Peter hörte dies alles mit scharfem Ohr und verfolgte es mit wachem Bewußtsein. Aber ohne allen Schmerz, wie etwas, was ihn gar nichts anging, was sich von selbst verstand und nicht anders sein konnte. Sein Geist registrierte einfach mit größter Schärfe, was geschah, ohne daß irgend ein Gefühl die Vorgänge begleitete. Sein Empfindungsleben war lahm gelegt, ausgeschaltet. Dieser Zustand hatte durchaus nichts Unangenehmes. Es war vielmehr eine Art wohliger Schwäche, die ihn umfangen hielt.

Zuletzt fiel er in eine Art Schlaf, ohne jedoch das Bewußtsein ganz zu verlieren. Auch blieb ihm dumpf gegenwärtig, daß er in der Brust einen Schmerz fühlte.

Der Tag war schon weit vorgeschritten, als er endlich die Augen aufschlug.

Das erste war, daß er sich fragte, ob er einen schweren, schrecklichen Traum geträumt hätte. So ähnlich, wie vor einigen Nächten, als er in großer Angst aufwachte. Aber ein Blick auf die beschmutzten Stiefel, die er noch an den Füßen trug, brachte ihm die Erinnerung wieder. Und mit der Erinnerung kam seinem ein wenig ausgeruhten Nervensystem nun auch die Empfindung zurück. Wie eine ungeheure Last warf der entsetzliche Verlust sich mit seiner ganzen Schwere ihm auf die Seele. Er warf sich herum, bohrte die Fäuste in die Augenhöhlen und wühlte sich tief in die Kissen. Das Licht, das nach solcher Nacht wie an jedem Morgen die Kammer füllte, konnte er nicht ertragen.

So lag er lange, lange. Zuletzt fühlte er einen brennenden Schmerz in den Augen. Da wunderte er sich, daß er nicht weinte. Sonst war der Tränenquell ja so leicht geflossen. Schon, wenn er etwas Trauriges oder Rührendes las. Heute war er wie ausgetrocknet. Er versuchte zu weinen und bewegte die entzündeten Lider über den trockenen Augäpfeln auf und nieder. Aber Tränen kamen nicht. Ist auch gut, tröstete er sich, bitter lachend, so kannst du besser den gleichgültigen Menschen unten im Hause was vormachen, die nicht wissen, wie es in dir aussieht, und es auch nicht wissen dürfen.

Er stand auf und fing an, sich umzukleiden. Da fiel sein Blick auf das Bild über seinem Bett, das die Opferung Isaaks darstellte. Er hielt inne, sein Gesicht verzerrte sich, und Verzweiflungsgedanken gingen durch seine Seele. Da sagen sie nun, du wärest die Liebe; du wärest barmherzig und gnädig und von großer Güte und Treue. Und doch quälst du uns arme Menschenkinder bis aufs Blut. Ja, früher, in der Zeit der Wunder, ging dann zuletzt doch noch alles gut ... wie bei dem alten Mann da ... Aber der war ja auch der Vater der Gläubigen ... Aber bei uns andern, die wir uns zu solchem übermenschlichen Glauben nicht zwingen können ... Ha! ... Uns, die wir aus der Tiefe heraus möchten ... ja, eine Zeitlang ist's uns wohl, als ob du uns die Hand reichtest, aber dann plötzlich lässest du uns fallen und stürzen, in den Abgrund, in die Verzweiflung.

Er lachte heiser und wandte sich dem anderen Bilde zu. Manchmal hatte es ihm wohlgetan, das verklärte Antlitz in den Wolken. Aber jetzt lachte er es spöttisch an. Ja, Himmelskönigin, du hast es leicht, ein hoheitsvolles, erhabenes Gesicht zu machen. Schwebst ja in den Wolken, fern von Erdenjammer und Erdennot ... Aber einst ... ja, als du auf Erden gingst, ja, da hast du diese auch kennengelernt ... damals, als du, das Schwert im Herzen, mit tausend Schmerzen aufblicktest zu deines Sohnes Tod ... Bei diesem Gedanken löste sich ein klein wenig der spöttische, höhnische Zug um den Mund des Verzweifelnden.

Sein Blick fiel auf das gut verpackte Kuchenherz, das auf dem Tische lag. Er nahm es und warf es unter die Bettstelle. Die ganze Geschichte kam ihm plötzlich wie eine kindische Albernheit vor.

Als er sich fertig angekleidet hatte, ging er hinunter. Die Familie war im Wohnzimmer versammelt. Es wurde gerade das Mittagessen aufgetragen. Peter lachte bitter in sich hinein. Vor zwölf Stunden wuschen sie hier die Tote. Nun setzen sie sich hin zu schmausen ...

Er überlegte sich, ob er nicht den Eltern und Großeltern teilnehmend die Hand geben sollte. Aber warum? Was hatten die denn verloren? Die Großeltern eins von zwanzig Enkelkindern, und die Eltern von den acht Kindern, die sie nur mit Mühe sättigen konnten, ein einziges. Die blieben reich und behielten genug übrig, womit sie sich trösten konnten ... Aber er? ...