Endlich komm ich wieder auf den Paulus. Indem er von sich selbst redet, spricht er: „Ihr pfleget die Thoren mit Geduld zu ertragen — nehmet auch mich als einen Thoren an — ich rede nicht nach Gott, sondern wie in Thorheit — wir sind Narren um Christi Willen.“ Man hat gehört, wie der grosse Mann zum Lobredner der Narrheit wird. Ja, öffentlich fordert er zur Narrheit auf, als zu der nothwendigsten und heilsamsten Sache:„Wer unter euch weise zu seyn scheint, der werde ein Narr, damit er weise werde.“ Beym Lucas werden zween Jünger, zu denen Jesus sich auf dem Wege gesellt, von ihm Narren genennt. Noch mehr verwundere ich mich darüber, daß Paulus das Herz hat, Gott selbst etwas von Narrheit zuzuschreiben: Gottes Narrheit ist besser als der Menschen Weisheit. „Der Ausleger Origines will nicht, daß man diese Narrheit der Meynung der Menschen beylege; wie auch nicht die Stelle das Wort des Kreuzes ist Narrheit bey denen, die verlohren gehen.“
Warum bemühe ich mich aber, die Sache ängstlich durch so viele Zeugnisse zu unterstützen? In den mystischen Psalmen sagt Christus gerade heraus zum Vater: „Dir ist meine Thorheit bekannt.“ Es geschicht nicht von ungefehr, daß Gott an den Narren ein so herzliches Wohlgefallen hat; die Ursache wird wohl diese seyn: Bey den grösten Fürsten sind die, welche allzuklug und scharfsichtig sind, verdächtig und verhaßt; also traute Cäsar dem Brutus und Cassius nicht, setzte aber kein Mißtrauen in den nassen Bruder Antonius; Nero konnte den Seneca nicht leiden; Dionysius den Plato nicht. Hingegen machen ihnen die Dickköpfichten und Unweisen ein grosses Vergnügen. Gleicherweise verabscheut und verdammt Christus durchgehends jene Weisen, die sich auf ihre Klugheit was grosses einbilden. Paulus giebt es deutlich zu verstehen, wenn er sagt: „was närrisch vor der Welt ist, das hat Gott gewählt — es hat Gott gefallen, durch Narrheit die Welt zu erhalten;“ die Welt, die durch Weisheit nicht zu verbessern war. Ja, Gott selbst spricht durch den Mund des Propheten: „ich will die Weisheit der Weisen verderben, und die Klugheit der Klugen zernichten.“ Auch hat Christus Gott gedankt, daß er das Geheimniß des Heils den Weisen verborgen, und den Unmündigen (nach der Kraft der Grundsprache, den Narren) geoffenbaret habe, die er den Weisen entgegensetzt.
Hieher gehört auch, daß Christus in dem Evangelium durchgehends, den Pharisäern, Schriftgelehrten und Gesetzerklären, den Krieg ankündigt, und hingegen den ungelehrten Pöbel in seinen Schutz nimmt; denn das „wehe euch Schriftgelehrten Pharisäern“ wird zuletzt anders nichts sagen wollen, als „wehe euch Weisen.“ Kindern, Weibern, Fischern, war er vorzüglich gewogen.
Unter den Thieren gefielen ihm die vorzüglich, welche von der Klugheit des Fuchses am weitesten entfernt sind. Er wählte sich einen Esel bey seinem Einzuge, und hätte sich, wenn es ihm beliebt hätte, eben so sicher dazu eines Löwen bedienen können. Der heilige Geist kam in der Gestalt einer Taube herab, nicht eines Adlers oder Geiers.
Ferner nimmt die heilige Schrift oft Gleichnisse von Hirschen, Rehen und Lämmern her. Die zur Unsterblichkeit Auserwählten werden Schafe genannt; nun giebts nichts dümmers als dieses Thier; und schon beym Aristoteles steht ein Schafskopf in keinem grossen Ruhme. Christus schämt sich nicht, für den Hirten einer solchen Heerde gehalten zu werden; und Johannes bezeugt, daß es ihm gefallen habe, wenn man ihn ein Lamm nennte „siehe das Lamm Gottes.“ Und so wird er im Buche der Offenbarung oft betitelt.
