Die junge Dame verbiß ein schalkhaftes Lächeln. »Aber, Suse, hattest du nicht auch beim Großpapa das Recht, dich in der Wohnstube aufzuhalten? Im Fenster stand ein Spinnrad — ich habe dir's oft genug in Unordnung gebracht — und auf der Kommode dein Nähkästchen ... Ist ein Zimmerwechsel zulässig, Herr Doktor?« wandte sie sich ohne weiteres an den Arzt.

»Dringend nötig sogar, aber ich bin bisher auf einen entschiedenen Widerstand der Kranken gestoßen,« versetzte er achselzuckend. Er hatte eine sonore und sanfte Stimme, die in diesem Augenblicke jenen moderierten Klang nicht verkennen ließ, den man dem Leiden gegenüber so leicht annimmt.

»Nun dann wollen wir aber auch keinen Augenblick verlieren,« sagte Käthe. Sie nahm das Pelzbarett ab, legte es auf Susens Bett und zog die Handschuhe aus.

»Nicht um die Welt bringen Sie mich 'nüber,« protestierte die Haushälterin. »Fräulein Käthchen, thun Sie mir das nicht an!« bat sie weinerlich. »Die Stube ist mein Augapfel; ich putze und blinke alle Tage drin auf, seit mir der Herr Kommerzienrat gesagt hat, daß Sie kommen wollten. Erst vorgestern habe ich neue Vorhänge drin aufstecken lassen.«

»Nun gut, so bleibe! Ich hatte mir vorgenommen, wie in meiner Kindheit nachmittags den Kaffee in der Mühle zu trinken. Wenn du aber so eigensinnig bist, dann komme ich gar nicht; darauf kannst du dich verlassen. Ich bleibe ohnehin nur vier Wochen in M. — und dann magst du deine ‚aufgeblinkte‘ Stube mit den geschonten Gardinen präsentieren, wem du Lust hast.«

Das half. In Gesicht und Haltung des jungen Mädchens lag so viel strafender Ernst, so viel Entschiedenheit, daß man sofort sah, sie habe nicht zum erstenmal mit einer widerspenstigen Kranken zu thun.

Suse zog aufseufzend den Stubenschlüssel unter ihrem Kopfkissen hervor und reichte ihn der jungen Dame hin, die nun auch rasch ihre Samtjacke abstreifte. »Die Eckstube ist jedenfalls nicht geheizt,« sagte sie und griff nach dem Holzkorbe, der neben dem Ofen stand.

»Nein, das können Sie unmöglich,« sagte Doktor Bruck mit einem Blick auf ihren eleganten Anzug. Er legte rasch Hut und Stock auf den Tisch.

»Es wäre sehr beschämend für mich, wenn ich das nicht könnte,« versetzte sie ernsthaft, aber mit tieferröteten Wangen — sie hatte seinen zweifelhaften Blick wohl bemerkt.

Sie ging hinaus, und wenige Minuten darauf prasselte ein tüchtiges Feuer im Ofen, während Doktor Bruck die Fenster der Eckstube öffnete, um den lauen Märzodem erst noch einmal durch den mit dumpfer Scheuerluft erfüllten Raum strömen zu lassen.