Pater Hilarius mochte mein Schweigen der bittern Sorge zuschreiben, die mir das Geschehene verursachte.
„Seid guten Muts, Kapellmeister!“ begann er, indem er mir den aufs Neue gefüllten Becher hinreichte, „Ihr habt Blut vergossen, das ist wahr, und Blutvergießen ist Sünde, doch distinguendum est inter et inter. — Jedem ist sein Leben das Liebste, er hat es nur einmal. Ihr habt das Eurige verteidigt, und das verbietet die Kirche keinesweges, wie sattsam zu erweisen, und weder unser hochwürdiger Herr Abt, noch irgendein anderer Diener des Herrn, wird Euch die Absolution versagen, seid Ihr auch unversehens in fürstliche Eingeweide gefahren. — Ergo bibamus! Vir sapiens non te abhorrebit Domine! — Aber teuerster Kreisler, kehrt Ihr zurück nach Sieghartsweiler, so wird man Euch garstig befragen über das cur, quomodo, quando, ubi und wollt Ihr den Prinzen des mörderischen Angriffs zeihen, wird man Euch glauben? Ibi iacet lepus in pipere! — Aber seht, Kapellmeister, wie — doch, bibendum quid! — Er leerte den vollgeschenkten Becher und fuhr dann fort: Ja seht, Kapellmeister, wie der gute Rat kommt mit dem Bocksbeutel. — Erfahrt, daß ich mich eben zum Kloster Allerheiligen begeben wollte, um mir von dem dortigen Präfektus Chori Musik zu holen zu den nächsten Festen. Ich habe die Kasten schon zwei-, dreimal umgekehrt; es ist alles alt und verbraucht, und was die Musik betrifft, die Ihr uns komponiert habt während Eures Aufenthalts in der Abtei, ja, die ist gar schön und neu, aber — nehmt mir es nicht übel, Kapellmeister, so auf kuriose Weise gesetzt, daß man keinen Blick wenden darf von der Partitur. Will man nur ein bißchen durchs Gitter schielen nach dieser, jener hübschen Dirne unten im Schiff, gleich hat man einen Halt verfehlt oder sonst was und schlägt einen falschen Takt und schmeißt das Ganze um. — Pump, da liegt's und Di—di—Diedel, diedel greift Bruder Jakob in die Orgeltasten! — ad patibulum cum illis — Ich durfte also — doch bibamus! —
Nachdem wir beide getrunken, floß der Strom der Rede also weiter: Desunt die nicht da sind und die nicht da sind, können nicht gefragt werden, ich dächte daher, Ihr wandertet sogleich mit mir zurück nach der Abtei, die, schlägt man Richtwege ein, kaum zwei Stunden von hier entfernt ist. In der Abtei seid Ihr gesichert gegen alle Nachstellungen, contra hostium insidias, ich bringe Euch hin, als lebendige Musik und Ihr bleibt da, solange es Euch gefällt oder solange Ihr es geraten findet. Der hochwürdige Herr Abt versorgt Euch mit allem Nötigen. Ihr kleidet Euch in die feinste Wäsche und zieht das Benediktinergewand darüber, das Euch sehr wohl stehen wird. Aber damit Ihr nicht unterwegs ausseht wie der wundgeschlagene auf dem Bilde vom mitleidigen Samariter, so setzt meinen Reisehut auf, ich werde mir die Kapuze schon über die Glatze ziehn. — Bibendum quid, Liebster!
Damit leerte er den Becher noch einmal, schwenkte ihn aus im nahen Waldbach, packte alles schnell in seinen Reisesack, drückte mir seinen Hut auf die Stirne und rief ganz fröhlich: Kapellmeister, wir dürfen nur ganz langsam und bequem einen Fuß vor den andern setzen und kommen doch gerade an, wenn sie läuten ad conventum conventuales, d. h. wenn der hochwürdige Herr Abt sich zu Tische setzt.
Ihr dürft wohl denken, lieber Meister, daß ich gegen den Vorschlag des fröhlichen Paters Hilarius nicht das mindeste einzuwenden hatte, daß es mir vielmehr gar willkommen sein mußte, mich an einen Ort zu begeben, der mir in so mancher Hinsicht ein wohltätiges Asyl werden konnte.
