Beste Mutter, fiel ich der Gefleckten ins Wort, verdammen Sie nicht ganz jene Neigung. Das gebildetste Volk der Erde legte den sonderbaren Appetit des Kinderfressens dem Geschlecht der Götter bei, aber gerettet wurde ein Jupiter und so auch ich! —

Ich verstehe dich nicht, mein Sohn, erwiderte Mina, aber es kommt mir vor, als sprächest du albernes Zeug, oder als wolltest du gar deinen Vater verteidigen. Sei nicht undankbar, du wärest ganz gewiß erwürgt und gefressen worden von dem blutdürstigen Tyrannen, hätte ich dich nicht so tapfer verteidigt mit diesen scharfen Krallen, hätte ich nicht, bald hier, bald dort hinfliehend in Keller, Boden, Ställe, dich den Verfolgungen des unnatürlichen Barbaren entzogen. — Er verließ mich endlich! nie habe ich ihn wiedergesehen! Und doch schlägt noch mein Herz für ihn! — Es war ein schöner Kater! — Viele hielten ihn seines Anstandes, seiner feinen Sitten wegen, für einen reisenden Grafen. — Ich glaubte nun, im kleinen häuslichen Zirkel meine Mutterpflichten übend, ein stilles, ruhiges Leben führen zu können, doch der entsetzlichste Schlag sollte mich noch treffen. — Als ich von einem kleinen Spaziergange einst heimkehrte, weg warst du samt deinem Geschwister! — Ein altes Weib hatte mich Tages zuvor in meinem Schlupfwinkel entdeckt, und allerlei verfängliche Worte von ins Wasser werfen und dergleichen gesprochen. — Nun! ein Glück, daß du, mein Sohn, gerettet, komm nochmals an meine Brust, Geliebter! —

Die gefleckte Mama liebkoste mich mit aller Herzlichkeit, und fragte mich dann nach den nähern Umständen meines Lebens. Ich erzählte ihr alles, und vergaß nicht, meiner hohen Ausbildung zu erwähnen, und wie ich dazu gekommen.

Mina schien weniger gerührt von den seltenen Vorzügen des Sohnes, als man hätte denken sollen. Ja, sie gab mir nicht undeutlich zu verstehen, daß ich mitsamt meinem außerordentlichen Geiste, mit meiner tiefen Wissenschaft auf Abwege geraten, die mir verderblich werden könnten. Vorzüglich warnte sie mich aber, dem Meister Abraham ja nicht meine erworbenen Kenntnisse zu entdecken, da dieser sie nur nützen würde, mich in der drückendsten Knechtschaft zu erhalten.

„Ich kann mich, sprach Mina, zwar gar nicht deiner Ausbildung rühmen, indessen fehlt es mir doch durchaus nicht an natürlichen Fähigkeiten und angenehmen, mir von der Natur eingeimpften Talenten. Darunter rechne ich z. B. die Macht, knisternde Funken aus meinem Pelz hervorstrahlen zu lassen, wenn man mich streichelt. Und was für Unannehmlichkeiten hat mir nicht schon dieses einzige Talent bereitet! Kinder und Erwachsene haben unaufhörlich auf meinem Rücken herumhantiert, jenes Feuerwerks halber, mir zur Qual, und wenn ich unmutig wegsprang oder die Krallen zeigte, mußte ich mich ein scheues wildes Tier schelten, ja wohl gar prügeln lassen. — Sowie Meister Abraham erfährt, daß du schreiben kannst, lieber Murr, macht er dich zu seinem Kopisten, und als Schuldigkeit wird von dir gefordert, was du jetzt nur aus eigenem Antriebe zu deiner Lust tust.“ —

Mina sprach noch mehreres über mein Verhältnis zum Meister Abraham und über meine Bildung. Erst später habe ich eingesehen, daß das, was ich für Abscheu gegen die Wissenschaften hielt, wirkliche Lebensweisheit war, die die Gefleckte in sich trug.

Ich erfuhr, daß Mina bei der alten Nachbarsfrau in ziemlich dürftigen Umständen lebe, und daß es ihr oft schwer falle ihren Hunger zu stillen. Dies rührte mich tief, die kindliche Liebe erwachte in voller Stärke in meinem Busen, ich besann mich auf den schönen Heringskopf, den ich vom gestrigen Mahle erübrigt, ich beschloß, ihn darzubringen der guten Mutter, die ich so unerwartet wiedergefunden.

Wer ermißt die Wandelbarkeit der Herzen derer, die da wandeln unter dem Mondschein! — Warum verschloß das Schicksal nicht unsere Brust dem wilden Spiel unseliger Leidenschaften! — Warum müssen wir, ein dünnes schwankendes Rohr, uns beugen vor dem Sturm des Lebens? — Feindliches Verhängnis! — O Appetit, dein Name ist Kater! — Den Heringskopf im Maule kletterte ich, ein pius Aeneas aufs Dach — ich wollte hinein ins Bodenfenster. Da geriet ich in einen Zustand, der auf seltsame Weise mein Ich meinem Ich entfremdend, doch mein eigentliches Ich schien. — Ich glaube mich verständlich und scharf ausgedrückt zu haben, so daß in dieser Schilderung meines seltsamen Zustandes jeder den die geistige Tiefe durchschauenden Psychologen erkennen wird. — Ich fahre fort! —

Das sonderbare Gefühl, gewebt aus Lust und Unlust, betäubte meine Sinne — überwältigte mich — kein Widerstand möglich, — ich fraß den Heringskopf! —

Ängstlich hörte ich Mina miauen, ängstlich sie meinen Namen rufen — Ich fühlte mich von Reue, von Scham durchdrungen, ich sprang zurück in meines Meisters Zimmer, ich verkroch mich unter den Ofen. Da quälten mich die ängstlichsten Vorstellungen. Ich sah Mina, die wiedergefundene gefleckte Mutter, trostlos, verlassen, lechzend nach der Speise, die ich ihr versprochen, der Ohnmacht nahe — Ha! — der durch den Rauchfang sausende Wind rief den Namen Mina — Mina — Mina! rauschte es in den Papieren meines Meisters, knarrte es in den gebrechlichen Rohrstühlen, Mina — Mina — lamentierte die Ofentüre. — O! es war ein bitteres herzzerschneidendes Gefühl, das mich durchbohrte! — Ich beschloß, die Arme womöglich einzuladen zur Frühstücksmilch. Wie kühlender, wohltuender Schatten kam bei diesem Gedanken ein seliger Frieden über mich! — Ich kniff die Ohren an und schlief ein! —