Der Direktor des Seminars war ein jüngerer Geistlicher, der die Leitung der Anstalt erst kürzlich übernommen hatte. Er stammte aus den Kreisen der kirchlichen Erweckungsbewegung und war bemüht, seine Zöglinge von der rationalistischen Betrachtungsweise der Religion, die sie meistens mitbrachten, abzuleiten. Dabei fiel über die Vernünftigkeit und Plattheit des geltenden Katechismus manches harte Wort, und Peter stimmte der Kritik innerlich meist zu. Aber was sein Lehrer an die Stelle setzen wollte, das leuchtete ihm deshalb noch nicht ein. Und selbst wenn nicht so viele harte Nüsse darin zu knacken gewesen wären, würde Peter das Gelehrte sich kaum innerlich angeeignet haben. Denn jenes zarte Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schüler, das gerade für diesen Unterricht unbedingt nötig ist, soll er nicht das gerade Gegenteil von dem wirken, was mit ihm beabsichtigt wird, kam zwischen Peter und seinem Direktor nicht zustande. Dieser, der in dem Pastoralzeugnis gelesen hatte, daß Peter wenig Gemüt zu haben scheine, mochte von vornherein ihm nicht ohne Mißtrauen begegnet sein, und Peter war so geartet, daß er einem Menschen, der ihm nicht mit vollem Vertrauen entgegenkam, einfach sein Herz verschloß. Er hatte das Gefühl, daß sowohl der alte Katechismus wie auch der junge Direktor sehr viel von Gott und göttlichen Dingen wußten, aber wer von beiden recht hatte, und ob überhaupt einer von ihnen recht hatte, blieb ihm ungewiß, und er fühlte auch keinen Zwang in sich, sich darüber zu entscheiden. Wenn die studierten Herren sich nicht einmal darüber klar und einig werden konnten, wenn, wie der Direktor sagte, auf den Universitäten auch der Kampf zwischen den Professoren über diese Fragen hin und her wogte, was sollte denn so ein armer Schulmeister machen?
Das Seminar war Internat, und Peter mußte sein Zimmer mit zwei Seminargenossen teilen. Und während des Unterrichts, in den Pausen, beim Essen, war er mit der ganzen Schar zusammen. Dies war ihm anfangs nicht unangenehm. Es riß ihn ja auch von dem Grübeln über das Vergangene und Verlorene hinweg. Dieser Verkehr verschaffte ihm auch manchen Einblick in andere Art und fremdes Leben, der ihm, dem Lebensunkundigen, wertvoll sein mußte. Aber er fühlte immer wieder, daß er ein langweiliger Geselle war, der sich selbst nicht geben konnte. Was war denn in seinem Leben, das sich andern mitteilen ließ? Die andern erzählten von zu Hause. Daran dachte er am liebsten nicht einmal. Die andern machten sich über die alten Schulmeister lustig, bei denen sie in die Lehre gegangen waren. Ueber des alten Wencke Wunderlichkeiten Witze zu reißen, fehlte es Peter sowohl an Begabung wie an Lust. Die andern zogen hin und wieder einander mit zarten Verhältnissen auf, und es waren auch mehrere unter ihnen, von denen die Rede ging, sie wüßten genau, wen sie im nächsten Frühjahr zur Frau Schulmeisterin machen wollten. Wenn auf derartiges die Rede kam, fühlte Peter einen heißen Schmerz und stürzte am liebsten davon.
Manchmal mußte er sich wundern, wie viel andere erlebt hatten, und kam sich ihnen gegenüber vor wie ein unerfahrenes, unbeholfenes Kind. Aber dann kam's ihm plötzlich wieder zum Bewußtsein, daß er viel, viel mehr durchgemacht hatte als die andern. Nur war es nicht derart, daß man davon erzählen, damit sich aufspielen, darüber Scherze machen konnte.
Einige Kameraden begegneten ihm, denen gegenüber er das Gefühl hatte, als ob aus ihnen etwas Verwandtes ihm entgegenkäme, und er versuchte, sich ihnen zu nähern. Aber zu einer wirklichen Freundschaft kam es nicht. Der Boden, auf dem eine rechte Jugendfreundschaft gedeihen kann, war in ihm, der der Liebe Lust und Leid so früh und so tief erfahren, wohl schon zerstört. Und das geräuschvolle, genau geregelte Anstaltsleben war dem Werden einer solchen in einem Menschen von der Veranlagung Peters ohnehin nicht günstig.
So vereinsamte er mehr und mehr unter seinen Kameraden. Die einen hielten ihn für stolz und unkameradschaftlich, andere sahen in ihm einen Kopfhänger, noch andere meinten einfach, es wäre aus ihm nicht klug zu werden. Und alle ließen ihn seiner Wege gehen und kümmerten sich nicht um ihn.
Dieses Verhältnis zwischen Peter und seinen Mitseminaristen entging auch den Lehrern nicht, welche dadurch das Urteil des mitgebrachten Zeugnisses und die eigenen Eindrücke bestätigt sahen. Als sie einmal in der Konferenz ihre Ansichten darüber austauschten, erhob sich aber doch eine Stimme des Widerspruchs. Der Jüngste des Kollegiums, der erst kürzlich von seiner Dorforgel an das Seminar versetzt war, sagte: »Ich glaube, in diesem Peter steckt mehr, als es zunächst scheint. Es fiel mir in der Gesangstunde auf, daß er musikalisch sehr begabt ist. Und da habe ich nun aus Liebhaberei angefangen, ihn im Geigenspiel privatim etwas vorzunehmen. In der Art, wie er die Geige anlegt, in dem Ausdruck seiner Augen beim Spielen liegt etwas, was mich zweifelhaft macht, ob der junge Mensch in unserm Kollegium ganz richtig beurteilt wird.« Die älteren Herren lächelten mild im Bewußtsein ihrer teils durch Universitätsstudium, teils doch durch höheres Lebensalter erworbenen überlegenen Menschenkenntnis, und der Direktor sagte, leicht verweisend: »Mein lieber junger Freund, Sie sind geneigt, die Menschen allzusehr nach dem Verhältnis zu Ihrer geliebten Musik zu beurteilen. Peter Eggers stammt aus den gedrücktesten und unglücklichsten Familienverhältnissen, und in solchen Menschen kommt das Beste, das Herz, das Gemüt, nicht zur Entwicklung. Ich merke das besonders in der Religionsstunde. Aber den andern Herren wird das auch nicht entgangen sein.« Diese nickten, und der Jüngste schwieg. Aber er hörte, nicht auf, den Vereinsamten auf sein Zimmer zu rufen — er selbst wohnte auch im Seminargebäude — und den Unterricht, den einst Schulmeister Wencke so schnell abgebrochen hatte, fortzusetzen. Er hatte an den Fortschritten seines Schülers viel Freude. Aber der Mensch blieb ihm nach wie vor rätselhaft.
Eines Abends, als über dem Geigenunterricht die Dämmerung hereingebrochen war, schloß der Lehrer das Notenheft, nahm selbst die Geige zur Hand und spielte Händels Largo. Als er den letzten Ton verklingen ließ, hörte er Peter leise schluchzen. Er legte ihm sanft den Bogen auf die Schulter und fragte teilnehmen: »Was ist dir?«
Peter schwieg.
»Willst du's mir nicht sagen?« fragte der Lehrer, indem er den Bogen auf den Tisch legte und nach Peters Hand griff.
»Ach, solche Musik wühlt alles wieder in einem auf ...«