3. Ersindjan und Erzerum, Dezember 1917 und Januar 1918 (vor dem Rückzug der russischen Truppen und armenischen Freischaren aus den besetzten Gebieten): einige hundert.
4. Im Gebiet von Kars (vor dem Einmarsch der türkischen Truppen in die im Frieden von Brest-Litowsk preisgegebenen drei Distrikte), Frühjahr 1918: Nach Aussage Enver Paschas hat sich „seit der letzten russischen Zählung allein im Gebiet von Kars die Zahl der muselmanischen Einwohner um 45000 vermindert, welche alle den Verfolgungen der Armenier erlegen sind“.
In allen vier Fällen handelt es sich um türkische Angaben, die durch unabhängige Quellen nicht bestätigt, in der Hauptsache aber als groteske Übertreibungen erweisbar sind. Denn die Zahlen der türkischen Berichte lassen sich meist auch ohne nähere Kenntnis der Einzelvorgänge nachprüfen und um verschiedene Stellen kürzen.
Die von Enver Pascha gegenüber Kapitän Humann genannte Zahl von 150000 Türken des Wilajets Wan, von denen nur noch 30000 am Leben geblieben sein sollen, hat eine Geschichte. Ich habe sie bereits im Jahre 1916, als sie zuerst in einem türkischen Kommuniqué auftauchte, untersucht.
In dem türkischen Kommuniqué vom 29. Juni 1915 heißt es:
„Von 180000 Muselmanen, die das Wilajet Wan bewohnen, haben sich kaum 30000 retten können. Der Rest blieb den Mordtaten der Russen und Armenier ausgesetzt, ohne daß man bis jetzt über deren Schicksal etwas erfahren konnte.“
Das Schicksal dieser 150000 Muselmanen also war nicht bekannt und auch nicht erfahrbar, da sie sich hinter der russischen Front befanden. Die 30000 sind diejenigen Türken, die beim Vormarsch der Russen in die Ebene von Musch geflüchtet sind. (Wie unzuverlässig auch diese Zahlen sind, ergibt sich aus der Tatsache, daß eben diese geflüchteten Muhammedaner am 17. Mai, auch nach einer türkischen Quelle, auf 80000 geschätzt wurden.)
In der Aussage von Enver Pascha ist die vorsichtige Ausdrucksweise des Communiqués, nach der der Rest von 150000 den Mordtaten der Russen und Armenier „ ausgesetzt blieb, ohne daß man von ihrem Schicksal etwas wußte“, dahin variiert, daß erstens „die Armenier“ alleinige Missetäter und die Russen fortgelassen sind, und zweitens schlankweg behauptet wird, diese 150000 Türken, von denen man nichts wußte und nichts wissen konnte, seien der Wut der Armenier zum Opfer gefallen.
Die letzte Aufmachung der Ziffern des Communiqués findet sich in der Aussage der türkischen Botschaft in Berlin vom 1. Oktober 1915; da wird erzählt, daß „im April während des türkischen Vormarsches nach Aserbeidschan es zu einer Armenierrevolte im Rücken des türkischen Heeres gekommen sei, bei der nicht weniger als 180000 Muhammedaner umgebracht worden seien“. Hier werden die 30000 geflüchteten Muhammedaner mit den 150000 hinter der russischen Front verbliebenen, von denen niemand etwas wußte, zusammengerechnet und alle 180000 für Opfer der Armenierrevolte in Wan ausgegeben. So sind glücklich aus den etwa 18 Türken, die (der Zahl der getöteten Armenier von Wan entsprechend) gefallen sein mögen — 180000 geworden.
Mit solchen phänomenalen Zahlen von 180000 massakrierten Muhammedanern war es der türkischen Botschaft ein leichtes, die Vorstellungen des Auswärtigen Amtes zurückzuweisen: „Es sei nicht verwunderlich, daß die Muhammedaner hierfür Rache genommen hätten.“