Dann waren sie oben. Das war ein großes, flaches Dach mit Kieselsteinchen bedeckt, als ob sie drauf geregnet wären. Allerlei Verzierungen sprangen an den Ecken auf und auf zwei kleinen Säulchen saßen vergoldete Zierate, die sahen aus wie Champagnerpfropfen.

»I, da schlag' doch der Teufel den Herrgott tot!« rief der Mann mit einem vergnügten Grinsen, »da hab' ich doch gedacht, ich könnte dem kleinen Wurm das ganze Riesentreibhaus auf einmal zeigen, und nebendran das große Wasser, in dem man eigentlich die nichtsnutzige Brut gleich wieder ersäufen sollte, nachdem man sie hervorgebracht hat – und da – nichts, aber auch rein gar nichts, als das wüste Gebrodel, das mein Vetter, der große Nebel, so erstaunlich schön herauszukriegen versteht. Er ist ein ganz gelungener Kerl, sage ich dir, und dabei ein Phantast, trotz seiner Schwere. Und unbeständig ist er, nirgends zu fassen. Der geht in einer Minute alle Ideen der Welt durch, um schließlich mit seinem grauen Einerlei platt über die ganze Erde hinzufallen, daß man drunter ersticken sollte. Uff! wie schwer er schon wieder herunterhängt. – Und siehst du, mit einemmal reißt er sein langes Hemd in Fetzen entzwei und tanzt herum wie ein toller Bacchant. Zum Verzweifeln für einen feierlichen Kerl!«

Dabei nahm er einen gespreizten Ton an, schob die linke Hand zwischen die Brustknöpfe seines Rockes und hob das Haupt mit einem idealischen Schwung. Als das Gesellchen ihn entsetzt ansah, schnitt er plötzlich allerlei Grimassen, liebkoste ein paar kleine, niedliche Bockshörnchen, die zwischen dem Kraushaar über der Stirn hervorwuchsen, und spitzte seine Faunsohren nach dem Wind. Nachdem er den kleinen Schmiedegesellen genügend verwirrt hatte, fing er an, ihm ernsthaft allerlei Erklärungen zu geben.

»Sieh',« sagte er, »das ist der große Hexenkessel, Höllengebrodel, da werden alle die Gedanken ausgekocht von dem Menschenpack, das tief unten mit Beinen, Händen, Köpfen oder Magen schuftet; und die nehmen dann Gestalt an, und paß einmal auf, da aus den Tausenden von Schlöten fahren sie hinaus in den Nebel, der verschlingt sie, wird groß und stark daran, wächst und wächst bis einmal die Welt ein großer Gedanken-Nebel geworden ist. Dann kommt die Zeit für uns Faune, uns Satanskerle, Teufelsstricke, und wir ziehen gegen den Nebel zu Felde, gegen meinen großen Vetter – da kämpfen wir, das ewige, blühende, lachende Leben gegen die blassen, umnebelten und vernebelten Gedanken. – Sieh', da fliegen sie –«

Der kleine Schmiedegeselle hatte derweilen stumm in das graue Meer geschaut, drin es wogte und zerrte, drin die Schornsteine und Schlöte der vielen, vielen Häuser hineinragten und schwere Dampfwolken entsendeten, schwarze, dicke, schmierige, lichte, flinke, weiße oder rötlich scheinende, von den Flammen tief drunten, die zuweilen bis zum Kamin herausschlugen. Es sah aus, als ob die himmelhohen Häuser der Riesenstadt eigentlich ganz klein hoch in der Luft ständen, nur mit den großen Schlöten daran; als ob da unten auf der Straße eine ganz andere Welt sei, und nur ganz fern, fern, wie das Bienengesummse an einem Sommermittag am Kornfeld, drang das Getrappel, Gerolle, Getose herauf zu dem Dach, wo die Wolken mit ihren schweren Fittichen des kleinen Gesellen Haupt streiften. Der stand und schaute. Der wunderliche Mann saß neben ihm, deckte ein Bein mit dem andern und deutete mit dem langen, ausgestreckten Zeigefinger bald auf diesen, bald auf jenen Schornstein, und er grinste spöttisch dazu, oder lachte ingrimmig, oder seine Augen leuchteten, wie in stiller Wonne. So jetzt eben wieder.

Da stieg aus einem schlanken Rauchfang ein silberweißes Rauchsäulchen auf, kräuselte sich lustig, ehe es im Nebel zerging, und auf dem schaumigen Gezausel tanzten putzige kleine Kerle mit runden Bäuchlein und weinroten Gesichtern, sie hatten Weinreben sich umwunden und lallten allerlei tolles Zeug und schrieen dem lächelnden Manne, Faun, Mephisto, was immer er sich nannte, ein jauchzendes Evoë Bacche!

Und sobald die einen im Nebel vergangen waren, wurden neue aus den Ringeln der Rauchsäule geboren, schöne und drollige, große und kleine, Männlein und Fräulein, und ob auch aus den Augen eines Alten ein ernstes Denken sprach, ob die weichen Glieder einer jungen Bacchantin im Wirbel sich drehten – gleichsam aus ihnen heraus über die ganze Erde hin leuchtete, strahlte eine selige, mutige, weinduftende Begeisterung.

Jetzt lachte der Geselle laut auf. Da hatten ein paar trunkene kleine Satyrn die Nebelfetzen zusammengeballt wie Schneebälle, schnitten wütende Gesichter nach einem andern Schlot hin, streckten denen, die da oben aufstiegen, die Zunge heraus, und begannen sie zu bombardieren. Es war ein weiter Kamin, nicht sehr hoch, der Rauch, der da herauskam, hatte eine eklige, semmelblonde Farbe, die Gedanken, die drauf ritten, auch, und sie waren feist und schwammig. Sie versuchten, recht forsch und protzig aufzutreten, aber sie krümmten sich dabei, als wenn sie Bauchgrimmen hätten, und sie streckten flehentlich die Arme aus, so gut es eben ging, nach einem andern Schornstein und stöhnten:

»Gebt uns was ab! Gebt uns was ab!«

Das war ein mächtiger, weiter Schlot, und der Rauch und Qualm, der ihm entquoll, schwarz, finster, beklemmend. Bleiche Gestalten stiegen drauf zur Höhe, hohlwangig wie eine durchwachte Nacht, finster wie eine Gewitterwolke. Immer mehr, Millionen von ihnen tauchten auf aus dem Dunkel, nicht aus einem, nein, aus hundert Schlöten, ganze Heere von Elendsgestalten, ganze Heere von drohenden Fäusten, von rachedurstenden Augen, von verzweifelten Gesichtern.