»Das weiß ich sehr genau, Großmama; ich weiß auch, daß du es weit lieber gesehen hättest, wenn ich die Frau des an Geld und Körper bankrotten Kammerherrn von Stetten geworden wäre. Ich gebe dir ebenso gern zu, daß ich mich nie von irgend einem Menschen beeinflussen oder gar leiten lasse, weil ich am besten wissen muß, was mir frommt.«
»Das wird dir auch stets unbenommen sein,« versetzte die Großmama mit vornehmer Kälte. »Nur eines gebe ich dir zu bedenken: du wirst eine entschiedene Gegnerin an mir haben, wenn die Sache auf einen Eklat hinausläuft. Darin kennst du mich hoffentlich. Ich ertrage weit eher inneren Unfrieden als einen Familienskandal nach außen. Ich lebe mit euch zusammen und habe gern die Repräsentation dieses Hauses übernommen; dafür verlange ich aber auch die unbedingteste Rücksicht für meine Stellung und meinen Namen. Ich will nicht, daß man in der Gesellschaft über uns flüstert und zischelt.«
Der Kommerzienrat wandte sich rasch ab. Er trat an das eine unverhüllte Fenster und starrte in die Nacht hinaus. Der Wind, der sich allmählich zum Sturme steigerte, fauchte rüttelnd an den Scheiben hin, und in dem feurig roten Streifen, den die Lampe des anderen Fensters stet und unbeirrt über die windgeschüttelten Büsche warf, fuhren die blutig gefärbten Schneeflocken im rasenden Wirbel durcheinander wie die marternden Gedanken in seinem Kopfe. Er hatte vorhin mit sich gekämpft, ob er nicht Flora wenigstens den Vorfall wahrheitsgetreu mitteilen solle — jetzt wußte er, daß gerade ihr gegenüber kein Laut über seine Lippen kommen durfte, wenn er nicht wollte, daß die Präsidentin um des »Zischelns und Flüsterns in der Gesellschaft« willen sich von ihm lossagte; er mußte sich eingestehen, daß das ehrgeizige schöne Mädchen sofort sein Geständnis in die Welt hinausschreien würde, weniger aus Liebe, als um den Schein von sich zu wenden, daß sie sich hinsichtlich der Wahl ihres Herzens oder eigentlich ihres Verstandes geirrt habe.
Währenddem stand Henriette, das kleine, mißgestaltete Mädchen, mit Augen voll Grimm und Spott vor der Großmutter. »Also nur in Rücksicht auf das Gerede der Leute wünschest du, daß sich meine Schwester tadellos aus der Affaire ziehe? Damit kommt sie ja sehr wohlfeil weg. Du sprichst sie ohne Bedenken frei, wenn sie nur dem Treubruche ein seidenes Mäntelchen umzuhängen versteht. Uebrigens brauchst du wegen des Eklats wirklich nicht so entsetzlich penibel zu sein, Großmama — man muß im Salon leben wie wir, um zu wissen, daß die Gesellschaft es mit so manchen vornehmen Sündern hält wie mit dem alten Meißener Porzellan: je öfter gekittet, desto begehrter!«
»Ich werde dich wohl ersuchen müssen, den Rest des Abends auf deinem Zimmer zu verbringen, Henriette,« zürnte die Präsidentin jetzt ernstlich. »Mit dieser verbitterten Stimmung kann ich dir die Rückkehr in den Salon nicht gestatten.«
»Wie du befiehlst, Großmama! Gelt, Hans, wir gehen mit tausend Freuden,« sagte sie lächelnd und drückte die Wangen auf das Gefieder des Vögelchens, das noch auf ihrer Rechten saß. »Du kannst auch die alten Hofdamen nicht leiden, und die große medizinische Autorität, den Herrn von Bär, zwickst du regelmäßig in den Finger, wenn er dich mit Zucker kirren will, braver Bursche ... Gute Nacht, Großmama — gute Nacht, Moritz!« Sie hemmte noch einmal ihre hastigen Schritte und wandte sich zurück. »Die Charaktervolle dort,« sagte sie mit schneidender Ironie, »wird hoffentlich den Weg innehalten, den ihr der selige Papa unerbittlich vorgeschrieben haben würde — mit ihrer Renommage bezüglich des eigenen Willens hat sie sich zu seinen Lebzeiten niemals hervorwagen dürfen. Er würde ihr nie gestattet haben, einem Ehrenmanne das gegebene Wort zu brechen.«
Mit trotzig zurückgeworfenem Kopfe ging sie hinaus, aber schon auf der Schwelle stürzten ihr die heißen Thränen, die bereits in ihren letzten Worten mitgeklungen hatten, unaufhaltsam über die Wangen.
»Gott sei Dank, daß sie geht!« rief Flora. »Man braucht wirklich das höchste Maß der Selbstbeherrschung, um nicht ihr gegenüber die Geduld zu verlieren.«
»Ich vergesse nie, daß sie eine Kranke ist,« bemerkte die Präsidentin trocken zurechtweisend.
»Und in einer Art hatte sie doch auch recht, Flora,« wagte der Kommerzienrat trocken einzuwerfen.