Raschelnd flogen die trockenen Blätter ihm nach, aber nur eine Spanne hoch, dann fielen sie wieder herunter in den Rinnstein. Und da lagen sie wieder mit ihren Gedanken.
Es hatte sich eine sehr gemischte Gesellschaft in der Gosse zusammengefunden. Da waren Blätter von allen Größen und jedes sah ganz anders aus. Sie gehörten zwar alle entweder zu der großen Familie »Derer von Baum« oder zu der »Von dem Busche« – aber eine rechte Einigkeit konnte nicht erzielt werden, da sich die vom Baum viel vornehmer dünkten, als die von dem Busche, und daher wurde so viel von Stammbäumen, Wappenschildern und dem Gothaer geredet, den die Firma Frühling, Sommer u. Co. herausgab, daß die übrige Gesellschaft im Rinnstein, die nicht von so hoher Abkunft war, in tiefster Ergebenheit erstarb. Darin waren sie sich jedoch alle einig, daß sie nur durch unverschuldetes Unglück, durch widrige Winde und plötzliche Regengüsse so heruntergekommen waren, daß sie sich nun in der Gosse befanden.
Da stak mitten unter dem Blätterhaufen ein langer, schlanker Strohhalm, hineingeflogen wie ein Pfeil – die Blätter hatten ihn immer für etwas ganz Unbedeutendes gehalten – der that jetzt den Mund auf und begann zu erzählen: »Ich bin sehr vornehm,« sagte er, »ich bin ein Prinz. Ich bin Oberst gewesen in Ihrer Majestät der Frau Königin Erde Weizenfeld, Allerfeinste-Mehlsorte No. I. Ich trug eine gelbe Uniform und einen prächtigen Raupenhelm auf dem Kopfe. – Ihr hättet es sehen sollen, unser Regiment! Wie wir in Reih' und Glied standen – fest wie eine Mauer! Wie wir exercierten – hierhin, dorthin, auf und nieder, wenn unser Kommandant, Generalissimus Wind, seine brausende Stimme erschallen ließ. Hei! das war eine Freude, uns anzuschauen! – Und dann kam der Krieg, das war ein schneidiger Krieg! Erbarmungslos mähte der Feind, jenes uncivilisierte raubgierige Gesindel, das sie Menschen nennen, uns nieder, und wir fielen ebenso schön in Reih' und Glied, wie wir gestanden hatten. – Aber tot waren wir nicht – bewahre! (denn sonst könnte ich es Euch ja nicht erzählen). Wir gerieten nur in Gefangenschaft, und in bittere Gefangenschaft. Sie banden uns zusammen, wie die Indianer, und schleppten uns fort und steckten uns in die Folter, bis sie all den Reichtum, den wir in unserm Raupenhelm trugen, herausgequetscht hatten, und dann, ja dann sollten wir erniedrigt werden, den Pferden Dienste zu leisten, den Pferden unserer Feinde. Die wollten auf uns herumtrampeln, die wollten uns als Lager benutzen, die wollten – mit einem Wort – Mist sollten wir werden! – Ich, Prinz von Halm-Halm – auf Aehre – Oberst in Ihrer Majestät der Königin Erde Regiment Weizenfeld-Allerfeinste-Mehlsorte No. I.
Da, als wir gefesselt, geknebelt, aufeinandergepackt, in dem Transport-Wagen lagen – da habe ich zum erstenmal in meinem Leben die Subordination vergessen – ich, dem die Subordination alles war, und bin ausgerissen.
Und die Folge davon? – Ich liege in der Gosse – –
Ja, Subordination muß sein!« sagte der Strohhalm, grub sich mit seiner leeren Kornähre, seiner Raupe, in den Gossenschlamm und philosophierte über die Gefahren der Unbotmäßigkeit. – »Siehst Du, Prinz Halm-Halm: Schmieg' Dich dem Schicksal an, so kriegst Du einen warmen Pferdestall – lehn' Dich dagegen auf und Du fällst in die Gosse – auf Aehre! – Burrrr – brumm!« schnarrte es neben ihm. Ein richtiger, bunter Brummkreisel war es, der auf irgend eine Weise in die Gosse geraten, unter die Blätter, und von den Kindern vergessen worden war.
»Subordination. – Ich brumme was auf die Subordination! Wer wie ich zeitlebens von allen unnützen Buben auf den Straßen herumgepeitscht worden ist – zuweilen waren ein halbes Dutzend hinter mir, und dann mußte ich tanzen und brummen, bis mir der Atem ausging – der ist froh, wenn er auskratzen kann und sein Leben gemütlich in der Gosse beschließen darf.
Wie habe ich mich gesträubt und gewehrt, all' mein Leben lang! Ich habe den Bindfaden, der an mir saß, so fest um mich herumgewickelt, daß er beinahe mit keiner Macht der Erde wieder loszumachen war; ich habe mich mit meinem einzigen spitzen Bein in die Ritzen der Steine geklemmt, daß sie mich beinahe nicht wieder herauskriegen konnten; ich bin allen Jungen und Mädchen zwischen die Füße gefahren, daß sie stolperten, und habe dabei gebrummt, daß mir selber angst und bange wurde. Aber es half mir nichts. Ich mußte tanzen und schnurren und Kapriolen machen mit der bittersten Empörung in meinem Brummkreiselherzen. Sie hatten die Peitsche und folglich auch die Macht und ich mußte tanzen, bis ich eines schönen Tages in der Gosse lag – – – Brrrrr – brumm!« sagte der Kreisel, als der Wind über ihn hinfuhr und ihn zwang, sich um sich selbst zu drehen.
»Ja, mein lieber Herr Kreisel,« sprach da salbungsvoll ein weißes, bedrucktes Stück Papier, das die Schulkinder aus einem ihrer Bücher verloren hatten. Die Blätter wollten es nicht für voll anerkennen – es war zwar auch ein Blatt und auch trocken, aber es gehörte zu einer ganz andern Familie – sie waren gar nicht verwandt. Es hielt sich deshalb ein wenig abseits und sprach in gebildetem Tone:
»Sehen Sie, mein lieber Herr Kreisel,« sagte es, »das ist von alters her so gewesen – ich muß das wissen, denn ich bin aus einem Geschichtsbuche – die Starken hatten die Macht und, wie Sie so sehr richtig bemerkten, folglich auch die Peitsche, mit der sie sehr energisch umzugehen wußten, und die Schwachen – nun, die wurden gepeitscht. Da hilft kein Auflehnen gegen den Willen von oben und gegen die Peitsche der Straßenjungen; die Kreisel wie alle Armen und Schwachen müssen tanzen – so ist es immer gewesen, so ist es heute noch, und so wird es bleiben. Wir haben uns einmal daran gewöhnt, und wir Gebildeten sehen auch ein, daß es nicht anders sein kann und daß es so am besten ist.«