Vorbemerkung des Herausgebers:
Diese kleine liebenswürdige Geschichte der Bettina von Arnim ist ihrer berühmten im Jahre 1849 erschienenen Schrift »Dies Buch gehört dem König« entnommen, die eine Reihe »der Erinnerung abgelauschter Gespräche und Erzählungen von 1807« enthält. Das Buch umschließt im wesentlichen sozialpolitisch reformatorische Anschauungen der Bettina von Arnim, die sie sämtlich der alten Frau Rat, Goethes Mutter, in den Mund legt. Eingeschachtelt in diese heute wenig mehr interessierenden sozialpolitischen Betrachtungen ist die köstliche Erzählung von der plötzlichen Reise der Frau Rat nach Darmstadt, wo sie von der Königin Luise von Preußen mit großen Ehrungen empfangen wurde. Indem Bettina von Arnim die Schilderung dieser Begegnung durch Goethes Mutter selbst geschehen läßt, gelingt es ihr, im lebendigen Frankfurter Dialekt, die feine Klugheit, die herzhafte Urwüchsigkeit und die sonnig lächelnde Heiterkeit der Frau Rat auf das anschaulichste aufzuzeichnen.
Die Frau Rat erzählt:
Es war an einem recht sommerlichen Tag; ich denk nach, was aus dem lieben Sonnenschein all werden soll, den ich da so mutterselig allein in mich fressen muß: – es wird Mittag, die Türmer blasen derweil den Ablaß meiner Sünden vom Katharinenturm herunter. – In dieser Welt, wo Böses und Gutes oft in so herzlicher Umarmung einander am Busen liegen, da haben irdische und himmlische Angelegenheiten gar einen künstlichen Verkehr; an so einem melancholischen Feiertag, da verschmäht der Teufel auch eine falsche Trompet nicht, um den Menschen aus seinem geduldigen Seelenheil herauszublasen; opfre den Verdruß, den du davon spürst, Gott auf, und die Kreide von der Rechnungstafel deiner Sünden ist heruntergewischt, denn lieber als das Sündegestöhn, was falscher klingt als die Sünd selber, will Gott den Teufel falsch blasen hören. Die Langeweil ist nun ganz apart an einem Sonntag in der Stadt Frankfurt, aber gar an so einem lange staubige Sommertag, wo man sich in die Sonn stellt und denkt wie ein angezünd't Licht am hellen Tag: »Vor was bist du da? – Alles kann bestehn ohne dich!« oder: »Alles geht ja doch konfus«, und mit dem Zweifel, ob der blaue Dunst da oben wohl doch der Himmel sein könnt, streckt man sich am End seiner Erdentage aus den Erdensorgen heraus mit den Himmelssorgen auf dem Herzen und bedenkt nicht, daß alle Sorge Irrtum ist.
An so einem langweiligen Tag also, wie der Türmer wirklich in einer der Musik sehr mißgünstigen Stimmung in die Stadt herunterblies – ich meint als, wenn mir der jung Wein nur nicht auf dem Faß säuerlich wird – eine rauhe Halsarie wie heut, und die Sonn schien mir auf die Nas, daß ich nießen mußt, und die Lieschen bekomplimentiert mich da drüber, da schellts – ich ruf: »Guck einmal, wers ist.« – »Ei, es ist der Frau Bethmann ihr Bedienter; ob Sie wollte heunt Nachmittag mit ins Kirschenwäldchen fahren?« – Ei was? – Ei freilich! Was werd ich nicht wollen fahren an diesen einzigen Pläsierort, vor allen schönen Orten in ganz Deutschland, wo die Kirschen wie die schönste Rubinen im smaragdnen Blätterschmuck an den Bäumen hängen, wo die Frankfurter Sonnenstrahlen ein Goldnetz durchwirken und der Himmel sein blaues Zelt mit silbernen Wolken drüber spannt.
