Um ein Bild vom Wesen der Gesellschaft des vorgeschrittenen Kapitalismus zu geben, was natürlich nur in großen Umrissen geschehen kann, muß ich die Materialien unserer deutschen Statistik entnehmen. Ich könnte sie freilich auch aus verschiedenen anderen Ländern haben, Marx nahm sie aus England, das ja seinerzeit das vorgeschrittenste Land der kapitalistischen Produktion und Wirtschaft war. Inzwischen ist aber Deutschland England sehr nahegekommen und hat vor dem Kriege eine sehr entwickelte Berufs- und Gewerbestatistik gehabt. Auch bietet es der Untersuchung gewissermaßen ein reineres Bild dar, weil die englische Volkswirtschaft durch das ungeheure Kolonialreich stark beeinflußt war, während Deutschlands Kolonialbesitz in den Jahren, um die es sich hier handelt, erst in seinen Anfängen war und auf die Gestaltung seiner Volkswirtschaft einen sehr geringen Einfluß geübt hat. Aber wenn wir von kapitalistischer Wirtschaft sprechen, dann müssen wir uns – was leider heute nicht so geschieht, wie es sein sollte – darüber klar werden, daß in dem Begriff „Kapitalismus“, sehr verschiedenartige Inhalte eingeschlossen sind, daß das Wort „Kapitalismus“, das heute so leicht hingeworfen wird, als ob es eine ganz einfache Sache ausdrücke, die eines Tages beseitigt werden könne, sehr viele Dinge zusammenfaßt. Um die Hauptsache zu erwähnen, so bezeichnet der Begriff kapitalistisch zunächst die Tatsache einer bestimmten Höhe der Produktion, die Zusammenfassung der Arbeit in großen Betrieben, die Anwendung von Maschinerien usw., die nur durch große Kapitalaufwendung möglich ist. So ist einmal der Begriff kapitalistisch Ausdruck für eine bestimmte Produktionsform. Der Kapitalismus ist aber noch etwas anderes; er ist auch ein Verteilungssystem, ein Verteilungssystem eben der Ergebnisse der Produktion unter der Herrschaft des Kapitals, das ein ganz anderes Verteilungssystem ist, als wir es auf früheren Stufen der Produktion, im Feudalismus, im Handwerk usw. vorfinden. Der Begriff umfaßt aber nicht nur ein Verteilungssystem und eine bestimmte Produktionsform, sondern drittens auch ein bestimmtes Wirtschaftsrecht. Das Rechtsverhältnis von Unternehmer und Arbeiter ist unter dem Kapital ein ganz anderes, als früher im Feudalismus und im Handwerk.
Man vergißt selbst in sozialistischen Kreisen häufig diese zusammengesetzte Natur des Kapitalismus. Wohin das führt, dafür möchte ich aus neuester Zeit ein Beispiel anführen. In diesen Tagen hat irgendwo in einem angesehenen Blatte ein Artikel gestanden, worin der Verfasser sagte: „Es ist die Tragik der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, daß sie, die grundsätzlich den Kapitalismus bekämpft und ihn beseitigen wollte, durch ihre Stellung in der Regierung genötigt ist, die kapitalistische Produktion erst wieder herzustellen.“ Ich bin nun in einer großen Versammlung gefragt worden, was ich zu dieser Tragik zu sagen habe. Ich bin nicht dazu gekommen, dort diese Frage zu beantworten, weil die Versammlung infolge von lärmenden Störungen abgebrochen werden mußte. Hätte ich die Zeit zur Antwort gehabt, so hätte ich gesagt, und privatim habe ich das auch nachher dem Fragesteller geantwortet: Ich sehe in der angegebenen Tatsache gar keine Tragik, sondern höchstens in der geistigen Vorbildung des Artikelschreibers. Gewiß ist es unleugbar die Aufgabe der Regierung, welche es auch sei, in modernen Ländern, vor allem in Deutschland in seiner eigenartigen Weltlage, wo es gezwungen ist zu bestimmten gewaltigen Leistungen, sofern man nicht gleich mit einem Schlage, wie es in Rußland versucht wurde, aber nicht geglückt ist, die Gesellschaft vollständig zu ändern und alle Lasten abzuwerfen – gewiß ist es Aufgabe der jetzigen Regierung in Deutschland, ob sie konservativ, liberal, demokratisch oder sozialdemokratisch sei, zunächst einmal die Wirtschaft wieder in Gang und Ordnung zu bringen und dadurch allerdings auch die kapitalistische Produktion zu erhalten oder ihre Lebensbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten zu sichern. Aber damit ist nicht gesagt, daß diese nun in allen Punkten bleiben muß, was sie vorher war. Man kann die Form der Produktion erhalten, aber das Rechtsverhältnis ändern. Ebenso kann man auch den Modus der Verteilung ändern. Zum Teil ist das erstere in Deutschland auch geschehen. Eine große Änderung ist eingetreten durch das Gesetz über die Betriebsräte, das zwar erst in seinen Anfängen steht, aber außerordentlich bedeutungsvoll und von großer Tragweite ist und mindestens grundsätzlich eine große Wandlung im Rechtsverhältnis von Unternehmer und Arbeiter einleitet. Es kann also die Betriebs- oder Wirtschaftsform erhalten bleiben und doch kann in ihrer Verfassung und Leitung eine große, sogar eine revolutionäre Änderung vor sich gehen. Im Kapitalismus haben wir aber als bleibende Tendenz die Vergrößerung der Betriebe. Nach der Marxschen Theorie führt die Entwicklung mit Notwendigkeit, unter dem Druck der freien Konkurrenz, zu immer größerer Konzentration der Unternehmungen, zur Akkumulation der Vermögen in Privathänden, bei Proletarisierung der großen Mehrheit der Bevölkerung, und damit zu einer ganz anderen Klassenschichtung und Verschärfung der Klassenkämpfe. Das haben wir zunächst zu betrachten.
