Kummer und Trübsal, und Haß und Neid und Mißgunst, und Heuchelei und Geldstolz – das ist Weihnacht unter den Menschen; und zum Hohn nennen sie's das Fest der Liebe! Schneeflöckchen, wenn Ihr die Liebe sucht, fliegt nimmer zu Thal. Und eines doch: Wenn das Kinderauge uns anlacht – wenn wir in seinem reinen Glanz uns spiegeln, wenn die Kinderärmchen sich nach uns ausstrecken, die Kinderstimme uns anjauchzt –«

Da öffnete sich leise, leise die Thür, und auf der Schwelle stand ein Kindchen und blickte verschlafen um sich und strich sich die blonden Härchen aus dem heißen Gesicht. – Nicht schlafen konnte das Kind vor Freude über Weihnacht, und es hatte ein Geraune und Geflüster gehört neben dran und war aufgestanden, ganz leise, daß es die Eltern nicht gestört, und schlich mit den bloßen Füßchen über den Teppich hin, und stand mitten unter dem lustigen Volk. –

Aber da schnarrte die Uhr und das alte Männchen kam wieder herausspaziert und sagte mit dumpfer Stimme: Eins! und nun war alles wieder still und stumm und leblos, wie es vorher gewesen. Nur die Schnee-Engelchen konnten nicht so schnell zum Fenster hinfliegen – da erblickte sie das Kind: »Das sind die Engelein vom Himmel,« jauchzte es, »Tanne, die hast du mir mitgebracht!«

Und mit beiden Armen griff es nach den Flöckchen und preßte sie an sich und drückte und herzte sie – ach – und da vergingen sie ihm unter den Händen, und das Kind betrachtete verwundert seine leeren feuchten Aermchen – da schlich es betrübt in sein kleines Bett und weinte, weinte bitterlich.

Aber die Tannennadeln, die sich in seinem Kraushaar gefangen hatten beim Spielen, die neigten sich an des Kindes Ohr und erzählten ihm vom Tannenwald und dem Wind und der Schneeflöckchen-Reise, das ganze Märlein, da schliefs Kindchen ein.

Und wann es aufgewacht ist, und wieder und wieder aufgewacht, und größer und älter geworden, wann die Wintersonnenwende ihm gekommen ist, da zieht ihm, dem großen Kind, zu Weihnacht mit dem Tannenduft immer wieder das Märchen durch die Seele – das Märchen von den Schneeflocken, die ausgezogen, die Liebe zu suchen, und an der Liebe gestorben sind.

Das Märchen von der weißen Stadt.

Es lag ein Mensch zu sterben. Der hatte all seine Gedanken, all seinen Willen hergegeben, die eine große That seines Lebens zu vollenden. Aber der Griffel entsank seiner Hand, und die Seele entfloh dem Leibe. Es hatte dieser Mensch die Fluten sehr geliebt. Er konnte stundenlang am Ufer des Sees sitzen und die blauen Wasser betrachten, wie sie kamen und gingen, immerzu, immerzu; und aus den Wassern sahen ihn seine Gedanken an. Als seine Seele nun ohne Körper umherirrte, da kamen die Luftgeister und trugen die Menschenseele hin über den See. Aus ihren wehenden, silbergrauen Gewändern troff es wie Nebel zum Wasser nieder, und ein leiser Wind bewegte die Fluten, daß sie sich kräuselten. Oben auf den Wogenkämmen schaukelten die weißen Leiber der Seejungfrauen; sie streckten die Arme aus nach der Seele des Menschen und zogen sie hinab in die weichen, wiegenden, schmeichelnden Gewässer. – Drunten in der Tiefe saß der Seekönig und hielt Hof. Er war ein kleiner Mann mit starken Armen und langem, weißem Bart. Auf dem weißen Haupte trug er eine Krone von hellroten Korallen; die hatte ihm sein Vetter, der Meerkaiser, geschickt, aus Anerkennung, weil der kleine Seekönig manchmal seine Gewässer mit den starken Armen so aufrührt, daß viele Schiffe und Menschen umkommen müssen, gerade wie auf dem Meere. Denn die Meerleute mögen es gern, wenn Menschenkinder zu ihnen hinuntersteigen müssen. Sie stellen die weißen Körper in ihren wundersamen Meergärten auf, wie wir die Marmorstatuen. Die Menschen können nicht leben bei ihnen; nur wenn einer die Fluten sehr geliebt hat, dessen Seele gleitet des Nachts in den Wellen als weißer Schaum. Kommt ihn aber die Sehnsucht an, den Tag zu sehen, und es berührt ihn die Sonne, in deren Licht er geatmet, dann muß er für immer zur Leiche werden. –

Der kleine Seekönig hielt also Hof. Sechs große Räte mit wunderlichen Fischgesichtern saßen im Kreise um ein großes Blatt Papier, das ganz bunt vor lauter Strichelchen und Pünktchen aussah; vier dicke Büffelfische trugen es auf ihren Rücken, sie hielten es fischchenstill; nur zuweilen zuckte einer mit dem beweglichen Schwanz oder pustete die Kiefern auf und zu, als ob er Wasser rauche; und dann zupfte ihn der Herr Rat mit dem Karauschengesicht mahnend an den Flossen, worauf er gehorsam still hielt. Die Menschenseele, die als zarter, weißer Schaum auf der Schulter der Seejungfrau lag, sah neugierig das weiße Papier an; es kam ihr so bekannt vor. Das hatte sie schon gesehen, als sie noch Mensch war. Es war ihr, als müsse sie eine Hand danach ausstrecken. – »Still!« flüsterte die Seejungfrau, »gleich wirst du hören.« – Und dann sagte der Seekönig:

»Die Menschen da oben auf der Erde machen uns alles nach. Gerade wie wir zuweilen Besuch bekommen von den Bewohnern anderer Seen und Meere, die dann allerlei Kostbarkeiten mitbringen, um sie uns zu zeigen, so macht es das Volk da oben auch. Nur sind sie sehr arm. Während wir alle die fremden Seltenheiten und unsere eigenen dazu, einfach in unserem ewigen Krystallpalast aufstellen, müssen die sich erst Häuser dazu bauen. Und das Bauen – welche Umständlichkeit! Erst kommt einer und denkt sichs aus und zeichnet es auf, und dann geht es an viele Leute, die alle etwas zu mäkeln und zu ändern haben. Schließlich soll es dann wirklich gebaut werden, aber wie lange das alles dauert, dazu habe ich nicht Zeit genug, das zu erzählen. Seht, da hat auch so ein armer Mensch mit kurzem Gedächtnis seine Gedanken auf das Papier geschrieben; ein guter Mensch, der uns sehr geliebt hat. Denn er hat gesagt: »Wenn ich meinen See nicht hätte! Der muß das Beste thun.« Und dann hat er unsere Fluten überall eindringen lassen in seine Pläne, damit wir seine Paläste wie mit Silberarmen umschlingen und ihre Schönheit wiederspiegeln. – Dann ist er gestorben. – Und jetzt werden andere kommen und seine Pläne zunichte machen und uns vielleicht einengen und tyrannisieren. Wollen wir das dulden? Nein!« rief der Seekönig und hob die starken Arme, daß oben die Wellen klatschend gegen das Ufer schlugen. Und die Räte schüttelten heftig ihre Fischköpfe. Die Seejungfrau lächelte der horchenden Menschenseele zu. –