Was heißt alles dieses anders, als die Menschen, auch die Frommen, seyen Narren? Christus, um der Narrheit der Sterblichen zu Hülfe zu kommen, da er die Weisheit des Vaters war, habe selbst etwas von dieser Art mit des Menschen Natur angenommen, da er in seinen Geberden als ein Mensch erfunden worden? so wie er auch um der Sünde abzuhelfen, zur Sünde geworden; und abhelfen wollte er ihr blos durch die Thorheit des Kreuzes; sich auch nur tummer und ungelehrter Apostel bedienend, denen er fleisig Narrheit empfiehlt, sie von der Weisheit abschreckend, indem er ihnen Kinder, Lilien, Senfkörner, Sperlinge, zum Muster der Nachahmung anpreist; tumme und verstandlose Geschöpfe, die blos durch den natürlichen Instinkt, ohne Kunst und Sorge fortdauern. Er will, daß sie sich nicht darum bekümmern sollen, was sie von den Grossen der Welt reden wollen; er verbietet ihnen, den Zeiten und ihren Veränderungen nachzuforschen, damit sie sich in nichts auf eigene Klugheit sondern ganz auf ihn verlassen mögen.
Gott, der Baumeister der Welt, verbietet den ersten Menschen, von dem Baume der Erkenntniß nur das geringste zu kosten; gerade, als ob dieses für die Glückseligkeit ein Gift wäre. Paulus spricht deutlich, daß das Wissen etwas aufblähendes und schädliches sey. Bernhardus, wenn ich mich nicht irre, nahm ihn zum Muster, da er den Berg, den Lucifer nach einer Meinung zu seinem Wohnsitze gewählt, den Berg der Erkenntniß nennt. Vielleicht verdient auch dieses zum Beweise angeführt zu werden, daß die Narrheit bey den Himmelsbewohnern in Gunst stehe: man beruft sich auf sie, wenn man Verzeihung wegen einen Fehler erhalten will; der Weise weiß wohl, daß er nicht Vergebung finde, wenn er etwas verfehlt hat; und was thut er in solchem Falle? er giebt vor, daß er sich gleich einem Narren betragen habe. Wenn Aaron (wenn ich mich recht erinnere, im vierten Buche des Moses) die Sünde seines Weibes abbittet, so spricht er: „ich bitte dich, mein Herr, rechne uns diese Sünde nicht zu, die wir thöricht begangen haben.“ Auch Saul bittet den David also um Vergebung: „es liegt ja klar am Tage, daß ich thöricht gehandelt habe.“ David selbst trachtet sich also bey Gott einzuschmeicheln: „ich bitte dich, Herr, nimm das Verbrechen von deinem Knechte weg, denn wir haben thöricht gethan,“ als ob er keine Vergebung hätte erhalten können, wenn er nicht Narrheit und Unwissenheit vorgeschützt hätte.
Das überzeugendeste ist dieses: da Christus am Kreuze für seine Feinde bath, sprach er: „Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht was sie thun.“ Ihre Unklugheit hält er für ihre beste Entschuldigung. Also schrieb Paulus an den Timotheus: „Gott erwieß sich mir barmherzig, weil ich es im Unglauben unwissend that.“ Was heißt das „unwissend“ anders, als er habe es aus Narrheit und nicht aus Bosheit gethan? Und sieht man hier nicht zugleich, nur unter dem Schutze der Narrheit sey ihm Barmherzigkeit wiederfahren? Auch dient hieher die Stelle (ich führe sie aus Vergeßlichkeit etwas spät an) des mystischen Psalmdichters: „Gedenke nicht der Uebertretungen meiner Jugend und meiner Unwissenheiten.“ Haben Sie es bemerkt, meine Herren, daß er seine Jugend vorschützt, die mich zur steten Gefehrtinn hat, und seine Unwissenheiten, wo die gebrauchte mehrere Zahl die Grösse seiner Thorheit andeutet.