»Zerschmettert, was im Wege steht!« wiederholte der mit der hohen Stirn. »Komm, laß uns die Bäume niederreißen, und die Felsen zerbröckeln.«

»Pah,« lachte der Wilde, »wozu die Arbeit, die eine Ewigkeit dauert? – Weiter, weiter will ich, ins Leben hinein! – Hör', laß uns den Bäumen aus dem Wege gehen, Du dort herum, und ich hier, und dann wollen wir sehen, wer zuerst ankommt, zuerst sein Ziel erreicht – Du oder ich!«

Das reizte den Zwillingsbruder; wußte er doch, daß er natürlich der Erste sein würde. Ein flüchtiges Lebewohl nur, und er brauste dahin, ungestüm, hier ein Stück Fels wegreißend, dort einen Baumstamm mit sich zerrend. Er sah nicht die Welt um ihn; er sah nur in die Ferne, wo seine Welt liegen mußte, die er erträumt, die er besitzen, beherrschen wollte. Nur immer weiter, weiter, dahin, wo der zarte Dunst aufsteigt, wo ein erster Sonnenstrahl glitzert wie auf Türmen – die seines neuen Reiches – und in wilden Sprüngen, brausend und jauchzend, setzt er der Traumwelt nach, bis er schwankt und schwankt und ihm schwindelt, und er den Boden unter den Füßen verliert, und er in den Abgrund stürzt, in den Abgrund von erträumter Leidenschaft. Es war ein jäher Sturz. In ihm zerschellen alle seine Träume, alle seine erhabenen Gedanken. Voll Grausen blickt er hinauf zu der schwindelnden Höhe, auf der er einst geweilt hatte: so groß und erhaben hatte er sich das Leben gedacht, nichts hatte er haben wollen, keine Freude, keine Liebe, nur Größe und immer mehr Größe. Nun trieb er dahin in einem breiten, gemächlichen Strombett, immer mehr wiegend, erschlaffend, duselnd – und nur wie weißer, kreisender Schaum trieb die Erinnerung auf seinen langsam sich wälzenden Fluten. Einmal schaute er sich um nach seinem Bruder: eine brausende, dampfende Gischt in der Ferne verhüllte alles hinter ihm.

Der trotzige, lächelnde, genußsüchtige Zwillingsbruder aber war gar gemütlich seines Weges gezogen, hatte die Bäume auf der schwimmenden Insel neckisch an den Zweigen gezupft, wie die unnützen Buben die schmollenden Schulmädchen an den Zöpfen, hatte seine neugierigen, geschwätzigen Fluten durch jeden kleinen Felsengang geschickt, bis er mitten durch die Insel hindurchlugen konnte, und da sah er etwas sehr Liebliches. Nicht eine Insel war es nämlich, sondern neben der großen, die das Königreich einer vornehmen alten Waldnymphe war, wie die Wasserboten berichteten, lagen noch drei kleinere, und jede von ihnen hatte ein Töchterlein der Waldkönigin zur Herrin, und sie lebten da in eitel Freude und Lustbarkeit. Keinen Gebieter wollten sie über sich erkennen und frei wie die Luft leben, so lange die Welt steht. Da kam jetzt der schöne Flußheld geschwommen, ganz nahe an die Insel der ersten Schwester heran, siehe, da steht ein wunderschön Jungfräulein, mit Guirlanden von Blumen umwunden und ein fröhlich Liedchen summend. Und horch! wie die Antwort zu ihr aufsteigt aus den weißen Wassern, die plötzlich aus dem Dunkel der Felsen hervorbrechen und sie erschrecken, daß sie schreiend davonläuft. Er aber schwimmt ihr nach, rund um die Insel, siehe – da sitzt auf einem Felsblock der zweiten kleinen Insel ein noch viel schöneres Jungfräulein, die schüttelt ihr lockiges Haar, als sie die weißen, starken Arme des Flußhelden sieht, die er nach ihr ausstreckt. Und sie lacht höhnisch und nimmt spitzes Gestein und wirft es nach ihm, daß ihn die scharfen Kanten ritzen. Da wird er zornig und will aufwallen – doch ach, drüben auf der letzten, kleinsten Insel, da sitzt am Ufer, mit den Füßen die neuen Wellen patschend, das dritte Prinzeßchen; und sie hat langes, güldenes Haar, und die meerblauen Augen sehen neugierig zu ihm hinüber, und die schönen Glieder wiegen sich mit den Wellen. Da schwimmt er ganz nahe zu ihr, legt seine große Männerhand um ihr weißes, weiches Füßchen, und sie lächelt nur – da zieht er sie hinab in seine schaukelnde, weite Wasserwiege. Wie eine Wehklage braust es durch die Waldwipfel; aber sein Jubelruf übertönt die Klage, und weit enteilt er, seine Beute bergend vor Fels und Abgründen. Regungslos liegt die Schlanke, Weiße in seinen Armen. Sie kann ja nicht sprechen im Wasser, nur die meerblauen Augen sehen ihn an, und tief drin liegt eine stille Klage: Warum hast du mich in ein fremdes Element gezogen? Warum dich zum Herrn gemacht über ein freies Geschöpf?

