| »Weil' nicht am Wege, |
| Er ist noch weit; |
| Noch ist die neue, die selige Zeit, |
| Noch ist sie nimmer geboren.« |
Als der Geselle nun weiter ging, kam er an einen hohen, hohen Berg, darauf wimmelte es von Menschen. »Ist hier das Ende der Welt?« fragte er. »Was?« riefen sie ihm von der Spitze des Berges zu, »das Ende der Welt? Bewahre! Hier fängt die Welt erst an!« – Als nun der Geselle oben angekommen war, sah er, daß all' die Menschen ihr eigenes Ich genommen und es vor sich hingestellt hatten; und nun drehten sich die Körper um das Ich in der Runde und sangen feierliche Weisen und beteten es an. »Siehst du,« riefen sie ihm zu, »das ist es, was du suchst. Wir sind die Welt, wir sind das All, wir, unser eigenstes Ich. Wir wissen alles, wir können alles, wir lieben uns, wir beten uns an.« – Voll Verwunderung stand der Geselle und sah dem seltsamen Treiben zu. »Aber wie könnt ihr denn leben, wenn ihr euer eigenes Ich aus euch herausgenommen habt?« – »Wir zehren von seinem Anblick, er ist uns Nahrung, Luft und Licht. Wenn wir unser Ich ansehen, werden wir so von seiner Größe und Erhabenheit durchdrungen, daß wir unsere körperlichen Beine aufheben und tanzen müssen, und dann schreien wir von diesem hohen Berge das Heil des Ichs in die Welt unter uns hinaus, damit auch sie daran glaube und selig werde.«
Da faßte den Gesellen, als er ihre seelenlosen Köpfe und verdrehten Glieder sah, ein ungeheurer Ekel. Er nahm seine starken Fäuste und schleuderte einen der tanzenden Körper nach dem andern in die Tiefe, und wenn sie gegen die Felsblöcke, die am Fuße des Berges lagen, anprallten, dann platzten sie mit einem Knall, wie ein aufgeblasener Pilz im Walde, auf den du unversehens trittst. »Jetzt spiele ich Kegel mit den Püstern!« sagte der Geselle. – Dann nahm er alle die angebeteten Ichs, die entseelt zu Boden gesunken waren, schichtete sie aufeinander, wie einen Holzstoß, und zündete sie an, daß die rote Lohe weithin in die Welt schien. Aus den Flammen aber flog wieder ein schöner, weißer Vogel – denn aus allem, was zu Grunde geht, wächst doch noch ein Schönes – und er gesellte sich zu den andern, und sie umkreisten ihn. Aber sie sangen nicht mehr, ihr Flügelschlag wurde immer lautloser. Und doch war es dem Gesellen, als trieben diese weichen Flügel ihn weiter, hin über trotzige Felsblöcke, an denen sich seine Füße blutig stießen, über weite gefrorene Seen, über denen er hinglitt wie über einen Spiegel. Er wußte nicht mehr, ob er schon lange gewandert sei oder eben erst die schlanke, kühle Hand seiner Mutter, der Frau Sehnsucht, auf seiner Stirn gefühlt hatte. Er wußte nur noch, daß er weiter, immer weiter getrieben wurde. Endlich sank er erschöpft zu Boden. Als er die Augen öffnete, lag er auf einer weiten Ebene. Schöne Tiere traten an ihn heran und betrachteten ihn mit stillen, klaren Augen; aber sie waren stumm. Vögel schwebten über ihn hin; aber sie sangen nicht. Blumen blühten an glänzenden Bächen, aber das Wasser murmelte nicht; der Wind, der durch die Zweige strich, rauschte nicht – es war tiefe, tiefe Stille. Lautlos flogen die drei weißen Vögel vor dem Gesellen her. – In der Ferne, am Ende der Ebene, schwebte eine weiße Wolke. Als der Geselle näher kam, sah er, daß es tausend und aber tausend von ebensolchen großen, weißen Vögeln waren, wie die, die ihn begleitet hatten, und er dachte daran, wie viele Menschen wohl gleich ihm denselben Weg gemacht hatten, wie viel erst zertrümmert werden mußte, damit diese Wolke sich hatte bilden können. Die weißen Vögel umkreisten leise, leise einen starken, grünen Baum, dessen viele Zweige gingen auf und nieder zwischen Erd' und Himmel. Der Baum blühte nicht und trug keine Früchte, er hatte nur unzählige grüne, kraftstrotzende Blätter. Die drei weißen Vögel aber, die den Gesellen begleitet hatten, mischten sich unter die andern, die in den Zweigen des Baumes nisteten, so daß er sie nicht mehr unterscheiden konnte. Und wie er so in der weißen Wolke stand, und der weiche Flügelschlag der schönen Vögel seine Stirn fächelte, da war es ihm, als höre er die Worte:
| »Weil' nicht am Wege, |
| Nicht ist er mehr weit. |
| Wir kreisen und hüten die kommende Zeit, |
| Wir weben ihr reines, ihr glänzendes Kleid – |
| Im Baum schläft sie sicher geborgen.« |
Da streckte der Geselle die Hand aus und brach eines der saftgrünen Blätter. Es fiel ein Tropfen, rot wie Blut, in seine Hand. Da zog sein ganzes Leben an ihm vorüber: er sah sich, wie er immer dem Sonntag nachgejagt war, alles andere darüber vergessend; er sah, wie er nicht die Welt und sie nicht ihn verstanden hatte, denn er war ja eine Viertelstunde zu früh geboren. Wie er auf das Blatt in seiner Hand hinschaute, lange, lange, da bleichte sein Haar, seine Stirn begann sich zu runzeln, sein starker Körper bog sich zur Erde. Aus dem Manne ward ein Greis, und nun wußte er, wann er den Sonntag einholen würde. – Er sah auf und sah die weißen Vögel, die mit ihren stillen, großen Flügeln einen starken Wind erhoben; der wehte ihn fort, weit fort, den Weg zurück, den er gekommen war. Auf dem Berge glühte noch das Feuer, über der Stadt lag der Dunst, das zerfallene Königreich bröckelte am Wege – er schaute nicht um danach. Er ging durch den dunklen Wald, darin die Bäume regungslos standen. Er ging und ging, bis er in das Stübchen kam, in dem Frau Sehnsucht die schönen, traurigen Augen für immer geschlossen hatte. Da setzte sich der greise Geselle ans Fenster und schaute in den Garten hinein.
Auf dem Apfelbaum saß die braune Drossel und erzählte den Spatzen: »Es ist Sonntag heute. Der Sonntag sitzt mitten im Frühling und hat eine Blütenkrone auf dem lachenden Haupte, und die Blumen bringen ihm ihre Düfte, und die Winde tragen den Duft hin über die Stirnen der Kinder, die heute geboren werden.«
Da nickte der Greis am Fenster und lächelte. Er schloß die Augen, und seine Seele zog vor des Sonntags Thron, damit sie als Duft auf die Stirn eines neugeborenen Sonntagkindes gelegt werde. – Im Tode war der Geselle ein Sonntagskind geworden.
»Es ist Sonntag!« sang die Drossel. »Das ist etwas ganz Alltägliches,« piepsten die Spatzen, »das passiert jede Woche einmal.«
Rauch.
Es war einmal ein kleiner Schmiedegeselle, der war es müde, immer am Amboß zu stehen und Gedanken zu hämmern. Er hätte gar zu gern gesehen, wie sich die Gedanken ausnahmen, noch ehe sie zum Schmiedematerial zusammengegossen waren. Eines Tages hatte er mit heller Lust ein paar kräftige Gedanken, die im Feuer glührot und geschmeidig geworden waren, zu ein paar starken Hufeisen zusammengeschweißt; die Funken sprühten, wenn man damit auf einen Stein schlug. Da klopfte ihm der große Meister auf die Schulter und sagte: