16. mart 1330 = 29 mars 1915.
(publié) 18. mart 1330 = 31 mars 1915.

26.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Pera, den 15. April 1915.

Die Nachrichten aus dem östlichen Anatolien lassen erkennen, daß die schon vorher gespannten Beziehungen zwischen der türkisch-muhammedanischen Bevölkerung und den Armeniern sich im Laufe der letzten Monate noch weiter verschlechtert haben. Das gegenseitige Mißtrauen ist im Wachsen begriffen und beherrscht die Bevölkerung und die amtlichen Kreise, im Innern sowohl wie in der Hauptstadt.

Die Klagen über angebliche und wirkliche Verfolgungen, denen die Armenier infolge des Krieges ausgesetzt sind, werden immer zahlreicher und lauter; umgekehrt werden diese beschuldigt, daß sie mit den Reichsfeinden sympathisieren, mit ihnen hochverräterische Verbindungen unterhalten und an einzelnen Orten sich offen gegen die Landesbehörden aufgelehnt haben. Die Verstimmung gegen die Armenier wird vermehrt durch die Nachrichten über die Haltung der Armenier im Auslande; nicht nur aus dem Kaukasus, sondern auch aus Amerika, Bulgarien und anderen Ländern sollen tausende von ihnen freiwillig in die russische Armee eingetreten sein[42], und es wird behauptet, daß die russische Sektion der Partei Daschnakzutiun für den Fall eines für die Türkei ungünstigen Ausganges des Krieges die Vernichtung der muhammedanischen Bevölkerung in den von der Türkei abzutretenden Gebietsteilen fordere[43]. Besonders gravierend lauten endlich die Berichte über die Aufführung der armenischen Mannschaften in der türkischen Armee während des Feldzuges im Kaukasus: sie sollen wiederholt ihre Waffen gegen die Türken gekehrt haben[44].

Von jeder Seite werden die Anschuldigungen der anderen Seite als grundlos zurückgewiesen, bzw. die Schuld an den Ereignissen dem anderen Teile zugeschoben. Nur in einem Punkte dürfte Übereinstimmung herrschen: daß die Armenier seit Einführung der Konstitution den Gedanken an eine Revolution aufgegeben haben, und daß keine Organisation für eine solche besteht.

Zweifellos haben nun in Ostanatolien Ausschreitungen und Gewaltakte gegen die Armenier stattgefunden, und im allgemeinen dürften die Vorgänge von armenischer Seite richtig geschildert, wenn auch übertrieben sein. Vielfach handelt es sich um die Drangsale und Leiden, die jeder Krieg, auch in Kulturländern, im Gefolge hat; in anderen Fällen lag aber die Schuld auch auf seiten der Armenier, und die Behörden trifft höchstens der Vorwurf, daß sie nicht rechtzeitig Vorsichtsmaßregeln getroffen haben und hinterher mit unnötiger Strenge eingeschritten sind.

Das mir aus armenischer Quelle (Patriarchat und Mitteilungen des aus Deutschland gekommenen Vertrauensmannes der deutsch-armenischen Gesellschaft Dr. Liparit Nasariantz) vorliegende Material bezieht sich in der Hauptsache auf das eigentliche Kriegsgebiet (Wilajet Erzerum) und die unmittelbar daran grenzenden Bezirke (Wilajete Wan und Bitlis).

Für die Vorkommnisse in diesen Gegenden werden von armenischer Seite verantwortlich gemacht: