»Hörst Du der Nachtigall Gesang? – So singt die Sehnsucht in Deinem Herzen.
»Hörst Du der Blumen Geläut? – So läuten sie Deine bange Seele zur Ruh.«
Und horch! Welch wunderlieblich Geklinge und Gesinge, wie Glockentöne in weiter Ferne! Näher kommt's – immer näher – husch! der lustige Kreis stiebt auseinander, blitzschnell, wie er gekommen, und vor dem Sonntagskinde steht eine hehre, schöne Frau, deren zarten Leib umgibt ein Kleid von Rosenblättern, auf dem wonnesamen Haupt strahlt eine Sternenkrone, die Flügel des Königsfalters trägt sie an den Schultern, und ihre Füße wandeln auf Blumen.
Sie lächelt – da zittert die Luft vor Freude – Sie spricht – da lauschen Mond und Sterne. – »Haben sie Dich erschreckt da draußen in der Welt, Du Menschenkind?« sagt sie, »hat die große, schwere Wolke Dir das Herz beklemmt und Dir den Atem genommen? Und bist Du zu mir geflüchtet, in den Garten der Wonne, in mein Königreich, das Reich der Phantasie? – Ich wußte es wohl, Ihr Menschenkinder könnt ohne mich nicht bestehen. Da geht ein lautes Gerede, ein wildes Geschrei durch die Welt: sie brauchen mich nicht, nur Natur wollen sie, und nur im groben Alltagskleid, nicht im glänzenden Schmuck, im schimmernden Geschmeid, womit ich sie überschütte. – Aber siehst Du, Du Sonntagskind, kommst doch geflüchtet zu Deiner Trösterin, ohne die Du die Natur nicht ertragen, ohne die Du nicht leben kannst. – Und wenn Du wieder hinausziehst, dann sag' es ihnen draußen in der Welt, was Du geschaut in meinem Reich. – Ach, gerade jetzt sollten sie es wissen, wo die dunkle Wolke schwer über den Völkern schwebt und sie darnieder drückt.
»Weißt Du, warum gerade jetzt? Willst Du es wissen?«
Sie blickt um sich und klatscht in die Hände. Und siehe – ein wunderlicher Geselle kommt gehüpft, getollt, gesprungen: nackt ist er und zart von Gliedern, mit schelmischem Mund und ernsthaften Augen, einen Bogen trägt er in der Hand und einen Köcher mit Pfeilen an der Hüfte. – Sah ihn das Sonntagskind nicht dort im Syringengebüsch auf einer Säule stehen?
Doch nun – einen Purzelbaum schlägt er auf dem weichen Gras und ist zum eisgrauen Männlein geworden, das lustig mit den Aeuglein zwinkert und allerlei Kapriolen macht, und plötzlich schwebt er in der Luft, so fein und zart, als sei er aus Mondenschein gewebt, als sei er auf Blumen geboren, als sei er mit Tautropfen genährt. Und nun wieder trottelt er daher wie ein kleiner Brummbär und schlägt mit einer Keule um sich, daß die Nixchen und Elflein entsetzt zur Seite weichen.
»O, laß die Possen, Du närrischer Kauz,« lächelt Frau Phantasie, »nimm Deine wahre Gestalt an, mein Gesell« – da klingelt's wie von silbernen Glöckchen, die trägt das wunderliche Kerlchen an seiner Schellenkappe auf dem Haupte, und legt sein Gesicht in ernsthaft-drollige Falten, hängt seinen Bogen über den Rücken, als gebrauche er ihn nicht mehr, und schreitet umher mit gravitätischen Schritten.
»Ist das Deine wahre Gestalt?« Frau Phantasie schüttelt das schöne Haupt ... »nun, sei es drum. Sieh',« sagt sie zum Sonntagskind gewandt, »den Mittler zwischen mir und den Menschen. Nenne ihn Amor, Puck, Geist, wie Du willst; kannst ihn auch Humor heißen, das hört er am liebsten. Geh' mit ihm – die Welt soll er Dir zeigen, wie sie uns Göttern erscheint. An seiner Hand wird es Dich weniger schmerzen.«
Sie gleitet dahin wie der Mondesstrahl, die hehre Königin, und ihr nach durch Busch und Zweig, über Blumen und Moos huscht das lose Volk, Leuchtkäfern gleich, die in Abendluft baden, und in der Ferne tönt neckisch Gelache. –