»Aber, bester Medizinalrat, wer sagt Ihnen denn, daß die Dekoration überhaupt für den Doktor selbst bestimmt ist?« fragte sie mit der ganzen Zuversicht der erfahrenen Weltdame. »Ich glaube nicht daran, weil ich mit dem besten Willen den Zweck nicht einsehe. Uebrigens mag die Sache zusammenhängen, wie sie will, ihm wird sie in unserer Residenz nichts nützen, denn da ist er ein für allemal so gut wie tot. Ich will Ihnen gern den Gefallen thun und nachforschen, lediglich zu Ihrer Beruhigung —« Sie verstummte; im Nebenzimmer knarrte eine Thür; die Frau Diakonus kam herein, um etwas aus ihrer Kommode zu holen.

Der Medizinalrat erhob sich und übergab der Präsidentin das Rezept; dann gingen beide durch das Zimmer, wo die Tante eben den Kasten wieder schloß. Am liebsten hätte der Medizinalrat seiner Unruhe jetzt gleich ein Ende gemacht und im Vorübergehen mittels einer schalkhaften Bemerkung eine aufklärende Antwort herausgelockt, allein die alte Frau verneigte sich so kühl und würdevoll, mit so viel ernster Zurückhaltung, daß er gar nicht wagte, sie anzureden.

Und drüben war noch weniger zu erfragen. Der Doktor hatte die große Glasschale mit den Goldfischen aus dem Zimmer der Tante herübergebracht und war eben bemüht, den dazu gehörigen Apparat eines Springbrunnens in Gang zu bringen; die Aufwärterin schleppte frisches Wasser herbei und goß es in verschiedene flache Schüsseln auf den Tischen und in einen Kübel nicht weit vom Krankenbett, alles, um die Luft des Zimmers möglichst zu durchfeuchten ... Wer hätte dem Manne, der in seiner Fürsorge, seiner Pflichterfüllung aufzugehen schien, gerade jetzt mit verfänglichen Andeutungen über Außendinge kommen mögen? Und der Medizinalrat fand das auch plötzlich vollkommen überflüssig. Es wurde ihm ganz leicht ums Herz; die Sache mußte anders zusammenhängen; denn so schlicht und unbefangen, so anspruchslos wie der junge Arzt dort gerierte sich kein Mann, der eben einer seltenen Auszeichnung gewürdigt worden war.

Henriette saß jetzt, durch Kissen gestützt, im Bette aufrecht und sah mit weit offenen, glänzenden Augen um sich; es war starkes Fieber eingetreten. Von einem Uebersiedeln nach der Villa konnte keine Rede sein, so lebhaft auch die Präsidentin es wünschte. Sie mußte sich vorläufig damit begnügen, Henriettens Jungfer zur Pflege für die Nacht, und alles, was das Krankenzimmer »komfortabel« machen konnte, herüberzuschicken. Käthes Bitte, die Nachtwache übernehmen zu dürfen, wurde weniger von ihr und dem Medizinalrat, als von seiten des Doktors Bruck rundweg abgeschlagen. Die Thränen traten dem jungen Mädchen in die Augen, als er so kühl und fest bei seinem Ausspruche beharrte, nach welchem die pflegende Hand der Kammerjungfer unter seiner speziellen Aufsicht und Leitung völlig genügte. Es wurde demnach beschlossen, daß Flora und Käthe bis um zehn Uhr bleiben und dann durch Nanni abgelöst werden sollten.

Flora hüllte sich bei diesen Verhandlungen in konsequentes Schweigen. Sie fühlte so gut wie die Großmama, daß sie als leibliche Schwester sich bei diesem Erkranken, welches im Verein mit dem Vorfalle im Walde morgen voraussichtlich das Tagesgespräch der Residenz bilden werde, durch Käthe sich nicht beschämen lassen dürfe, und deshalb ließ sie den Beschluß wie eine Verurteilung über sich ergehen.

12.

Bald nach dem Weggang der Präsidentin und ihres Freundes kamen Lakaien und Hausmädchen schwer beladen aus der Villa und schoben und trugen mit geräuschloser Behendigkeit Polstermöbel und allerhand Gerätschaften in das Krankenzimmer; die überaus einfache, aber dennoch anheimelnde Fremdenstube wurde plötzlich so buntscheckig wie ein Auktionslokal. Der gestickte Ofenschirm vor den halb erblindeten, schwarzen Kacheln, das prachtvolle Waschgerät, die apfelgrünen, seidenglänzenden Lehnstühle — wie lächerlich unpassend, gleichsam wie von einem ungünstigen Wind verschlagen, stand das alles inmitten der vier verblaßten getünchten Wände!