»Ganz allein. Ich wollte einmal selbständig meine Flügel probieren, und das hat meine Doktorin gern erlaubt.« Sie strich noch einmal wie unbewußt mit den schlanken Fingern über die Stelle, welche die alte Dame mit ihren kalten Lippen berührt hatte.
»Ei, das glaube ich dir gern; das ist ja ganz im Sinne der alten Lukas,« sagte die Präsidentin mit einem leisen, ironischen Lächeln. »Sie war ja auch stets sehr selbständig ... Dein guter Papa hatte sie ein ganz klein wenig verzogen, mein Kind. Sie that, was ihr gefiel; selbstverständlich immer nur das Rechte —«
»Und das Verständige; aus dem Grunde mag ihr wohl auch der Papa seine jüngste wilde Hummel anvertraut haben,« setzte Käthe mit jener heiteren Unbefangenheit hinzu, die ihr ganzes Wesen charakterisierte. Aber gerade dieser Freimut, diese Leichtigkeit und Sicherheit schienen unangenehm zu berühren.
Die Präsidentin zog die Schultern leicht empor. »Dein Papa hat sicher dein Bestes gewollt, liebe Käthe, und meine Sache ist es nie gewesen, irgend eine seiner Maßregeln zu bemäkeln. Aber er war eine vornehme Natur und hielt streng auf das Dekorum — ob es ihn nun doch nicht einigermaßen in Verlegenheit gebracht hätte, wenn ihm sein heiteres Töchterchen plötzlich so sans gêne, so frank und frei in das Haus geflattert wäre?«
»Wer weiß?« versetzte Käthe. »Der Papa würde doch wissen, wes Geistes Kind diese Tochter ist;« — ein mutwilliger Strahl blitzte aus ihren braunen Augen — »Müllerblut, das schlägt sich tapfer und wohlgemut durch die Welt, Frau Präsidentin.«
Der Kommerzienrat räusperte sich und strich eifrig seinen schönen Lippenbart, während die Präsidentin so betreten aussah, als habe unvermutet ein allzu kräftiger Luftzug ihr vornehmes Gesicht angeblasen, Flora aber brach in ein helles Gelächter aus. »Kind Gottes, du bist kostbar naiv,« rief sie, die Hände zusammenschlagend. »Ja ja: ‚Das Wandern ist des Müllers Lust, das Wandern,‘« recitierte sie. »Mit einer solchen Aeußerung müßte unser Jüngstes nächstens in Moritzens großer Soiree debütieren, Großmama; da würden sie die Ohren spitzen!« Sie blinzelte die alte Dame schadenfroh an, die jedoch ihr Gleichgewicht schon wieder gefunden hatte.
»Ich vertraue dem angeborenen Takt deiner Schwester, mein Kind,« sagte sie, ihre Hand nebenbei nun auch dem Doktor zur Begrüßung hinstreckend. Dazu lächelte sie mit jenem feinen Zusammenziehen der Lippen, das nur einen Schein der Zahnspitzen sehen ließ, und von welchen man nie wußte, ob es süß oder sauer war.
»Takt, Takt — der wird viel helfen,« wiederholte Flora, den Kopf spöttisch wiegend. »Die Müllerreminiszenz ist ihr genau ebenso angeboren. Die gute Lukas hat es eben nicht verstanden, ihr ein wenig Weltklugheit einzupauken — da fehlt's. Uebrigens bin ich wirklich froh, daß du allein gekommen bist, Käthe; ich hoffe, es wird sich so besser mit dir leben lassen, als wenn du am Rock deiner alten hausbackenen Gouvernante hingst.«
Käthe hatte das Barett abgenommen; die schwüle Blumenluft trieb ihr das Blut heiß in die Wangen. Jetzt mit der dicken, goldbraunen Haarflechte über der Stirn sah sie noch größer aus.