Im allgemeinen bemerkte der Patriarch, daß jeder einsichtige Armenier das Verbleiben der Armenier unter türkischer Herrschaft wünsche und den Gedanken eines Anschlusses der betreffenden Landesteile an einen fremden Staat zurückweise; allerdings sei es unbedingt notwendig, daß im Sinne der geplanten Reformen den Armeniern in Ostanatolien die Gleichheit vor dem Gesetze und Schutz von Leben und Eigentum gewährleistet werde.
Auf die Sympathien der Armenier für die eine oder die andere der mit uns im Kriege befindlichen Mächte übergehend, meinte der Patriarch, es sei begreiflich, daß im Grenzverkehr mit dem russischen Gebiete vielfach russische Sympathien eingeschleppt würden. Alljährlich im Frühling zögen Tausende von Armeniern nach Rußland, um dort zu arbeiten, und kehrten im Herbste mit ihren Ersparnissen in ihre türkische Heimat zurück; da würden dann wohl Vergleiche zwischen der Behandlung, die sie in der Fremde erfahren haben, und ihrer Lage in der Türkei gezogen; wie aber ihr Los sich gestalten würde, wenn sie unter russische Herrschaft geraten sollten, davon hätten sie keine richtige Vorstellung. Während der Armeniermassakres in Erzerum (im Jahre 1898) habe der russische Konsul Maximow nicht nur diejenigen Armenier, die im Konsulate Zuflucht suchten, abgewiesen, sondern auch den fanatischen Pöbel durch laute Zurufe zur Fortsetzung der Ausschreitungen angetrieben. Der Patriarch führte noch andere Einzelheiten an und fügte hinzu, daß das Eintreten Rußlands für Reformen in Türkisch-Armenien durch die Rücksichtnahme auf die armenische Bevölkerung im Kaukasus begründet gewesen sei.
Wenn Sympathien für Frankreich vorhanden seien, so sei das die Folge davon, daß in den armenischen Schulen von fremden Sprachen hauptsächlich Französisch gelehrt werde; die Kenntnis dieser Sprache bilde das Medium zur Einführung französischer Ideen und französischer Sympathien. Das Deutsche sei aus Mangel an geeigneten Lehrkräften bisher nur an wenigen Schulen in den Unterricht aufgenommen. Für Amerika seien ausgesprochene Sympathien vorhanden, obwohl die Proselytenmacherei der amerikanischen Missionare vielfach Anstoß errege. — Die ausgebreitete und segensreiche Tätigkeit der Kaiserswerther Diakonissen und anderer deutscher Vereine für die Armenier in der Türkei werden vom Patriarchen richtig gewürdigt.
Die vorstehenden Ausführungen des Patriarchen dürften im allgemeinen als zutreffend und auch als aufrichtig gemeint zu erachten sein. Soweit mir bekannt, gehört er selber, ebenso wie die Majorität des derzeitigen „Großen Conseils“ der armenischen Gemeinde, der gemäßigten Partei („Ramgavar“) an.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
14.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 30. Dezember 1914.
Der beifolgende Bericht über türkische Ausschreitungen gegen die armenische Bevölkerung in der Umgegend von Erzerum bestätigt die Mitteilungen, die mir hierüber vom Armenischen Patriarchen zugegangen waren, und hat mich veranlaßt, die Zustände auf der Hohen Pforte zur Sprache zu bringen und dringend zu raten, für die Abstellung solcher Vorkommnisse Sorge zu tragen. Allerdings meinte der Großwesir, daß diese Vorfälle nicht ganz ohne armenische Provokation entstanden seien; als Beleg hierfür führte er an, daß die Armenier in dem Kriege offen gegen die türkische Sache Partei nehmen, und erwähnte u. a., daß die bulgarischen Armenier Rußland eine Freiwilligentruppe zur Verfügung gestellt hätten[33].