Nun wußte er eine Grotte, darin sollte die stille, weiße Geliebte wohnen. Tiefgrün war es darin von lauter Smaragden, und das Edelgestein leuchtete und funkelte wie von tausend Lampen. Der trotzige Held aber webt und webt, und webt mit seinen Wasserfäden den schönsten Brautschleier von kostbaren Spitzen, und er hängt das duftige zarte Gewebe, so hoch, so fein, rund im Halbkreis vor das smaragdene Wasserschloß, daß niemand seine Heimlichkeit störe, keiner seine weiße Braut, zu deren Füßen er ruht, ihm rauben könne. Sie aber spielt in seinen langen Haaren, küßt seinen roten Mund, legt ihr Köpfchen an seine breite Brust – aber immer wieder fragt sie: Wo ist die Sonne? die goldene Sonne?

Und eines Tages, als er fern ist, da wird die Sehnsucht nach dem Licht so mächtig in ihr, daß sie der Wasserkobolde und neckischen Nixen vergißt, die draußen ihr Wesen treiben und die Spitzenschleier immer wieder erneuern und verdichten. Ganz nahe tritt sie heran an die zauberischen Vorhänge – wie hell, wie licht es da ist; sie rückt ein wenig daran, sie lüpft ein zartes Eckchen. – Siehe, da über den wogenden Wasserdünsten steht die Sonne, ihre Sonne in strahlender Pracht – und die Arme sehnsüchtig ihr entgegenbreitend, sinkt das Waldkind, eingehüllt in die Brautschleier, zur tosenden, unbarmherzigen Tiefe nieder. Wie ein leuchtender Strahl fliegt es an dem Trotzigen vorbei, der seine starken Glieder im wildesten Flutengetos kühlt, und da vor ihm, da im Strudel treibt der weiße, weiche Leib seiner stillen Waldlilie. – Es überkommt ihn ein großer Zorn. Brüllend vor Schmerz und Wut, daß es wie Donner grollt, wirft er die Wasser gen Himmel, damit ihr Schaum, ihr wilder Gischt die Sonne, die verhaßte, verdecke. So steht er im Strudel und rast und trotzt gen Himmel. Er sendet seine Fluten auf zu der Insel, wo seine Waldlilie wuchs; sie zerren und wühlen an dem Gestein, ein Stück nach dem andern sinkt in die Tiefe und ein höhnender Schrei gellt von Welle zu Welle, wenn ein Baum mit hinabgerissen wird und hülflos in den Fluten treibt. Oben in den Wipfeln der Bäume aber rauscht eine wehmütige Klage um die Waldlilie, die an der Sonnensehnsucht verging.

Doch die wundersamen Spitzenschleier, die das Brautgemach bargen, wallen immer noch nieder vor dem smaragdenen Schloß und verhüllen in zarter Weiße seine erbarmungslose Leere. Die goldene Sonne aber taucht ihre Strahlen tief in das Wassergebrodel, läßt sie niedergleiten an den Schleiern, als suche sie die, die aus Sehnsucht nach dem Lichte gestorben ist; und die Strahlen bauen von Tag zu Tag eine wunderleuchtende Brücke hinauf, hinauf zur Sonne.

Da endete das Märchen und es breitete seine Arme aus nach den fallenden Wassern. Ein leises, wehmütiges Klingen zog herüber von den Inseln der drei Schwestern.

Das Märchen erhob sich, flog mit breiten, weißen Mövenflügeln hin über die Fluten, die wild aufschäumten und es haschen wollten. Aber sie netzten nur seine Füße. Und mit leisem Gekicher kreiste es über meinem Haupte – mein verlorenes und wiedergefundenes Märchen – an den fallenden Wassern des Niagara.

In der Gosse.