2. Ein deutscher Ingenieur, der während der entscheidenden Ereignisse wochenlang in Ras-ul-Ain und Tell-Abiad für den Bau der Bagdadbahn beschäftigt war und dessen Glaubwürdigkeit die allerbeste ist, gab erschütternde Berichte, die einen Einblick in die bewußte und gewollte Vernichtung der Verschickten durch türkische Regierungsorgane gewährten. Die von den Armeniern immer wieder vorgebrachte Erzählung, daß die Züge der Verbannten absichtlich kreuz und quer geführt worden sind, um sie „zu Tode zu wandern“ fand an einem Beispiel ihre Bestätigung. Ein Trupp Verschickter aus Urfa hat folgenden Weg zurücklegen müssen:
Von Urfa nach Tell-Abiad,
„ Tell-Abiad nach Rakka,
„ Rakka nach Tell-Abiad,
„ Tell-Abiad nach Rakka.
Die Strecke von Tell-Abiad nach Rakka beträgt in der Luftlinie rund 90 km.
3. Die schon öfter gemeldete und soeben wieder bestätigte Tatsache, daß Regierungsorgane die Bevölkerung zur Vertilgung der Armenier aufgefordert und ermutigt haben, kann dahin eingeschränkt werden, daß Djemal Pascha, der Höchstkommandierende der 4. Armee, persönlich die Vernichtung der Armenier nicht gewollt hat. Sein Wille hat sie nicht aufzuhalten vermocht, aber es ist eine Erleichterung, in dem grauenhaften Bilde auch einmal einen versöhnlichen Zug entdecken zu können. Das Sammellager der Armenier in Islahije ist 6 Wochen lang, trotz der Verteidigung durch deutsche Ingenieure, der Gegenstand zahlreicher Raubüberfälle durch Kurden gewesen, bei denen Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden. Als Djemal Pascha durchkam und ihm darüber Vortrag gehalten wurde, stellte er seine 12 Leibgendarmen zur Verfügung, die sehr energisch gegen die Kurden vorgingen und einige gefangen einbrachten. Diese sind dann gehängt worden. Wenn die Zustände im Bereich der 4. Armee, obwohl sie schlimm genug sind, doch nicht an diejenigen im Bereiche der 3. Armee heranreichen, so wird neben den durch die geographische und politische Lage sowie durch den verschiedenen Stand der Verkehrswege bedingten Unterschieden auch der Einfluß Djemal Paschas in Anschlag zu bringen sein[118].
4. Während ich früher wiederholt berichtet habe, daß Leichen der Armenier unbeerdigt geblieben sind und den Raubtieren zum Opfer fielen, kann nach neuerdings mir erstatteten mündlichen Berichten kein Zweifel mehr sein, daß auch noch lebende Armenier, die im Krankheits- und Er schöpfungszustande im Freien lagerten und um die sich niemand kümmerte, von Hunden angefressen worden sind.
Es liegt dafür das Zeugnis eines älteren deutschen Ingenieurs von unbedingter Zuverlässigkeit vor, der, in Arab-Punar stationiert, die Strecke zwischen dort und Harab-Nass unter sich hatte. Die Beobachtung ist sowohl von ihm selbst, wie von seinen eingeborenen Angestellten gemacht worden. Sein Name steht auf Erfordern zur Verfügung.
Der Leichengeruch auf der Straße zwischen diesen beiden Stationen war derartig stark, daß er sich mehrfach das Gesicht verbunden hat, wenn er sie zu Pferde zurückzulegen hatte.