Sie aber warf plötzlich mit einer heftig schüttelnden Bewegung den Kopf zurück und preßte die festverschlungenen Hände gegen den Busen. »Moritz,« sagte sie wie atemlos, wie nach einem augenblicklichen Ringen mit sich selbst, »sage mir die Wahrheit — ist der Schloßmüller unter Brucks Messer gestorben?«

Er fuhr empor. »Welche Idee! Nun wahrhaftig, euch Frauen ist doch nie ein Unglück schwarz genug —«

»Moritz, ich bitte mir's aus,« unterbrach sie ihn mit einer stolzen Kopfbewegung.

»Nun ja, allen Respekt vor deiner Begabung und deinem ungewöhnlichen Verstande, aber machst du es denn besser als die anderen?« Er durchmaß aufgeregt das Zimmer — diese ungeahnte Auffassung des Ereignisses traf ihn wie vernichtend. »Unter Brucks Messer gestorben!« wiederholte er mit tief erregter Stimme. »Ich sage dir, gegen zwei Uhr hat die Operation stattgefunden, und vor kaum zwei Stunden ist der Tod eingetreten. Uebrigens fasse ich nicht, wie gerade du den Mut findest, einen solchen Gedanken so kurz und bündig, fast möchte ich sagen, so mitleidslos auszusprechen.«

»Gerade ich!« betonte sie. Bei diesen energischen Worten drückte sie den vorgestreckten Fuß sichtlich tiefer in den Teppich. »Gerade ich, weil ich nichts Totgeschwiegenes in meiner Seele dulde — das solltest du wissen. Ich bin zu stolz, zu wenig hingebend, um die dunkle Verschuldung eines andern mitzuwissen und zu verhehlen — sei dieser andere, wer er wolle! Glaube ja nicht, daß ich dabei nicht leide! Mir geht ein Schwert durchs Herz, aber du hast das Wort mitleidslos gebraucht — verdächtiger konntest du dich nicht ausdrücken. Mitleid haben mit der Stümperei der Wissenschaft, das ist absurd, geradezu unmöglich. Darüber aber bist du doch, so gut wie ich, im klaren, daß Brucks Ruf als Arzt bereits stark gelitten hat durch die gänzlich mißratene Kur der Gräfin Wallendorf.«

»Ja, ja, die gute Frau hat ihrer Liebhaberei für Gänseleberpastete und Champagner um keinen Preis entsagt.«

»Das behauptet Bruck — die Verwandten haben es widerlegt.« Sie preßte die Handflächen an die Schläfen, als schmerze ihr der Kopf heftig. »Weißt du, Moritz, als die Nachricht von dem Unglück in der Mühle herübergebracht wurde, da bin ich wie sinnlos draußen im Freien auf und ab gestürmt. In allen Schichten der Bevölkerung war der alte Sommer gekannt, alle Welt interessierte sich für die Operation. Sei es denn, wie du sagst, daß er nicht sofort unter Brucks Händen den Geist aufgegeben hat — die Sachverständigen werden mit Recht behaupten, er habe eben nur vermöge seiner robusten Natur einen verlängerten Kampf gekämpft. Willst du als Laie das besser wissen? Leugne doch nur nicht, daß du dieselbe Ueberzeugung hegst! Du solltest dich nur sehen, wie blaß du bist vor innerer Bewegung.«

In diesem Augenblicke that sich eine Seitenthür auf und die Präsidentin Urach erschien auf der Schwelle. Trotz ihrer siebzig Jahre konnte man wohl von ihr sagen: sie kam schwebenden Schrittes näher; trotz ihrer siebzig Jahre war sie eine merkwürdig jugendliche Großmama. Sie trug nicht einmal die wohlthätig verhüllende Mantille des Alters; ein weißer, auf den Rücken geknüpfter Spitzenfichu legte sich knapp um Brust und Taille, und auf der perlgrauen Seidenschleppe bauschte ein reichgarniertes Ueberkleid. Ihr ergrautes, aber noch von glänzenden Streifen der ehemaligen Goldfarbe durchzogenes Haar war in dicken Puffen um die Stirn gesteckt, und über dieser Haarkrone lag schleierartig weißer Blondentüll, dessen lange Enden den Hals und die untere Kinnpartie, diese unerbittlichen Verräter des vorgerückten Alters, zugleich verhüllten.

Sie kam nicht allein. Neben ihr schlüpfte ein wunderliches Wesen herein, eine im Wachstum sehr unterdrückte Gestalt, nicht gerade unproportioniert in den Gliedern, aber doch auffallend klein und erschreckend mager, und auf diesem dürftigen Körper saß der starkentwickelte Kopf einer jungen Dame von vielleicht vierundzwanzig Jahren. Die drei im Zimmer anwesenden Frauenköpfe trugen ein und denselben Familienzug — man erkannte sofort die enge Beziehung zwischen der Großmutter und den Enkelinnen; nur bei der Jüngsten erschien das edle, ebenmäßige Profil zu sehr in die Länge gezogen; auch trat das Kinn breiter und energischer hervor. Sie hatte einen kränklichen Teint und seltsam bläuliche Lippen. Durch ihr blondes Haar schlangen sich feuerfarbene Samtbänder — sie war überhaupt in eleganter Gesellschaftstoilette; nur hing originellerweise da, wo andere Damen ein Margaretentäschchen tragen, ein ovales Weidenkörbchen, weich gefüttert mit blauen Atlaskißchen, zwischen denen ein Kanarienvogel saß.

»Nein, Henriette!« rief Flora ungeduldig und heftig, als das Vögelchen sofort sein Nest verließ und wie ein Pfeil über ihren Kopf hinflog, »das leide ich absolut nicht. Deine Menagerie lässest du draußen!«