Doch – was ist das? Träume ich? Wache ich? Ein zitternder Laut, halb Seufzer, halb Jubel. – Woher kommt er? Aus den Herzen der toten Gestalten? – Sieh' – sie leben! Sie heben die Arme, sie bewegen sich – das Blut rinnt durch die Adern, sie atmen, und doch sind's keine Menschen. Denn durchsichtig werden die Glieder von Gips, sie schimmern und glänzen, geisterhaft, geheimnisvoll – das ist Ewigkeit, die von den weißen Stirnen leuchtet, und sieghaft strahlen die klaren Augen. – Ach, und demütig beuge ich mein Knie.

Lautlose Stille. – Da ertönt mächtig, wie Donnerrollen, gewaltig, wie Schlachtenruf, eine Stimme, die schallt durch den ganzen Saal: »Ist es fort, das elende Gesindel, das sich Menschen nennt, und sich so unendlich viel dünkt, daß es sich herausnimmt, uns stundenlang anzustarren und unsere Götterleiber zu kritisieren? – Sind wir allein? – Gebt Antwort!«

Apollo ist's, von Belvedere, er tritt hervor in Herrlichkeit und Majestät, und zu ihm gesellt sich Mars, der da mit aller Arroganz auftritt, deren nur ein Kürassier-Lieutenant fähig ist, sei es auch ein olympischer; und er gähnt herzhaft und schüttelt die prächtigen Glieder, und die Venus von Milo sieht ihn holdselig an. Er aber fährt sich mit der Hand durch die krausen Locken, die Erinnerung an selige Stunden überkommt ihn, und schmunzelnd nickt er ihr herablassend liebevoll zu:

»Venuschen, kleiner Schatz, bist Du immer noch in meiner Nähe? Geh', frage doch einmal Deinen niedlichen Schlingel von Jungen, ob die Luft ganz rein ist, ob wir uns endlich ein bischen gehen lassen können, nachdem wir den ganzen Tag so ehrbar dagesessen haben! Der kleine neugierige Bengel hockt natürlich da, wo es am meisten zu gucken gibt.«

Und wunderbar! Die hochmütige, vornehme Dame von Milo nimmt diese etwas familiäre Anrede gar nicht übel, ja, ein Lächeln spielt sogar um den stolzen Mund, der so oft verächtlich auf die Besucher des Museums herunterblicken kann.

»Mamachen, Mamachen,« ruft eine piepsige Stimme, und der pauspackige, kleine Gesell, das Kind Amor, springt von seiner Marmorsäule herunter, stellt sich dicht vor mich hin und nickt mir zu.

»Mamachen, hier sitzt noch eine in der Ecke; aber sie sagt nichts. Ein ganz kleines Mädchen ist es, und sie macht große, verwunderte Augen, und ihre Stirn leuchtet eben so weiß, wie Deine!«

»Hinaus mit ihr! Hier werden keine Sterblichen geduldet! Wir wollen keine Lauscher,« sagt die lange Diana von Versailles mit ihrer scharfen Stimme, »hetzt die Hunde auf die Unberufene.«

»Willst Du hier das große Wort führen?« lächelt unsere liebe Frau von Milo etwas höhnisch, »alte Jungfern sind freilich flink mit der Zunge, aber ich denke, wir, die wir unsere Aufgabe im Leben – Lieben und Geliebtwerden – erfüllt haben, wir gelten mehr hier im Reich der Freude!«

Diana zuckt die schlanken Schultern und hüllt sich keusch in vornehmes Schweigen.