Erschienen 1907

98.-110. Tausend

Alle Rechte vorbehalten

Gedruckt in Stuttgart bei J. F. Steinkopf

Obgleich die Sonne noch hoch am Himmel stand, lag Familie Eggers in den Betten. Nicht Krankheit hatte sie hineingetrieben, auch Faulheit nicht, sondern die grimmige Kälte. Auf neun Grad unter Null acht Tage nach Lichtmeß waren so kleine Leute wie der Häusling Harm Eggers mit ihrem Feuerungsvorrat nicht eingerichtet. Der winzige Haufe Sprickerholz und Torf, der noch auf der Diele am Ziegenstall lag, mußte fürs Kaffee- und Kartoffelkochen, also für die innere Erwärmung, gespart werden. Die äußere war nirgends billiger und gründlicher zu haben als im Bett.

In die Lehmwände der engen, unsauberen Stube, die mit ihrem gänzlichen Mangel an Schmuck und der zerbrochenen, notdürftig mit Lumpen verstopften Fensterscheibe nicht nur bei neun Grad Kälte und ungeheiztem Ofen einen frostigen Eindruck machte, waren zwei Schlafschränke, sogenannte Butzen, eingebaut. In der einen lagen Harm Eggers und seine Frau Trina. Sie strickten emsig Strümpfe aus Heidschnuckenwolle. Was fertig war, flog durch die Stube in die Fensterecke, um beim nächsten Kirchgang zusammengerafft und in Steinbeck beim Kaufmann Böcking gegen Kaffee, Zucker und Salz umgetauscht zu werden. In der Wiege vor dem Ehebett schlief ein Säugling, mit einem Bart von Milch und Schmutz um das breite Mäulchen. Der übrige Kindersegen füllte die zweite Butze. Ein zehnjähriger Junge war dabei, sich das Einmaleins in den Schädel zu rammen. Ein siebenjähriger und ein Mädchen von sechs Jahren lasen Bohnen aus. Dabei spielten sie einander allerhand Schabernack, heimlich, um sich den Eltern nicht zu verraten.

So verliefen die Winternachmittagsstunden trotz des ungeheizten Ofens behaglich, friedlich und nutzbringend. Bis es dem Siebenjährigen einfiel, dem Bruder, der eben mit geschlossenen Augen sich das schwierige Neunmalneun überhörte, eine dicke Bohne in das Gesicht zu knipsen. Dieser griff sich mit einem »Au!« an die hart getroffene Nasenspitze, dann schlug er mit seinem Buch und stieß mit seinen Füßen um sich. Darob stimmten Bruder und Schwester, wahllos getroffen, ein Geheul an, und der jäh erwachende Säugling mischte sein Schreistimmchen auch in das geschwisterliche Konzert. Da war's um die Ruhe der Mutter beim Strickstrumpf geschehen. Sie kam aus dem Bette gefahren, schlug und stieß, ohne den Fall zu untersuchen, in die Kinderbutze hinein, bis die Ruhe wiederhergestellt war. Dann beugte sie sich über den jüngsten Schreihals und summte, sich mit der Wiege hin und her schaukelnd: Hu, huhuhu, hu. Aber der kleine Kerl schrie weiter. Da legte sie sich ins Bett, nahm den Jungen an sich, hüllte ihn warm ein und reichte ihm die Brust. Wie sie so auf das begierig trinkende Kind niederblickte, verlieh die Mutterliebe selbst diesem stumpfen, harten Gesicht für Augenblicke etwas wie einen heimlichen Adel.

Als Trina ihr Kind gestillt hatte und es eben wieder in die Wiege legte, ging die Stubentür auf, und ein etwa vierzehnjähriger Junge trat ein. Die Bücher, die er unter dem Arm trug, legte er auf den Tisch und seine Mütze auf den kalten Ofen. Also gehörte auch er hier ins Haus. Aber er war von ganz anderer Art als die andern Kinder. In deren Gesichtern bestimmten die hervortretenden Backenknochen und der breite Mund den Ausdruck. Die Stirn wich bescheiden zurück, und bei den Augen fiel nichts weiter auf, als daß sie sehr rund waren. In des Ankömmlings Gesicht dagegen hatte die Stirn die Vorherrschaft, und die Augen sahen nicht wie die der andern nach dem, was der benachbarte Mund verschlingen könnte, sondern es war, als ob sie über dieses Nächste hinwegschauten und nach etwas Fernem suchten. Es war Peter, Harms Sohn aus erster Ehe, den Trina als ziemlich hoffnungsloses älteres Mädchen bei ihrer Verheiratung mit in den Kauf hatte nehmen müssen. Er stand vor der Einsegnung und kam eben von der Konfirmandenstunde aus Steinbeck, dem anderthalb Stunden entfernten Kirchdorf, zurück.

»Süh,« sagte Trina, »dat paßt. Weeg mi dat Kind, ick will melken.« Peter stellte sich gehorsam an die Wiege, die Stiefmutter fuhr in die Holzschuhe, band sich ein Tuch um den Kopf und ging hinaus.

Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, da trat Peter dicht an die elterliche Butze, steckte den Kopf hinein und sagte zögernd und leise: »... Vader! ...«