Trotz aller Drangsalierungen verhielten sich die Armenier ruhig, ertrugen die Übergriffe und ließen sich zu keinem Widerstand verleiten. Sie beschwerten sich bei der Regierung, und zeitweise schien die Regierung sie auch schützen zu wollen. In Musch hielt sich zu der Zeit Wahan Papasian, der Abgeordnete des Parlaments für Musch, auf. Er vertrat die Interessen der Armenier beim Mutessarrif von Musch und beim Wali von Bitlis. Er versuchte, durch Verständigung mit der Regierung (unter Zustimmung des Ministers des Innern Talaat Bey) dahin zu wirken, daß Streitigkeiten geschlichtet wurden und die Ordnung, so gut es unter den anarchistischen Zuständen möglich war, aufrecht zu erhalten.“
Ende Juni kam Djevded Bey, nachdem er Wan den Russen preisgegeben hatte, mit seinen Truppen nach Bitlis, ließ dort die armenische Bevölkerung massakrieren und den Rest, 900 Frauen und Kinder, abtransportieren. Wie es heißt, wurde der Transport im Tigris ertränkt. In Musch begann das Massaker am 11. Juli. Von den 15000 Armeniern der Stadt blieben nur 200, von den 59000 Bewohnern der mit armenischen Dörfern besäten Muschebene konnten sich nur 9000 in die Berge von Sassun durchschlagen.
3.
Wan.
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Halil Bey in Nordpersien.
In den ersten Kriegsmonaten Ende 1914 und Anfang 1915 waren türkische Truppen in Nordpersien in das Gebiet von Urmia und Dilman eingefallen. Den 20000 Regulären hatten sich noch 10000 Kurden aus dem oberen Zabgebiet angeschlossen. Auch Djevdet Bey, der Wali von Wan, beteiligte sich an diesen Operationen. Djevdet Bey ist ein Schwager des türkischen Kriegsministers Enver Pascha; Halil Bey, der Kommandeur des Korps, das in Persien einfiel, ein Onkel von Enver Pascha. Die türkischen und kurdischen Truppen verwüsteten auf persischem Gebiete alle christlichen Dörfer. Die syrische Bevölkerung des Urmiagebietes und die armenische Bevölkerung der Salmas-Ebene (um Dilman) wurde, soweit sie nicht auf russisches Gebiet flüchten konnte oder in dem Anwesen der amerikanischen Mission Schutz fand, von den Kurden erbarmungslos niedergemacht.
Djevdet Bey in Wan.
Als Djevdet Bey, der Wali von Wan, Mitte Februar aus Salmas zurückkehrte, begrüßte er freundlich die armenischen Führer, versprach den Plünderungen der Dörfer Einhalt zu tun und die Geplünderten zu entschädigen. Nur bat er, noch einige Wochen zu warten, bis die persische Expedition vorüber sei. Zugleich aber hörte man, daß er in einer Versammlung von türkischen Notabeln gesagt habe: „Wir haben mit den Armeniern und Syrern von Aserbeidschan (Nordpersien) reinen Tisch gemacht; wir müssen mit den Armeniern von Wan das gleiche tun.“
An der Spitze des Daschnakzagan-Komitees standen damals drei bekannte Armenier, Wramjan, Deputierter von Wan, Ischchan und Aram.
Der Wali stellte sich in den nächsten Wochen freundlich mit ihnen und bat sie, wie bisher, mit ihm zusammenzuarbeiten, um die Ordnung im Wilajet aufrechtzuerhalten. Es wurden Kommissionen gebildet, die in die Dörfer geschickt wurden, um den Plünderungen der Kurden und den Gewalttaten der Gendarmen Einhalt zu tun und Streitigkeiten zu schlichten. Inzwischen hatte der Wali um Verstärkungen von Erzerum gebeten und rechnete wohl auch auf die Unterstützung durch die Truppen, die in Persien eingefallen waren, falls sein geplantes Vorgehen gegen die Armenier, die sich noch nichts Schlimmes von ihm versahen, auf Widerstand stoßen würde. Plötzlich demaskierte er sich und zeigte sein wahres Gesicht.
In Schatakh, einem überwiegend von gregorianischen und katholischen Armeniern, zum geringeren Teile auch von Kurden bewohnten Landstädtchen von über 2000 Einwohnern, an den Quellen des östlichen Tigris (50 Kilometer von Wan), wurde am 14. April der Armenier Howsep, ein Daschnakzagan, von Gendarmen verhaftet. Seine Freunde wollten ihn befreien, es gab einen blutigen Zusammenstoß. Als der Wali davon hörte, ließ er die drei Führer der Daschnakzagan, Wramjan, Ischchan und Aram, zu sich kommen und bat sie, zusammen mit dem Müdir der Polizei von Wan nach Schatakh zu gehen, um den Streit zu schlichten. Das Komitee bestimmte, daß Ischchan mit drei anderen Armeniern namens Wahan, Kotot und Miran nach Schatakh gehen sollte. Der Müdir der Polizei nahm einige tscherkessische Saptiehs mit sich. Halbwegs nach Schatakh, in der Flußniederung von Hayoz-Dzor, übernachteten sie in dem Dorfe Hirtsch. Als die vier Armenier eingeschlafen waren, ließ der Müdir der Polizei sie im Schlaf durch die Tscherkessen ermorden. In der Frühe des nächsten Tages, ehe noch die Armenier von Wan etwas von dem Meuchelmorde wußten, ließ der Wali Djevdet Bey die beiden andern armenischen Führer Wramjan und Aram zu sich bitten. Aram war zufällig abwesend. Wramjan geht arglos zum Wali und wird, sobald er den Konak betreten hat, verhaftet. Der Wali schickt ihn sofort gefesselt nach Bitlis. Von Bitlis wurde Wramjan, der als Deputierter von Wan in besonderem Ansehen stand, nach Diarbekr transportiert und unterwegs ermordet.