Jetzt sag ich: »Wir wollen präzis zwölf Uhr essen, dann wird alles zurechtgemacht zum Abend, wann ich heim komm; da wird meine Wasserflasche hingestellt, das Bett zurecht gemacht, damit mir die Zeit vergeht, bis die Füchserchen angetrabt komme, dann setz ich meine Haub auf, bloß die mit den Spitzen.« – »Ei, wollen Sie net die mit den Sternblume aufsetzen, die steht schöner!« – »Nein, die will ich nicht aufsetzen, man muß bescheiden sein in der schönen Natur und sie nicht überstrahlen wollen, es gelingt einem doch nicht. Was meint sie denn, daß so ein Kranz von papierne Blume zu sagen hätt da draußen auf der grünen Wies? Ei, ich setz den Fall, ich könnt der Stadtherd begegnen, so könnt mich ja der Brummelochs mit einem einzige Maul voll Dotterblume, die er vom Weidanger mit seiner lange Zung in einem Hui zusammenrafft und wegschnappt, in die größt Beschämung versetze, daß er frißt und verdaut, was die Frau Rat in Papier nachgemacht zum Putz auf dem Kopf trägt.« – Jetzt ohne weiter Federlesen die Spitzehaub eweil auf der grünen Bouteille aufgepflanzt, dann die Filethandschuh ohne Daumen, daß ich sie nicht brauch auszuziehen beim Kirschenessen, das Körbchen nehm ich mit, daß ich kann Kirschen mitbringen – die kleine schwarze Salopp und den Sonneparaplü, denn um die jetzig Sommerzeit kommt häufig so ein klein erquicklich Regenschauerchen mitten durch den Sonnenschein. Da lachts und flennts zu gleicher Zeit am Himmel.
Nun ist alles in Ordnung – so wird der Tisch gedeckt und aufgetragen – denn zwölf Uhr ist schon vorbei. »Was gibts heut?« – »Brühsupp«. – »Fort mit, ich mag keine.« – »Aber Frau Rat, Ihne Ihr Magen!« – »Aber ich will keine Supp, sag ich; komm sie mir nicht an so einem schöne Sommertag mit ihren Magensorgen an, – was gibts noch?« – »Stockfisch, aufgewärmt von gestern, und Kartoffel.« – »Den Stockfisch laß mir vor der Nase weg, der paßt nit zu meiner Stimmung; ich mag mir keinen Stockfischgeruch in den Vorgeschmack aufdampfen lassen, den ich von dem Blumenduft drauß auf der Wies schon in Gedanken genieß; aber die Kartoffel bring sie, an denen verunreinigt man die erhabenen Gedanken nicht, die könnt so ein indischer Priester in seiner Verzückung ungestört genieße. – Ich glaub gewiß, die sind aus dem Manna gewachse, das vom Himmel fiel, wie die Juden in der Wüst in der Hungersnot waren, das war so ein verzettelter Mannasame, aus dem sind dann die Kartoffeln gewachsen, die vor aller Hungersnot bewahren. Ja, damals hatten die Juden noch eine Wüst, wo sie sich niederlassen konnten; jetzt ist keine Wüst mehr da, und wann die närrische Häns nicht fliegen lerne wie die Raubvögel, daß sie als manchmal auf eine vorüberfahrende Segelstang sich könne setzen wie die Zugvögel, so weiß ich nicht, wo sie werden bleiben, in der Wüste waren sie nit so gierig; hätten sie damals alles verschlungen, so wär kein himmlischer Mannasamen übrig geblieben, und ich wüßt nicht, was ich heut essen sollt, und jetzt geb nur künftig ohne Widerred allemal dem Betteljud zwei Kreuzer, so oft er kommt. Denn wir könne den Juden das nicht genug Dank wissen, daß wir Kartoffeln essen.« – Nun war das Essen noch nicht all, es kam noch eine gebratne Taub. – Ich hatte Appetit, fliegt mir grad eine lebendige Taub vors Fenster und rucksert mir lauter Vorwürf ins Herz. Ich fahr ins Kirschenwäldchen, und das arme Tier mit verschränkte Flügel, mit denen es sich hätt können in alle Weltfreude schwingen, liegt in der Bratpfann. Der Christ jagt die halb Natur durch den Schlund, damit er auf der Erd kann bleibe, um sein Seelenheil zu befördern, und dann macht ers grad verkehrt. – Nun kurz, der Vorwurf von der Taub am Fenster lastet mir auf dem Herzen, ich kann keinen Bissen essen. – Die Taub wird unberührt wieder in die Speiskammer gestellt; ich ziehe mich derweil an, um der Ungeduld etwas weiß zu machen, die Spitzehaub wird von der Bouteille herunter genommen, aufgesetzt, und die Nachtmütz wird drauf gestülpt, damit ich sie heut abend, wenn ich nach Haus komm, gleich auswechsle kann, noch eh Licht kommt; das ist so meine alte Gewohnheit.
