Tante Moritz, »das Jüngste«, war schon mit ihrem zwanzigsten Jahre in die Residenzstadt ihres bundespflichtigen Großstaates und engeren Vaterlandes gekommen. Durch des Schicksals Gunst war sie die Erzieherin der ungezogenen Backfische eines befreundeten Land-Adeligen geworden, der infolge einer unerwarteten und unverdienten Erbschaft in die Stadt und in die Nähe des Hofes übergesiedelt war, wo er sich und seine Söhne in der höheren Kutscherei ausbilden konnte. Da erschien nun eines Tages bei meinem Großonkel ein Magistratsbote mit einer geschriebenen Aufforderung, daß der militärpflichtige Moritz N., Sohn des Reichskammergerichts- usw. usw.-Registraturs-Kanzlisten N., mit 11 Gulden 29 Kreuzern und 2 Pfennigen Strafgeld für versäumte Konskriptions-Anmeldung auf dem Bureau Nr. X zu erscheinen habe. Der alte Mann betrachtete kopfschüttelnd das Papier, zog dann seinen längsten grauen Rock an, auf dessen hohem Kummetkragen sich der Haarbeutel ein fettiges Widerlager zurechtgewetzt hatte, und ging ganz gegen seine gewohnte Stundenordnung auf das Amt. Nachdem er dort infolge des vorschriftsmäßigen Schreibversehens in der Vorladung aus einigen Zimmern hinaus- und in andere hineingebrüllt worden war, kam er, der dieses Verfahren aus eigener Praxis kannte und deshalb ohne Nebengedanken hinnahm, endlich zu dem richtigen Eisenfresser, dem seine Angelegenheit zustand. Mein Großonkel, dem auf dem Wege ein Licht über dem Dunkel aufgegangen war, legte nun Rätsel und Auflösung zugleich vor, indem er die Vermutung begründete, daß seine Tochter Mauritia weiland durch irgendein Versehen als Knabe möchte in die Familienliste eingetragen worden sein. Doch er fand sehr ungnädiges Gehör und die ungläubige Miene eines unduldsamen Besserwissers. Hatte mein Großonkel einen Haarbeutel, so hatte der Beamte einen mächtigen Zopf. Mit beleidigender Genauigkeit ließ dieser seine Aussagen zu Protokoll nehmen und gab ihm nicht undeutlich zu verstehen, daß er ihn für den Mitwisser eines abgekarteten Betruges halte. So wurde er fürs erste mit Unheil verkündender Kälte entlassen. Der Mann mit dem Zopf war schnell hinter der Sache her. Noch ehe mein Großonkel seine Tochter von dem Vorfalle in Kenntnis gesetzt hatte, bekam diese in der Residenz eine Vorladung auf die Polizei. Sie wußte freilich nicht, was sie dort zu schaffen haben sollte; weil aber mit dem hochlöblichen Institute nicht zu spaßen ist, so setzte sie ihren Sonntagshut auf, sah noch einmal in den Spiegel und ging befriedigt über ihr Äußeres – sie die einzige, die es je war – nach dem Polizeiamte. Man sagt zwar: »Jung ist der Teufel schön«, aber Tante Moritz machte die zu jeder Regel gehörige Ausnahme und war auch jung nicht schön. Sie war groß, knochig und mager und sah ihrem Vater ähnlich bis zur Lächerlichkeit. Dieser aber hatte nie wie ein Frauenzimmer ausgesehen. In dieser wenig einnehmenden Außenhülle barg sie aber eine zarte weibliche Seele, verletzbar und scheu, die noch wenig die bittere Gelegenheit gehabt hatte, sich im stoßenden, drängenden Weltgetriebe abzustumpfen. Eine emanzipiert klingende Altstimme, die ihr bis in ihr hohes Alter verblieb und dann der alten Dame besonders würdevoll stand, bildete in ihrer Jugend einzig einen angenehmen Gegensatz zu ihrer frauenzimmerlichen Häßlichkeit, aber leider nicht zu ihrem männlichen Aussehen.
Als sie das richtige Bureau gefunden hatte, trat sie schüchtern ein und blieb erwartend an der Tür stehen. Kaum hatte sie auf die ergangene Frage ihren Namen genannt und die Vorladung gezeigt, als der Polizeikommissär und sein Schreiber einen schnellen Blick der Aufforderung wechselten und dann eine peinliche Pause lang die Gestalt an der Tür fixierten. Wieder begegneten sich verständnisinnig und mit triumphierendem Ausdrucke ihre Augen; ihr scharfer Beamtenblick hatte untrüglich den Simulanten erkannt. In diesem Falle glaubte der Kommissär kurz angebunden sein zu müssen und eröffnete das Verhör:
»Sie werden sich denken können, weshalb Sie vorgeladen sind?«
»Nein, leider nicht.«
»Wenn ich Ihnen aber sage, daß dieses das Bureau für Konskriptionsangelegenheiten ist.«
»Ich bedaure, daß mir die Sache dadurch nur um so rätselhafter erscheint.«
»So muß ich Ihnen denn kurzweg sagen, daß Sie im Verdachte stehen, sich durch fortgesetzte Simulation, das heißt, indem Sie weibliche Verkleidung tragen und sich seit Ihrem Hiersein durchaus als Frauenzimmer geberden, Ihrer Konskriptionspflicht entzogen zu haben, respektive noch entziehen zu wollen.«
Versteinerungspause. –
»Auch muß ich Ihnen gestehen, das Ihr Äußeres diesem Verdachte nur Vorschub leisten kann.«
Fortsetzung der Pause und anhebende Versenkungsgefühle.