Das Küchengeschäft war bald beseitigt, und während die Magd eine frische Schürze vorband, um das Kaffeebrett hineinzutragen, trat Käthe in das Fenster und betrachtete den Ring, den sie unter Herzklopfen aus der Tasche gezogen. ... »E. M. 1843« stand auf der Innenseite — Ernst Mangold — es war also der Trauring von Floras Mutter, den sie in der Hand hielt.

Sie stand wie gelähmt vor dem Uebermaß von Frivolität, mit welchem Flora sich zu helfen und jedes Bedenken zu überwinden gewußt hatte. Das war eine jener Frauennaturen, die sich stets der augenblicklichen Situation zu bemächtigen verstehen, die bei jedem Umschwung elastisch wieder auf die Füße zu stehen kommen und mit einem kecken Ignorieren des unliebsamen Geschehenen, mit der Zuversicht des Uebermutes die Fäden der Intrigue leise und glücklich auch an dem veränderten Terrain wieder anheften. Und das war die Schwester, vor deren weit überwiegenden Geistes- und Charaktereigenschaften ihr junges Herz demütig gebangt hatte.

Das kleine unscheinbare Symbol der Gattentreue, das Floras sanfte Mutter bis an den Tod getragen, war entweiht durch das Gaukelspiel der Tochter. Es brannte Käthe zwischen den Fingerspitzen; sie hätte es am liebsten so weit von sich schleudern mögen, daß es keine Menschenhand wieder aufzufinden vermocht hätte, aber es war und blieb das ererbte Eigentum der Schwester und mußte zurückgegeben werden.

Sie verließ sofort die Küche und trat hinaus auf die Thürstufen. Dort stand Flora am Staket und sah hinaus in das Weite. Sie wandte dem Hause den Rücken zu und hatte die Arme unter dem Busen gekreuzt, und durch die Maschen des Spitzenschleiers entlockte die Sonne dem blonden Haar ein goldenes Flimmern. Der Hofhund bellte unaufhörlich und erbost die stumme, fremde Gestalt an, und die Hühner umschritten scheu die leise rauschende Damenschleppe, die sich so lang und düster über den Rasen hinbreitete.

Das Hundegebell übertönte Käthes Tritte; Flora bemerkte ihr Kommen nicht eher, als bis die Schwester dicht neben ihr stand. Sie fuhr herum; ihr zarter Teint war betupft mit roten Spuren der Aufregung; sie war offenbar in der ärgerlichsten Stimmung, und nun falteten sich die Brauen noch finsterer und ihre Augen sprühten in ausbrechendem Zorne.

»Bist du schon wieder da wie ein unvermeidlicher Deus ex machina? Ungeschicktes Ding, vorhin so hereinzupoltern!« fuhr sie Käthe in einem Tone an, als stehe nicht die stolze Erscheinung einer erwachsenen jungen Dame, sondern ein ungezogenes, boshaftes Schwesterlein vor ihr, das zeitweilig noch mit der Rute Bekanntschaft machen müsse.

Eine gerechte Erbitterung quoll fast unbezwingbar in Käthe empor — so fromm war ihr Naturell nicht, und so sanftmütig floß ihr frisches Jugendblut auch nicht in den Adern, daß sie einer ungezogenen Bemerkung auch noch die andere Wange hingehalten hätte, aber sie beherrschte sich. »Ich bringe den Ring,« sagte sie kurz und kalt.

»Gib her!« Floras Züge glätteten sich; sie nahm hastig den kleinen Reif von der hingehaltenen Handfläche und steckte ihn an den Finger. »Ich bin sehr froh, daß er wieder da ist, der Ausreißer. Es ist ein so fatales Anzeichen —«

»Du willst in dem Falle doch nicht von einem bösen Omen sprechen?« Dem jungen Mädchen versagte fast die Stimme angesichts dieser bodenlosen Dreistigkeit.

»Ei warum denn nicht? — Glaubst du denn, Leute von Geist müßten notwendig frei vom Aberglauben sein? Napoleon der Erste war abergläubisch wie eine Spittelfrau, wenn du das noch nicht weißt, meine Kleine — und ich, ich leugne wenigstens das Omen nicht.« Sie sah die Schwester so fest, so herausfordernd an, als wolle und werde sie mit diesem einen durchdringenden und gebieterischen Blicke jedweden selbständigen Gedanken, ja jede unbequeme Rückerinnerung an das Vergangene in dem jugendlichen Mädchenkopfe niederzwingen. Aber sie stand vor einer unerbittlich Wahrhaftigen, der die Empörung das Blut heiß nach dem Kopfe trieb. »Du vergissest, daß du gestern abend nicht allein dort gestanden hast,« sagte das junge Mädchen und deutete nach der Brücke.