Nun sitz ich da mit meinem Sonnenschirm in der Hand, im besten Humor, und lach die Lieschen aus, mit ihrer Angst wegen meinem leeren Magen. Ich guck auf die Uhr – der Wagen kommt gerappelt; den alten Johann, ein ganz gescheuter Kerl, hör ich schon an seinem gewohnten Gange die Trepp herauf kommen. – »Lieschen, geschwind lauf sie hinaus, auf den Vorplatz an die Tür, ehs schellt.« Da schellts schon, die Lieschen macht die Tür auf, da steht ein goldbordierter Herr mit einem dreieckigen Hut und guckt mir ins Gesicht, und mein alter Johann kommt hinten nach. – Ich sag zu dem fremde Wundertier: »Sie sind wohl einen unrechten Weg gangen!« – und will mich an ihm vorbeimachen; aber weil er sagt: »Ich bin geschickt von Ihro Majestät der Frau Königin von Preußen an die Frau Rätin Goethe«, so guck ich ihn an, ob er wohl nicht recht gescheut wär – »Und«, fährt er fort, »die königlich Equipage werden um zwei Uhr kommen, um die Frau Rätin nach Darmstadt abzuholen; mit Ihrer Majestät sollen Sie den Tee trinken im Schloßgarten!« – Ich sag: »Johann! Jetzt hör er einmal, was das vor Sachen sind! Wenn einem eine Bomeranz aus dem blauen Himmel grad auf die Nas fällt, da soll man gleich sein Verstand bei der Hand haben und sie auffangen, das will viel heißen!« – Ei, wem hatt ich denn die Kontenance zu verdanken als bloß dem Johann? Der stellt sich an die Seit aus lauter Respekt vor dem unvorhergesehenen Ereignis und guckt mich so feierlich an, daß ich mich gleich besinn, was ich mir und der Einladung schuldig bin; ich guck ihn mit einem Feuerblick an, daß der Kerl in sich geht, denn er war nah dran, zu lachen. Ich sag: »Mein Herr Kammerherr, oder was Sie vor ein höflicher Beamter sein mögen, rennen Sie nur wieder spornstreichs zur Frau Königin und melden, die Frau Rat werden ihrerseits die Ehre haben, die von der Frau Königin ihr zugedachte Auszeichnung anzunehmen. Und machen Sie nur, daß die Kutsch hübsch akkurat kommt, damit ich auch nicht zu spät komm, da das Warten und Wartenlassen meine Sach nicht ist.« – Dabei macht ich so große Augen, daß der preußisch Hoflakei gewiß seine Verwundrung wird gehabt haben über den besondern Schlag Madamen aus der freien Reichsstadt Frankfurt. Man muß seine Zuflucht nehmen zu allerlei Künsten, um seine Würde zu behaupten. Wer kann sonst Religion in die Menschen bringen? Daß so ein Hofschranz Respekt hätte vor einem Bürger, dazu ist er einmal verdorben; da muß man auf Mittel denke, wie er den Kopf ganz verliert und nicht weiß, was er dazu sagen soll. Da fiel mir der Türklopper ein von unserm Aderlaßmännchen, dem Herrn Unser; das ist so ein Löwenfratz, wie sie an Salomon seinem Thronsessel zur Verzierung angebracht sind. Den mach ich nach; – damit jag ich meinen Herold in die Flucht; er nimmt die Bein an den Hals und rennt die Trepp herunter. Ich bleib stockstill stehn, die Lieschen bleibt stehn, der Johann rührt sich nicht vom Fleck, bis wir die Haustür zumachen hören. »Frau Rat«, sagt der Johann, »Sie werden also jetzt unmöglich ins Kirschenwäldchen fahren, und da werd ich dann bestelle, warum Sie nicht mit könne fahren?« – »Ja, lieber Johann, und bestell ers doch gleich im Vorbeigehen beim Perückenmacher Heidenblut, der soll gleich kommen, und erzähl ers unterwegs alle Leut, so was muß stadtbekannt werden.« – »Ja, das ist gewiß«, sagt der Johann, »und wenn mir nur das Herz nit bersten wird, bis ich heraus geplatzt bin dermit« – fort ist der Johann. – Nun guck ich mein Lieschen an; die steht vor mir wie nicht recht gescheut und zittert an alle Glieder. »Ei, Lieschen«, sprech ich voll Verwunderung, »wie kommt es, daß ihr die Haub hinderst der vörderst sitzt, das war doch vorher nicht.« – Und ich weiß nicht, wie das möglich war! Es ist doch wunderlich, wie bei überraschende Gelegenheiten die Spukgeister sich allerlei Schabernack erlauben mit solchen Leut, die der Sach nicht gewachsen sind. Das war nun mein Lieschen wirklich nicht. Sie konnts nicht finden, weder Zwickelstrümpf noch Schuh noch sonst ein Kleidungsstück, kein Rock konnt sie mir ordentlich über den Kopf werfen. Wenn ich nun auch den Kopf verloren hätt, ich wär nicht fertig geworden. Jetzt sag ich: »Bring sie mir einmal die gebratne Taub wieder herein, denn ich verspür über die königlich Geschicht ein schreiende Hunger. Und nun schmeiß sie die Nachthaub von der Bouteille herunter – ich werd auch noch meiner Seel den ganzen Stockfisch herunter fressen. Nun schenk sie mir ein Glas Wein ein, ich muß Feuer in den Adern haben.