Niemand hatte sich bis jetzt um den kleinen Hochverräter bekümmert, der mit zerfleischter Brust auf dem Tische lag. Nun fiel er Julien ins Auge und erst in dem Augenblick wurde sie auch inne, daß Prinz Ignatius wieder das abscheuliche ihr verhaßte Spiel gespielt. Prinz, sprach sie, indem ihre Wangen sich hoch röteten, Prinz, was hat Ihnen der arme Vogel getan, daß Sie ihn ohne Erbarmen töten hier im Zimmer? — Das ist ein recht einfältiges grausames Spiel. — Sie haben mir längst versprochen es zu lassen, und doch nicht Wort gehalten. — Aber! tun Sie es noch einmal, niemals ordne ich mehr Ihre Tassen oder lehre Ihre Püppchen reden, oder erzähle Ihnen die Geschichte vom Wasserkönig! „Nicht böse sein, Fräulein Julia!“ wimmerte der Prinz. Aber es war ein bunter Erzschelm. Er hatte allen Soldaten heimlich die Rockschöße abgeschnitten, und überdem eine Rebellion angezettelt. Ach es tut weh — es tut weh! — Die Benzon blickte den Prinzen, dann Julien an mit seltsamen Lächeln, dann rief sie: Was das für ein Wehklagen ist über ein paar verbrannte Finger! — Aber es ist wahr, der Chirurgus wird ewig mit seiner Brandsalbe nicht fertig. Doch hilft ein gemeines Hausmittel auch wohl ungemeinen Leuten. Man schaffe rohe Kartoffel herbei! — Sie schritt nach der Türe; aber wie plötzlich von irgendeinem Gedanken erfaßt, blieb sie stehen, kehrte um, schloß Julien in die Arme, küßte sie auf die Stirne und sprach: Du bist mein gutes liebes Kind, und wirst immer das ganz sein was Du sein sollst! — Hüte Dich nur vor überspannten wahnsinnigen Toren und verschließe Dein Gemüt dem bösen Zauber ihrer verlockenden Reden! Damit warf sie noch einen forschenden Blick auf die Prinzessin, die sanft und süß zu schlummern schien, und verließ das Zimmer.

Der Chirurgus trat herein mit einem ungeheuren Pflaster in den Händen, unter vielen Beteuerungen versichernd, daß er schon seit geraumer Zeit gewartet in den Zimmern des gnädigsten Prinzen, da er nicht vermuten können, daß in dem Schlafgemach der gnädigsten Prinzessin — Er wollte mit dem Pflaster los auf den Prinzen, die Kammerfrau, die ein paar stattliche Kartoffeln auf einer silbernen Schüssel herbeigebracht, vertrat ihm aber den Weg und versicherte, daß für Verletzungen durch Brand geschabte Kartoffeln das allerbeste Mittel wären. Und ich, fiel Julia der Kammerfrau ins Wort, indem sie ihr die silberne Schüssel abnahm, und ich selbst will für Sie, mein Prinzchen, das Pflaster gar fein bereiten.

„Gnädigster Herr, sprach der Chirurg erschrocken: Bedenken Sie! — ein Hausmittel für verbrannte Finger eines hohen fürstlichen Herrn! — Die Kunst — die Kunst soll — muß hier allein helfen! Er wollte von neuem auf den Prinzen los, der prallte aber zurück und rief: Weg da, weg da! Fräulein Julia soll mir das Pflaster bereiten, die Kunst soll sich zum Zimmer hinausscheren!

Die Kunst empfahl sich samt ihrem wohlpräparierten Pflaster, indem sie giftige Blicke auf die Kammerfrau warf.