Nach der Gründung des Deutschen Reiches, nachdem mit der Sonderhoheit der Einzelstaaten alle Hemmnisse des inneren Marktes gefallen waren und Deutschland zu einer Handelspolitik überging, die nach kurzer Zwischenzeit das System der Meistbegünstigungsverträge festlegte, mit Hilfe dessen Deutschlands äußerer Markt sich immer mehr erweiterte, hat Deutschlands Industrie in verhältnismäßig kurzer Zeit einen ganz gewaltigen Aufschwung genommen, so daß wir in einzelnen Teilen Deutschlands Entwicklungen gehabt haben, die an amerikanische Verhältnisse erinnern. Ich brauche nur das große rheinisch-westfälische Industriegebiet zu nennen, das in der Tat einen Vergleich mit den großen amerikanischen Industriezentren aufnehmen kann. Das Deutsche Reich hat bis zum Kriege dreimal allgemeine Berufs- und Gewerbezählungen gehabt. Zwischen der ersten und der letzten davon liegen 25 Jahre. Die erste Zählung fand statt im Jahre 1882, die zweite 1895 und die dritte 1907. Die Zählung von 1907 gibt uns also die letzten Vergleichszahlen. Was nun die Entwicklung der Betriebe in Industrie und Bergbau anbetrifft, so hat die deutsche Gewerbezählung die Betriebe eingeteilt in Klein-, Mittel- und Großbetriebe. Bis kurz vor dem Kriege wurden als Kleinbetriebe gerechnet solche von 1 bis 5 Personen, als Mittelbetriebe solche von 6 bis 50 Personen und alles darüber galt in der Statistik und Wissenschaft als Großbetrieb. In der Arbeiterschaft herrschte allerdings eine ganz andere Auffassung. Die Berliner Metallarbeiter haben im Jahre 1902 eine Zählung ihrer Berufsangehörigen vorgenommen, und da rechneten sie zu den Kleinbetrieben noch alles, was unter 500 Arbeiter hatte, zu den Mittelbetrieben rechneten sie solche von 500 bis 2000 Arbeitern und erst darüber hinaus fing nach ihrer Auffassung der Großbetrieb an. Das ist für ihre soziale Einschätzungsweise überaus charakteristisch. Ich habe einmal in einer Versammlung der Dreher, nachdem ich dort einen Vortrag gehalten hatte, noch eine gute Weile zugehört, wie sie ihre eigenen Angelegenheiten behandelten, was immer sehr lehrreich ist. Da gab der Vorsitzende Bericht über die Untersuchung der Zustände in einem Unternehmen und bemerkte dabei im Ton ziemlicher Geringschätzung: „Ihr könnt Euch denken, was das für eine Krämerbude war, es waren da nur etwa 1000 Arbeiter beschäftigt!“ Ein Unternehmer, der gegen tausend Arbeiter beschäftigt, ist meist schon ein Millionär; aber in der Auffassung der Metallarbeiter Berlins war sein Unternehmen im Grunde nur ein Kleinbetrieb.
