Sie griff nach ihrem Hute und nahm die Samtschleppe auf, um zu gehen; vor Käthe hielt sie den Schritt an.

»Siehst du, mein lieber Schatz,« sagte sie und legte der jungen Schwester den Zeigefinger unter das Kinn, »so geht es dem armen Frauenzimmer, wenn es sich für einen kurzen Moment mit der Sentimentalität einläßt und zu lieben sich einbildet. Es hat plötzlich den Fuß im Tellereisen und sieht wehklagend ein, daß die abgedroschene gute Lehre: ‚Drum prüfe, wer sich ewig bindet!‘ eine abscheuliche neue Wahrheit enthält — denke an deine Schwester, und nimm dich in acht, Kind!«

Damit ging sie hinaus, und Käthe sah ihr mit großoffenen Augen nach. Was für eine seltsame, unbräutliche Braut war doch die schöne Schwester! —


6.

Nahe der westlichen Grenze des Parkes lagen die Ueberreste des ehemaligen alten Herrenhauses Baumgarten. Von dem ganzen einst wohlbefestigten und mit Wassergräben umgebenen Ritterschlosse stand nur noch ein Zimmerturm von bedeutenden Dimensionen, an den sich der geschwärzte Mauerrest eines Seitenflügels festklammerte. Vor sechzig Jahren war der Bau niedergerissen worden. Der damalige Besitzer, meist im Auslande lebend, hatte das Herrenhaus im modernen Stil als Villa Baumgarten an das entgegengesetzte Ende des Grundstückes, an die Promenade, verlegt, um bei seinem zeitweiligen Aufenthalt in der Heimat »unter Menschen zu sein«, und die schön behauenen Granitblöcke des alten Schlosses beim Neubau verwenden lassen. Den Turm mit seinem Ruinenanhängsel hatte man als Schmuck der Parkanlagen respektiert. Er erhob sich auf einem grün berasten künstlichen Hügel; um seine Basis drängte sich verwildertes Buschwerk; auf dem anstoßenden Mauerstück mit seinem mächtigen Fensterbogen hatten sich Stachelbeersträucher und Heckenrosen eingenistet, und der wilde Hopfen kletterte ihnen nach und streute grüne Ornamente über das dunkle Gestein.

Diese Ruine inmitten eines Wasserringes hatte jedenfalls ihren Zweck als Dekoration erfüllt, aber nach dem damaligen Besitzer war eine praktische nutzenheischende Generation gekommen — sie hatte das Wasser aus dem Graben abgeleitet und in den vortrefflichen Schlammboden Gemüse gepflanzt. Das war nach dem Ausspruche des Schloßmüllers das einzige Vernünftige gewesen, das er bei seinem Ankauf im Parke vorgefunden, und als solches hatte er auch das einträgliche Stückchen Boden sofort zur eigenen Benutzung reklamiert. Käthe war als Kind sehr gern in dem kleinen Thale, wie sie den Graben nannte, umhergewandert. Das himmelschreiende Attentat auf die Romantik und den historischen Nimbus des ehemaligen Wasserschlosses war ihr selbstverständlich damals nicht zum Bewußtsein gekommen; sie war mit Suse stundenlang pflückend durch die Wildnis der Stangenbohnen und jungen Erbsen geschlüpft, ahnungslos, daß bei einem plötzlichen Durchbruche vom Flusse her die Fluten hereinströmen und sie und Suse und die ganze grüne Herrlichkeit verschlingen könnten.

Heute nun, am fünften Tage nach ihrer Ankunft, betrat sie zum erstenmal wieder diese entlegene Parkpartie und stand wie geblendet. Noch hingen die Hopfenranken blätterlos wie ein fahles Netz um die Mauern, und der Hügelrasen, winterdürr und zerwühlt, zeigte noch keine grüne Halmspitze, aber die Aprilsonne lag breit und glänzend auf dem ruinengekrönten Hügel und hob ihn malerisch von dem Tannenwalde, der im Hintergrunde sich über eine lange Bergwand hindehnte. Nicht eine Spur von frischem Mörtel zeigte die aufbessernde Menschenhand an den Mauern; kein neuer Stein war eingefügt worden, aber es schien auch keiner zu fehlen; nur die mächtigen Fensterhöhlen des Turmes, vor denen früher vermorschte Holzläden gelegen, gähnten weit offen, und es glitzerte so seltsam aus den Steinrahmen, als webe ein abgesperrter Sonnenstrahl drin im tiefen Dunkel ein geheimnisvolles Goldgespinst. Und neues liebliches Leben regte sich um den verfallenen Stammsitz derer von Baumgarten; über der Mauerkrone des Turmes kreisten in graziösem Fluge weiße und bunte Tauben, und aus dem Dickicht, unter der uralten Nußbaumgruppe hervor, die den Turm nach Süden hin flankierte, kamen lautlos zwei Rehe und wandelten langsam über den Rasenhang. Das kleine Thal aber war verschwunden. Ein breiter funkelnder Wassergürtel umflutete wieder wie vorzeiten den Hügel, alles, was drunten gegrünt und geblüht und emporgestrebt, nivellierend, als habe die regsame Menschenkraft nie seinen stillen Grund usurpiert gehabt.