Stärker und stärker hörte Julia die Prinzessin atmen, doch wie erstaunte sie als —

(M. f. f.) — einschlafen. Hin und her wälzte ich mich auf meinem Lager; ich versuchte alle nur mögliche Stellungen. Bald streckte ich mich lang aus, bald wickelte ich mich rund zusammen, ließ den Kopf auf den weichen Pfoten ruhen und ringelte den Schweif zierlich um mich herum, so daß er die Augen bedeckte, bald warf ich mich auf die Seite, ließ die Pfoten wegstarren vom Leibe, den Schweif in lebloser Gleichgültigkeit hinabhängen vom Lager. Alles — alles vergebens! — Wirrer und wirrer wurden Vorstellungen, Gedanken, bis ich endlich in jenes Delirium fiel, das kein Schlaf, sondern ein Kampf zwischen Schlafen und Wachen zu nennen, wie Moritz, Davidson, Rudow, Tiedemann, Wienholt, Reil, Schubert, Kluge und andere physiologische Schriftsteller, die über Schlaf und Traum geschrieben und die ich nicht gelesen, mit Recht behaupten.

Die helle Sonne schien in des Meisters Zimmer hinein, als ich aus diesem Delirium, aus diesem Kampf zwischen Schlafen und Wachen, wirklich zum klaren Bewußtsein erwachte. Aber welch ein Bewußtsein, welch ein Erwachen. — O Katerjüngling, der du dieses liesest, spitze die Ohren und lies aufmerksam, daß dir die Moral nicht entwische! — Nimm dir zu Herzen, was ich über einen Zustand sage, dessen unnennbare Trostlosigkeit ich dir nur mit schwachen Farben schildern kann. — Nimm dir diesen Zustand, wiederhole ich, zu Herzen und dich selbst möglichst in acht, wenn du zum erstenmal in einer Katzburschen-Gesellschaft Katzpunsch genießest! Nippe mäßig und berufe dich, will man das nicht leiden, auf mich und meine Erfahrung, der Kater Murr sei deine Autorität, die jeder, hoff' ich, anerkennen und gelten lassen wird.

Nun also! — Was zuförderst mein physisches Befinden betrifft, so fühlte ich mich nicht allein matt und elend, sondern was mir ganz besondere Qualen schuf, war ein gewisser kecker, abnormer Anspruch des Magens, der eben seiner Abnormität halber nicht durchzusetzen war und nur einen unnützen Rumor im Innern verursachte, an dem sogar die affizierten Ganglien teilnahmen, die in ewigem physischem Wollen und nicht Vermögen krankhaft zitterten und bebten. — Es war ein heilloser Zustand! —

Aber beinahe noch empfindlicher war die psychische Affektion. Mit der bittern Reue und Zerknirschung eines Gestern halber, das ich doch eigentlich gar nicht für tadelnswert achten konnte, kam eine trostlose Gleichgültigkeit in meine Seele gegen alles irdische Wohl! — Ich verachtete alle Güter der Erde, alle Gaben der Natur, Weisheit, Verstand, Witz u. s. w. Die größten Philosophen, die geistreichsten Dichter galten mir nicht höher als Lumpenpuppen, sogenannte Hansemänner und was das ärgste war, auf mich selbst dehnte sich jene Verachtung aus und ich glaubte zu erkennen, daß ich nichts sei, als ein ganz gewöhnlicher miserabler Mausekatz! — Niederschlagenderes gibt es nicht! Der Gedanke, daß ich in dem größten Jammer befangen, daß die ganze irdische Erde überhaupt ein Jammertal sei, vernichtete mich im namenlosen Schmerz. — Ich kniff die Augen zu und weinte sehr! —

„Du hast geschwärmt, Murr, und nun ist dir miserabel zu Mute? — Ja, ja, so gehts! — Nun schlaf' nur aus, alter Junge, dann wird's besser werden! — So rief der Meister mir zu, als ich das Frühstück stehen ließ und einige Schmerzenstöne von mir gab. Der Meister! — o Gott er wußte nicht, er kannte nicht meine Leiden! — er ahnte nicht, wie Burschentum und Katzpunsch wirkt auf ein zartfühlendes Gemüt! —