2.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Erzerum, den 16. September 1913.
Auf der Reise von Tiflis durch den Kaukasus nach Erzerum besuchte ich am 7. d. M. den Katholikos aller Armenier, Seine Heiligkeit Kevork V. Surenian, in seinem Patriarchensitz Etschmiadsin am Fuße des Berges Ararat. Das Kloster, in dem ich sehr gastlich aufgenommen wurde, ist im Jahre 303 n. Chr. vom Patriarchen Gregor dem Erleuchter erbaut. Bereits im ersten Jahrhundert n. Chr. hatte sich in Armenien eine christliche Gemeinde gebildet und unter dem König Trdat, welcher Armenien von 301 bis 332 beherrschte, wurde das Christentum als Staatsreligion anerkannt. Obwohl im Jahre 303 n. Chr. sich die armenische Kirche selbständig machte, beschickten die armenischen Patriarchen von Vartashabad (nahe Etschmiadsin) das Konzil von Nicäa 324, von Konstantinopel 328 und Ephesus 432. Die dort festgesetzten Dogmen wurden angenommen, jedoch die Beschlüsse des Konzils zu Chalcedon 451 offiziell verworfen. — Zurzeit vollzieht sich die Patriarchenwahl in der Weise, daß 8 Mitglieder der Synode, die 7 ältesten Klosterbrüder, sowie von jeder Eparchie (6 in Rußland, 2 in Persien, 1 in Rumänien, 50 in der Türkei) 1 Geistlicher und 1 Laie ihre Stimmen abgeben. Dem Zaren werden die beiden Bischöfe mit den meisten Stimmen vorgeschlagen; bei der letzten Wahl am 11. Dezember 1911 waren dies der jetzige Katholikos, damalige Erzbischof von Tiflis, und der armenische Patriarch in Konstantinopel, Turian.
Wie ich erfuhr, bezieht der Katholikos von der russischen Regierung keinerlei Gehalt, dagegen stehen ihm aus den Mitteln der Gemeinde jährlich 12000 Rubel zur persönlichen Verwendung zur Verfügung.
Der Katholikos Kevork V. ist eine ehrwürdige, sympathische Erscheinung mit lebhaftem, klugen Gesichtsausdruck. Er empfing mich in seinem Thronsaal, auf der Kapuze über der Stirn geschmückt mit dem Kreuz aus Brillanten, einem Geschenk des Zaren. Es interessierte ihn ungemein, daß die Kaiserliche Regierung in Erzerum eine konsularische Vertretung eingerichtet hat. Er verspricht sich von dieser Maßnahme großen Vorteil für seine — wie er sich ausdrückte — „armen unterdrückten Glaubensgenossen unter türkischem Joch.“ Seine Heiligkeit bat mich, soweit meine Amtsbefugnisse dies erlaubten, mich der Armenier im Wilajet Erzerum anzunehmen und übergab mir ein Handschreiben an den armenischen Bischof Sinbad in Erzerum.
Betreffs der Reformen äußerte sich der Patriarch dahin, daß bei der Beratung des Programms durch die Großmächte leider noch keine Einigung erzielt sei, da jede Macht neben der humanitären Seite der Vorschläge auch noch ihre eigenen wirtschaftlichen oder politischen Ziele mit dem Programm in Einklang bringen wolle. Er erkenne dankbar an, daß die Kaiserliche Regierung in Berlin den führenden Mann der Bewegung, Boghos Nubar Pascha, empfangen und ihre Sympathien für die Sache der Armenier zum Ausdruck gebracht habe. Leider würde von den Mächten, mit Ausnahme Rußlands, zu viel Rücksicht auf die türkische Regierung genommen, welche sich noch seit Jahrhunderten als unfähig zu jeglichem Reformwerk erwiesen habe. Der Patriarch hob sodann hervor, daß die Entsendung deutscher Kriegsschiffe nach Mersina im Frühjahr d. J. wesentlich zur Sicherung der Armenier in Cilicien beigetragen habe, und daß er einen Bericht über den Besuch des Katholikos von Sis an Bord S. M. S. Goeben am 5. Mai d. J. gelesen habe. Er hoffe, die Kaiserliche Regierung werde auch weiter, speziell im Gebiete der Bagdadbahn, ihren Schutz den Armeniern angedeihen lassen und er hoffe von dem Ausbau der Bahn große zivilisatorische und kulturelle Vorteile für die dort ansässigen Armenier.
Der Patriarch wünschte mir sodann gute Reise und vollen Erfolg für meine Mission nach Erzerum und gab Befehl, daß mir der Klosterschatz, u. a. auch Überreste der Arche Noah, welche dem heiligen Gregor von einem Erzengel übergeben worden sind, gezeigt werde.
Anders.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Freiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.