« Der Perückenmacher war gleich herbei; über die unbegreiflich Nachricht hat er in seinem stumme Erstaune mich aufgedonnert, und nun mußt er mir die Haub aufsetze mit den Sternblumen. Es war ein Heidenpläsier, fingerdick Schmink hat er mir aufgelegt. »Die Frau Rat sehn superb aus,« sagt der Herr Heidenblut. Und die Liesche stand wie eine Gans vor mir, als ob sie mich nicht mehr kennte. – Nu, wir verbringe noch so ein Zeitchen vor dem Spiegel, links die Lieschen mit der verkehrte Haub, denn die hat sie noch nicht Zeit gehabt herum zu kriegen, rechts der Herr Heidenblut mit dem Kamm hinterm Ohr, ganz verzückt in mein Lockenbau, ich in der Front mit einem feuerfarbne Schlepprock mit doppelte Florspitzen, Diamantbracelett, echte Perlen um den Hals, ein Schlupp von Diamante vorgesteckt. Nun, es war zum Malen, die drei Personagen da aus dem Spiegel herauslachen zu sehen. Wir wurden ganz lustig und dachten nicht, wie die Zukunft mir auf den Hals gerückt kommt. Wenn ich doch an all die charmante Witze vom Heideblut mich noch erinnern könnt, er mußt sich hinstellen, und ich macht mein Probekompliment vor ihm; er verstehts. Er frisiert ja die allerhöchste Theaterprinzesse. – Da kommts aber wie ein Sturm angerennt und hält still vor der Haustür. Rutsch – vier Pferd und zwei Lakaie hinten drauf noch ohne den Kutscher. – Jetzt kommen sie herbei gestolpert, faßt mich ein jeder unterm Arm und tragen mich schwebend in die Kutsch. Schad, daß die Fahrt nicht mit meine vier Pferd durch die Bockheimergass geht am Haus vom Herrn Bürgermeister vorbei – aber das Glück bescherte mir unser Herrgott noch, denn kaum biege wir im volle Trab um die Eck, stoßen wir auf die Bürgermeisterskutsch mit samt dem Herrn Bürgermeister von Holzhausen drin, mit seine zwei Lakaien hinten drauf mit ihre alte abgelebte Haarbeutel, – ich auch – aber meine Haarbeutel waren ganz neu. In vollem Rand fahren wir vorbei am Herrn Bürgermeister, ich grüß feierlich mit dem Fächer und hab das Pläsier, zu sehn, daß mein Herr von Holzhausen im Wagen sitzen, versteinert, und sehn mich nicht mit ihre Glotzaugen; er streckt den Kopf heraus, aber umsonst, wir flogen wie der Wind vorbei.
Sollt ich nun alle Gedanken erzählen, die mir auf meiner Reis bis Darmstadt eingefallen sind, so müßt ich lügen, denn ich war so zu sagen auf einer Schaukel, die schlecht in Schwung gebracht war, bald flog ich dort hinaus, bald wieder nach der andren Seit, bald dreht sich alles mit mir im Durmel herum, dann dacht ich wieder, wie ichs alles meinem Sohn wollte schreiben, und da fing mir das Herz an zu klopfen. Ich konnts vor Ungeduld nicht behaglich finden in der Kutsch – ich fing an, die Kastanienbäum zu zählen in der Allee, ich wollt probieren, ob ichs könnt bis hundert bringe, aber ich bracht keine zehn Bäum zusammen, da waren meine Gedanken wieder wo anders. Einmal kam mir ein gescheuter Gedanken, ich dacht, was hab ich dervon? ist mir die Geschicht angenehm? – sollt sie mir nur noch ein einzig Mal wieder begegnen, da würd ich mich schon besinne, daß sie mir langweilig wär. Was war das heunt morgen vor eine Komödie, was ist mir vor eine Hitz in den Kopf gestiegen und nun steck ich in einer zweifelhaften Unbequemlichkeit – wo ich da hingeh zu fremde Leut, die gar nicht dran denke, wer da angerumpelt kommt. – – »Ohne Kurage kein Genie,« hat mein Sohn immer gesagt, und will ich oder nicht, so muß ich doch einmal die höfliche Schmach auf mich nehmen, mit gesundem Mutterwitz dort in dem Fürstensaal vor einer eingebildten Welt zu paradieren und bloß für eine Fabelerscheinung mich betrachten zu lassen. Ja, die Welt steht auf einem Fuß, wo keiner an die Wirklichkeit vom andern glaubt und sich doch selber vergnügt fühlt, wenn er nur von so einem Scheinheiligen bescheinigt ist.