1.

Meskene, durch seine geographische Lage an der Grenze von Syrien und Mesopotamien, ist der gegebene Konzentrationspunkt für die Transporte der deportierten Armenier aus den anatolischen Wilajets, von wo aus sie längs des Euphrat verteilt wurden. Sie kamen dort zu Zehntausenden an, aber der größte Teil von ihnen ließ dort sein Leben. Der Eindruck, den die große Ebene von Meskene hinterläßt, ist tieftraurig und deprimierend. Die Auskünfte, die ich an Ort und Stelle empfangen habe, gaben mir das Recht zu sagen, daß gegen 60000 Armenier hier begraben sind, die dem Hunger, den Entbehrungen, der Dysenterie und dem Typhus erlagen. Soweit das Auge reicht, sieht man Erdhügel, von denen jeder etwa zweihundert bis dreihundert Leichen enthält. Frauen, Greise, Kinder, alles durcheinander, von jedem Stand und jeder Familie.

Gegenwärtig sind noch 4400 Armenier zwischen der Stadt Meskene und dem Euphrat eingepfercht. Sie sind nicht mehr als lebende Gespenster. Ihre Oberwächter verteilen ihnen sehr unregelmäßig und sparsam ein kleines Stück Brot. Es kommt oft vor, daß sie im Lauf von drei oder vier Tagen absolut nichts erhalten.

Eine entsetzliche Dysenterie wütet und fordert besonders unter den Kindern schreckliche Opfer. Diese unglücklichen Kleinen fallen in ihrem Hunger über alles her, was sie finden, sie essen Gras, Erde und selbst Exkremente.

Ich sah unter einem Zelt, das nur einen Raum von fünf zu sechs Metern im Quadrat bedeckte, ungefähr vierhundert Waisenkinder, die am Verhungern waren. Diese unglücklichen Kinder sollen täglich 150 Gramm Brot erhalten. Es kommt nicht nur vor, sondern geschieht oft, daß man sie zwei oder drei Tage ohne jede Nahrung läßt. Natürlich ist die Sterblichkeit fürchterlich. In acht Tagen hatte die Dysenterie, wie ich selbst feststellen konnte, siebzig dahingerafft.

2.

Abu Herere ist eine kleine Ortschaft nördlich von Meskene am Ufer des Euphrat. Es ist der ungesundeste Ort der Wüste. Auf einem Hügel zweihundert Meter vom Fluß fand ich 240 Armenier, von zwei Gendarmen bewacht, die sie mitleidslos unter gräßlichen Qualen des Hungers sterben ließen. Die Szenen, welche ich gesehen habe, lassen jede Vorstellung denkbaren Grausens hinter sich. Nahe dem Ort, wo mein Wagen hielt, sah ich Frauen, die kaum, daß sie mich hatten kommen sehen, sich daran machten, aus dem Kot der Pferde die wenigen unverdauten Gerstenkörner, die sich noch darin fanden, auszulesen, um sie zu essen. Ich gab ihnen Brot. Sie warfen sich darüber, wie verhungerte Hunde, und zerrissen es in grauenhafter Gefräßigkeit mit ihren Zähnen, unter Zuckungen und epileptischen Konvulsionen, und sobald jemand diesen 240 Unglücklichen, oder besser gesagt, diesen 240 hungrigen Wölfen, die seit 7 Tagen nichts gegessen hatten, meine Ankunft mitgeteilt hatte, stürzte sich die ganze Horde, von der Höhe des Hügels herabrasend, auf mich, streckten mir ihre Skelette von Armen entgegen und flehten mich mit heiserem Geschrei und Schluchzen um ein Stück Brot an. Es waren nur Frauen und Kinder, etwa ein Dutzend Greise darunter.

Bei meiner Rückkehr brachte ich ihnen Brot, und mehr als eine Stunde lang war ich der mitleidige aber ohnmächtige Zuschauer einer wahren Schlacht um ein Stück Brot, wie sie selbst verhungerte wilde Tiere nicht aufführen können.

3.

Hamam ist ein kleines Dorf, wo 1600 Armenier eingeschlossen sind. Auch da jeden Tag dasselbe Schauspiel des Hungers und Entsetzens. Die Männer sind in Strafabteilungen zu Erdarbeiten auf den Straßen requiriert worden. Als Lohn ihrer Arbeit empfangen sie täglich ein ungenießbares und unverdauliches Stück Brot, das absolut unzureichend ist, um ihnen für ihre schwere Arbeit die nötige Kraft zu geben.