Wir schritten gemächlich fort unter allerlei Gesprächen und langten so, wie Pater Hilarius es gewollt, in der Abtei an, als man gerade die Tischglocke läutete.
Um vorderhand allen Fragen zuvorzukommen, sagte Pater Hilarius dem Abt, daß, da er zufällig erfahren, wie ich mich in Sieghartsweiler aufhalte, er es vorgezogen, statt der Musik aus dem Kloster Allerheiligen, lieber den Komponisten zu holen, der ja ein ganzes unerschöpfliches Magazin von Musik in sich trage.
Der Abt Chrysostomus (mich dünkt, ich hätte Euch schon viel von ihm erzählt) empfing mich mit jener gemütlichen Freude, die nur wahrhaft guter Gesinnung eigen, und lobte den Entschluß des Paters Hilarius. —
Seht mich nun, Meister Abraham, wie ich, umgeschaffen zum passablen Benediktinermönch, in einem hohen, geräumigen Zimmer des Hauptgebäudes der Abtei, sitze und emsig Vespern und Hymnen ausarbeite, ja wie ich schon mitunter Gedanken notiere zu einem feierlichen Hochamt — wie sich die singenden und spielenden Brüder, die Chorknaben versammeln, wie ich emsig Proben halte, wie ich hinter dem Gitter des Chors dirigiere! In der Tat, so vergraben fühle ich mich in diese Einsamkeit, daß ich mich mit Tartini vergleichen möchte, der, die Rache des Kardinals Cornaro fürchtend, in das Minoritenkloster zu Assisi floh, wo ihn endlich nach Jahren ein Paduaner entdeckte, der sich in der Kirche befand und den verlornen Freund auf dem Chore erblickte, als ein Windstoß den Vorhang, der das Orchester verhüllte, einige Augenblicke aufhob. — Es hätte Euch selbst, Meister! so mit mir gehen können, wie jenem Paduaner, aber ich mußte Euch ja doch sagen, wo ich geblieben, Ihr könntet sonst wunder gedacht haben, was aus mir geworden. — Hat man vielleicht meinen Hut gefunden und sich gewundert, daß ihm der Kopf abhanden gekommen? — Meister! Eine besondere, wohltätige Ruhe ist in mein Inneres gekommen; sollte ich vielleicht hier am Ankerplatz gelandet sein? Als ich neulich an dem kleinen See, der in der Mitte des weitläuftigen Gartens der Abtei liegt, wandelte, und mein Bild neben mir wandelnd im See erblickte, da sprach ich: der Mensch, der da unten neben mir hergeht, das ist ein ruhiger, besonnener Mensch, der nicht mehr wild umherschwirrend in vagen unbegrenzten Räumen, die gefundene Bahn fest hält, und es ist ein Glück für mich, daß der Mensch kein anderer ist, als ich selbst. — Aus einem andern See schaute mich einst ein fataler Doppelgänger an. Doch still — still von dem allen. — Meister, nennt mir keinen Namen — erzählt mir nichts — auch nicht einmal, wen ich gespießt. — Aber von Euch selbst schreibt mir viel. — Die Brüder kommen zur Probe, ich schließe mein historisches Kapitel und zugleich meinen Brief. Lebt wohl, mein guter Meister, und gedenkt meiner! &c. &c. &c. &c.
— In den fernen, wild verwachsenen Gängen des Parks einsam wandelnd, bedachte Meister Abraham das Schicksal des geliebten Freundes und wie er ihn, kaum wiedergewonnen, auf's Neue verloren. Er sah den Knaben Johannes, sich selbst in Göniösmühl vor dem Flügel des alten Onkels, der Kleine hämmerte mit stolzem Blick Sebastian Bachs schwerste Sonaten herunter, mit beinahe männlicher Faust, er steckte ihm dafür eine Tüte Zuckerwerk heimlich in die Tasche. — Es war ihm, als sei dies erst wenige Tage her und er mußte sich verwundern, daß der Knabe eben kein anderer als der Kreisler, der in ein wunderliches, launenhaftes Spiel geheimnisvoller Verhältnisse verflochten schien. Aber mit dem Gedanken an jene vergangene Zeit, an die verhängnisvolle Gegenwart, stieg das Bild seines eigenen Lebens vor ihm auf.