Peter hatte also einmal einen Menschen gefunden, der ihm mit warmem Herzen entgegenkam. Es fiel wieder einmal ein Sonnenstrahl in sein armes Leben hinein, und sogleich war's, als ob es unter dem warmen Anhauch neu aufblühen wollte. Die Kameraden wunderten sich nicht wenig, daß Peter plötzlich viel kameradschaftlicher und munterer erschien, und gingen dem Verkehr mit ihm nicht mehr so ängstlich aus dem Wege. Der Herr Direktor war erstaunt, daß Peter anfing, Antworten zu geben, die eine innere Anteilnahme verrieten. Ja, dachte er, wenn man's nur versteht, den jungen Leuten ans Herz zu kommen! In der letzten Konferenz vor der Schlußprüfung sagte er: »Über Peter Eggers habe ich mich die letzten Wochen recht gefreut. Er hat sich bei uns gut herausgemacht. Die Herren werden das auch gemerkt haben.« Die Herren nickten zustimmend, nur der Jüngste unten am Tisch nicht. Der lächelte ganz fein vor sich hin.

Peter bestand die Abgangsprüfung gut. Die halben Stunden bei dem freundlichen Manne und bei seiner Musik hatten ihm ein so frohes Lebensgefühl gegeben, daß er frisch und munter antworten konnte und in dem rechten Augenblick sich an manches erinnerte, was er einst in Wehlingen gelesen oder gelernt, aber längst vergessen geglaubt hatte. Bei der Bekanntmachung des Ergebnisses schüttelte der Direktor ihm besonders herzlich die Hand und sprach die Hoffnung aus, ihn nach einigen Jahren als Hauptseminaristen wiederzusehen.

Am Abend des Prüfungstages ging Peter zu seinem Musiklehrer, um sich von ihm zu verabschieden. Als er bei ihm eintrat, sagte dieser: »Ich habe mir gedacht, du kämst doch wohl nicht fürs erst dazu, dir eine Geige anzuschaffen. Und es wäre doch schade, wenn du das Spielen unterbrechen müßtest. Ich habe nun zufällig für einen Spottpreis ein ganz gutes Instrument kaufen können und möchte dich bitten, es von mir zum Andenken und aus Liebe zu unserer gemeinsamen Freundin, der Musik, anzunehmen. Hier ist's.« Peter starrte abwechselnd seinen Lehrer und die ihm in die Hand gedrückte Geige an, und suchte nach Worten. Aber der feinfühlende Mann half ihm darüber hinweg. »Probier' man gleich mal,« sagte er munter, »oder laß uns mal zweistimmig etwas spielen. Vielleicht einen Choral? Schlag' mal einen vor! Gestimmt habe ich die Geige schon.« Peter schwieg noch immer.

»Na, was soll's sein?« fragte der andere und setzte seine eigene Geige an. Da sagte Peter hastig: »Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren,« faßte die Geige und ließ dreimal nacheinander die Saiten die jubelnde Weise jauchzen. Und der Seminarlehrer spielte ebenso freudig bewegt die zweite Stimme dazu, und dachte im stillen, indem er in Peters glückverklärte Augen sah: Das ist nun einer ohne Herz und Gemüt. O ihr klugen Menschenkenner!

Als Peter die Geige absetzte, fing er an zu stammeln: »O Herr Seminarlehrer, w ... was soll ich ... bloß ...« »Du sollst bloß den Mund halten,« sagte der lächelnd und hielt ihm den Rücken seiner Geige vor den Mund. »Was du meinst und fühlst, das hast du ja eben schon mit deiner Geige gesagt. Möge sie dir eine gute Freundin werden, die in der Freude mit dir jubelt und im Leid mit dir weint und dich durch ihr mitfühlendes Herz tröstet.«

»O Herr Seminarlehrer!« —


Am Tage darauf — es war am Sonnabend vor Palmsonntag — setzte Peter sich auf die Eisenbahn, um nach Hause zu fahren. Das gute Examen, die ihm vom Direktor gemachte Aussicht auf das Hauptseminar, die Erinnerung an den freundlichen Musiklehrer, die Geige, die in ihrem schwarzen Kasten nahe bei ihm stand, die frische Märzluft, der Sonnenschein, der in die Fenster des Wagenabteils fiel, alles wirkte zusammen, Peter in eine frohe und mutige Stimmung zu versetzen.

Auf einer größeren Station, wo die Lokomotive Wasser einnehmen mußte, stieg ein alter Bauer ein, musterte die drei Insassen des Wagenabteils, unsern Peter, einen Handlungsreisenden und eine Bauerfrau, und machte sich's bequem.

»Wat hollt he hier so lang?« fragte die Frau den Bauern.