In dieser Geschichte laufen zwei Erzählungen nebeneinander her. Die Geschichte des Katers Murr zeigt die Entwicklung des Naturburschen, des Autodidakten; seine Seele und sein Geist sind ein unbeschriebenes Blatt, in welches Gott und Welt gern hineinschreiben und das sich daher bald füllt.
Die parallel laufende Geschichte des Kapellmeisters Johannes Kreisler zeigt dagegen lauter Kulturmenschen. Kreisler ist der edle, hochbegabte stets mit den Widerwärtigkeiten des Lebens und der Trivialität der Menschen ringende Künstler. In Julia ist ihm ein weibliches Ideal gegenübergestellt. Meister Abraham, der väterliche Freund Kreislers, ist der angesehene, wohlgesinnte, tüchtige Mann, der seinen Weg durchs Leben gemacht hat. Er ist der männliche, die Rätin Benzon der weibliche Mentor des mediatisierten Fürsten Irenäus, an dessen Miniaturhofe die Geschichte spielt. Die Familie des Fürsten Irenäus zeigt deutlich die Schwächen einer durch viele Generationen gepflegten Überkultur. Er selbst zeigt Züge des Serenissimus, ja, man könnte sagen, er ist der Prototyp desselben; der Dichter hat sich jedoch sorgfältig vor Karikatur gehütet. Die Prinzessin Hedwiga, die Freundin Julias, ist die zwar in ihrem Charakter an sich aufrechte, aber mit hysterischer Nervenschwäche belastete Tochter eines alten Geschlechts. Ihr Bruder Prinz Ignaz ist ein Trottel.
In der Episode der Chiara, der Geliebten des Meisters Abraham und in der Geschichte des Mönches Cyprianus und der Angela kommt der Hang des Dichters zum Übersinnlichen, Romantischen zu seinem Rechte. Es ist ein eigentümlicher Zug Hoffmanns, daß trotz aller scheinbar ernsten Versuche, die wunderbaren Ereignisse auf natürliche Weise zu erklären, ihnen doch immer ein Zug ins Übersinnliche anhaften bleibt.
Dr. Ernst Hipp.
Vorwort des Herausgebers.
Keinem Buche ist ein Vorwort nötiger als gegenwärtigem, da es, wird nicht erklärt, auf welche wunderliche Weise es sich zusammengefügt hat, als ein zusammengewürfeltes Durcheinander erscheinen dürfte.
Daher bittet der Herausgeber den günstigen Leser, wirklich zu lesen, nämlich dies Vorwort.
Besagter Herausgeber hat einen Freund, mit dem er ein Herz und eine Seele ist, den er eben so gut kennt, als sich selbst. Dieser Freund sprach eines Tages zu ihm ungefähr also. „Da Du, mein Guter, schon manches Buch hast drucken lassen, und Dich auf Verleger verstehst, wird es Dir ein leichtes sein, irgend einen von diesen wackern Herren aufzufinden, der auf Deine Empfehlung etwas druckt, was ein junger Autor von dem glänzendsten Talent, von den vortrefflichsten Gaben vorher aufschrieb. Nimm Dich des Mannes an, er verdient es.“
Der Herausgeber versprach, sein Bestes zu tun für den schriftstellerischen Kollegen. Etwas verwunderlich wollt' es ihm nun wohl bedünken, als sein Freund ihm gestand, daß das Manuskript von einem Kater, Murr geheißen, herrühre, und dessen Lebensansichten enthalte; das Wort war jedoch gegeben, und da der Eingang der Historie ihm ziemlich gut stilisiert schien, so lief er sofort, mit dem Manuskript in der Tasche, zu dem Herrn Dümmler unter den Linden und proponierte ihm den Verlag des Katerbuchs.
Herr Dümmler meinte, bis jetzt habe er zwar nicht unter seinen Autoren einen Kater gehabt, wisse auch nicht, daß irgend einer seiner werten Kollegen mit einem Mann des Schlages bis jetzt sich eingelassen, indessen wolle er den Versuch wohl machen.