pallas richtete, und zu weise war, sich vom Naturweg zu weit entfernend.
Ja, unter den Sterblichen weichen keine von der Glückseligkeit weiter ab, als die, welche sich mit der Weisheit abgeben: zu Menschen sind sie gebohren, die Tollköpfe vergessen aber ihres Standes; wollen gleich den unsterblichen Göttern leben; kündigen, nach dem Beyspiele der Himmelsstürmer, mit Wissenschaftswaffen versehen, der Natur den Krieg an. Hingegen wird wohl das Elend derer das kleinste seyn, die an Gesinnung und Narrheit den Thieren am nächsten kommen und sich an nichts wagen, das dem Menschen zu schwer seyn muß. Wir wollen doch sehen, ob wir dieses nicht, ohne stoische Künsteley, in einem handgreiflichen Beispiele, an den Tag legen können. Nun (ich nehme hierüber die unsterblichen Götter zu Schiedsrichtern): kann was glücklichers seyn, als der Zustand jener, die man Schalksnarren nennet, Stocknarren, hirnlose Krautsköpfe, oder was dergleichen Beynahmen sonst seyn mögen, die ich für die schönsten Ehrentitel erkenne? Ich will etwas sagen, das dem ersten Anschein nach närrisch und abgeschmackt ist, sich aber als die Wahrheit selbst anpreist.
Meine gepriesenen Helden wissen erstlich nichts von Todesfurcht, einer Sache, die (beym Jupiter will ichs beschwören) kein kleines Uebel ist. Sie wissen nichts von der Folterbande des Gewissens. Die Fabeln von Erscheinung unterirdischer Geister jagen ihnen keinen Schrecken ein. Sie fürchten sich nicht vor Gespenstern und Poldergeistern. Weder kommendes Unglück, noch zauderndes Glück, macht ihnen den Kopf toll. Kurz, tausenderley Sorgen, denen dieses Leben blosgesetzt ist, nagen nicht an ihrem Herzen. Scham, Scheu, Ehrfurcht, Neid, Liebe, machen keinen Eindruck auf sie. Selbst die Theologen werden sagen, je näher man dem Unverstande vernunftloser Thiere komme, desto weniger sündige man.
Nun erwäg es einmal bey dir selbst, närrischer Weiser! mit tausenderley Geistesgrame marterst du dich Tag und Nacht; trag alle Beschwerden deines Lebens wie in einen Haufen zusammen; sieh dann, wie von manchem Uebel ich meine Tummköpfe sicher gestellt habe. Immer sind sie fröhlich; spielen, singen, lachen; wo sie hinkommen, theilen sie jedermann Wonne mit; alles scherzt, spielt, lacht mit ihnen. Ists nicht gerade so, als ob die huldreichen Götter sie aus keiner andern Ursache in die Welt gesetzt hätten, als um das Düstere des menschlichen Lebens aufzuhellen? der Schwermuth zum Gegengifte zu dienen? Sie (da sonst jeder nur gewisse Leute begünstigt) erwerben sich jedermanns Zuneigung; allerorten werden sie gesucht, gespeiset; man schmeichelt ihnen; eilt ihnen, wenn sie sich in Gefahr befinden, zu Hülfe; ungestraft läßt man sie alles sagen und thun; niemand trachtet ihnen zu schaden; selbst die Thiere, wie ihre Unschuld fühlend, gehen ihnen aus dem Wege. Sie sind wie den Göttern geheiligt, und besonders mir; mit Recht allso hält jedermann sie in Ehren.