Unmittelbar neben dem Schauplatz dieser Szenen sind wir deutschen Lehrer gezwungen, unsere Schüler einzuführen in deutsche Kultur. Sie haben vielleicht auf dem Gange zur Schule einen solchen Wagen voll Leichen gekreuzt oder das Stöhnen der elenden Opfer aus dem offenen Fenster der Gewölbe gehört oder sind von den Jammergestalten angebettelt worden, die, um Luft zu schöpfen, auf die enge Straße hinausgekrochen sind, aber in ihrer Schwäche sich nicht wieder haben zurückschleppen können, und die nun fliegenbedeckt und sterbend auf der Straße liegen.
In welcher Stimmung sollen die Schüler, wenn sie Armenier sind, sich von uns, ihren Lehrern, in Geschichte und Heimatkunde, in Religion u. a. unterweisen lassen, wenn in den der Schule benachbarten Höfen ihre Volksgenossen verhungern?!
Ja, glaubt man, daß die muhammedanischen Kinder nicht irre werden, wenn sie angesichts solcher Bilder unsere Lehren hören? Gibt es doch zahllose, anständige Muhammedaner, die dieses Massenmorden an unschuldigen Frauen und Kindern voll Abscheu als Sünde wider die Gebote Gottes des Barmherzigen verurteilen und, nicht fassend, daß ihre eigene Regierung die Urheberin solcher sündhaften Greuel sein könne, in den Deutschen die Urheber suchen. Gräßliche Flecken drohen hier dem Ehrenschilde Deutschlands in der zukünftigen geschichtlichen Erinnerung der morgenländischen Völker!
Es ist nicht unsere Sache, die politische Berechtigung der Vertreibung der Armenier aus ihrem Gebirgslande zu erörtern. Darauf aber wollen und müssen wir mit lauter Stimme hinweisen: daß die deutsche Schularbeit bei der Fortdauer dieser gräßlichen Art der Vertreibung in Form eines Massenmordens an Frauen und Kindern, eines Massenmordens, wie es die Geschichte wohl noch nicht erlebt hat, in diesem Lande einen nicht wieder gut zu machenden Schaden erleidet.
Wir haben die Zuversicht zu dem Auswärtigen Amt, daß es seinem Einfluß gelingt, diesem schmählichen Morden noch in letzter Stunde Halt zu gebieten und uns deutsche Lehrer von der Scham zu befreien, die uns der Verdacht der Mittäterschaft schon jetzt hier — bei Christen und Muhammedanern — wie aber später erst in der ganzen Welt! — täglich mehr auf der Seele lasten läßt.
Oberlehrer Dr. Niepage.
Die Darstellung des Kollegen Dr. Niepage übertreibt in keiner Weise. Wir atmen hier seit Monaten Leichengeruch und leben unter Sterbenden. Nur die Hoffnung auf ein baldiges Ende des himmelschreienden Zustandes erlaubt uns noch, an der Schule weiter zu arbeiten, und der Wille, der hiesigen nichttürkischen Bevölkerung mit unseren schwachen Hilfskräften zu beweisen, daß wir Deutsche persönlich nichts mit den entsetzlichen Methoden dieses Landes zu tun haben.
Schuldirektor Huber.
Eduard Graeter, Dr. phil.
Marie Spieker.
An das Auswärtige Amt, Berlin.
183.