Aleppo, den 16. November 1915.

Euerer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage den Bericht eines Deutschen, den ich kürzlich aus dienstlichem, mit der Armenierfrage in keinerlei Zusammenhang stehenden Anlaß nach Der-es-Zor zu entsenden hatte, über das Geschick der auf dem Wege dorthin wandernden oder am Ziel angelangten Armenier. Es sind Beobachtungen, die sich unterwegs aufgedrängt haben.

Oberstabsarzt Dr. Schacht, der auf dem Wege von hier nach Bagdad den Flußweg gewählt hat, schrieb mir am 3. November aus Der-es-Zor: „Ich habe unterwegs viel Böses gesehen. Es ist schon wahr, was man erzählt hat.“

Die zu Lande nach Bagdad führende Etappenstraße von Aleppo nach Der-es-Zor ist durch Flecktyphus verseucht. Und das Gleiche muß wohl auch vom Wasserweg gelten.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.

Rößler.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.

Anlage.

Wanderung der Armenier nach Der-es-Zor.

Auf der Reise nach Der-es-Zor gelangt man notwendigerweise in Fährten der ausgewiesenen Armenier. Schon Der Hafir zeigt die erste Spur: Früher einen Krämerladen, besitzt es jetzt deren drei, die einzig darauf ausgehen, die Zwangslage der Armenier durch hohe Preise auszubeuten (Ziegenfleisch 1 Okka 5–6 Piaster, Brot 4–5, Eier 10 Para usw.). Diesem Unfug begegnet man bis Der-es-Zor. Da Tausende von Armeniern durch die Chans längs der Bagdadstraße wandern, sind die spärlich eingerichteten Läden, die an Ware eigentlich fast gar nichts besitzen, sämtlich leer und der Verkäufer findet für hohe Preise hungrige Käufer. An den Lagerplätzen ist nur schlammreiches, durch Leichen, Mist und Fetzen verunreinigtes Euphratwasser zu haben. Für Zufuhr von Lebensmitteln ist bei den Transporten — obwohl Möglichkeit vorhanden wäre — nicht gesorgt. Wasserstellen mit abgestandenem, abgesetztem Wasser könnten ja ohne weiteres für den permanenten Durchzug errichtet werden. Die Verschickten müssen somit außer ihren Lasten, Kindern, Kranken und Leiden auch Lebensmittel und selbst Wasser für lange Märsche mit sich schleppen. An manchen Stellen fehlt jedes Brennmaterial. Weit und breit in der Runde suchen die spät abends eintreffenden Ankömmlinge mit ihren erschöpften Kräften, die nur mühsam auszureißenden Süßholzwurzeln als Feuerungsmaterial zusammen. All die Rastplätze sind Monate hindurch durch Massen von menschlichen Exkrementen, Abfällen, Fetzen und Mist in den abscheulichsten Zustand versetzt, der sich nicht ändern wird, als bis der letzte Trupp dahin sein dürfte. Die begangenen Wege längs des Flusses und der Bagdadstraße weisen nacheinander die Merkmale der Wanderung auf: Zurückgelassene Wagen, von denen das Vieh einging; zerbrochene Wagen, Kleiderreste and Fetzen, die eben am Leibe nicht mehr zu haften vermögen. Tierleichen und Menschenleichen in allen Stadien der Zersetzung. Nur gut, die Natur mit ihren Aasfressern besorgt in sehr kurzer Zeit die Beseitigung dieser Kadaver. In Meskene fanden wir einen kleinen Trupp Zurückgebliebener, dabei ein sitzender Toter in Verwesung, eine sterbende Frau und 2 Kranke. Militär und Lasttiere füllten den Chan und dessen schmutzige Umgebung, und jedermann hatte andere Sorgen als diesen Unglücksflecken zu reinigen.