Halten wir uns indes hier an die Angaben der Reichsstatistik. Sie zeigt in der ersten Periode von 1882 bis 1895, die 13 Jahre umfaßte, einen geringeren Aufstieg als in der nur 12 Jahre umfassenden Periode von 1895 bis 1907. Das ist begreiflich und beleuchtet die ganze Tendenz der Entwicklung. Um aber nicht durch zu viele Zahlen zu ermüden, lasse ich hier nur die runden Anfangs- und Endzahlen der ganzen Periode folgen. Danach entwickelten sich in diesen fünfundzwanzig Jahren in Industrie und Bergbau die Kleinbetriebe (1–5 Personen) der Zahl nach von 2 175 000 im Jahre 1882 auf 1 870 000 im Jahre 1907, die Mittelbetriebe der Zahl nach von 85 000 im Jahre 1882 auf 157 000 im Jahre 1907 und die Großbetriebe von 9000 im Jahre 1882 auf 29 000 im Jahre 1907. Nehmen wir nicht die Zahlen der Betriebe, sondern die der in den Betrieben beschäftigten Personen, dann waren in den Kleinbetrieben beschäftigt 1882 rund 3 270 000 und 1907 3 202 000, in den Mittelbetrieben 1882 1 109 000, 1907 2 715 000, in den Großbetrieben 1882 1 554 000 und 1907 4 940 000 Personen. Hier sieht man, wie der größere Betrieb in der Industrie gegenüber den kleineren einen immer größeren Raum einnimmt. Die Kleinbetriebe nehmen ab, aber verhältnismäßig wenig. Die Mittelbetriebe nehmen aber noch ganz bedeutend zu. Sie sind gestiegen von 85 000 auf 187 000 und nach der Zahl der beschäftigten Personen von 1 109 000 auf 2 715 000.
Wenn unzweifelhaft eine bedeutungsvolle Konzentration der Betriebe stattgefunden hat, so ist das doch nicht in dem Maße geschehen, wie man es annahm und wie es im Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie stand, daß nämlich die Mittelbetriebe verschwinden. Sie verschwinden eben auch in der Industrie nicht. Allerdings darf man nicht vergessen, daß Betrieb nicht dasselbe ist wie die Unternehmung. Eine Unternehmung umfaßt oft verschiedene Betriebe, die großen Unternehmen ganze Reihen von Betrieben, während die Statistik die Betriebe einzeln aufzählt. Hätten wir eine Statistik der Unternehmungen, dann würden wir eine wesentlich stärkere Konzentration festzustellen haben, als sie in den obigen Zahlen erscheint. In bezug auf die Industrie war ganz unleugbar die Theorie insofern richtig, daß eine zunehmende Konzentration der Unternehmungen stattfindet. Aber sie fand nicht in der Weise statt, daß die mittleren Betriebe und Unternehmungen verschwanden. Nur die ganz kleinen, die Zwergbetriebe, haben etwas abgenommen, im übrigen aber hat durchgängig ein Aufstieg stattgefunden von den kleineren in die mittleren und von den mittleren in die größeren Betriebe. Wir würden das noch deutlicher sehen, wenn wir die Unterabteilungen der drei hier verglichenen großen Gruppen heranzögen. Keine einzige dieser Abteilungen war aus der Reihe verschwunden. Es hatte lediglich eine Verschiebung nach oben sich vollzogen. Bestimmte Neubildungen haben sich jedoch gewissermaßen neben der allgemeinen Entwicklung ausgestaltet, indem nämlich ganz neue Industrien entstanden sind, die von vornherein als Riesenunternehmungen ins Leben traten. Man denke da an die großen modernen Lokomotivfabriken und Werften für Dampferbauten, an die Entwicklung der großen Elektrizitätswerke usw., wo ganze Industriezweige gleich als Riesenbetriebe ins Leben traten und nicht erst die Entwicklung vom Kleinbetrieb über den Mittelbetrieb zum Großbetrieb durchzumachen hatten.
Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Handel und Verkehr. Da haben wir sogar eine noch stärkere Vermehrung. Die Kleinbetriebe nahmen im Handel bedeutend zu. Der Handel ist ja oft die Zuflucht für viele aus der Industrie Verdrängte, die Etablierung des Kleinkrämers ist viel leichter als die des kleinen Fabrikanten. Im Handel und Verkehr war die Entwicklung von 1882 bis 1907 eine solche, daß sich vermehrten: die Kleinbetriebe von 676 000 auf 1 204 000, die Mittelbetriebe von 26 000 auf 76 000, die Großbetriebe von 463 auf 2800. Im Handel waren die Großbetriebe, d. h. die Betriebe mit über 50 Personen, nicht so zahlreich wie in der Industrie. Wir haben zwar eine sehr bedeutende Zunahme der modernen Kaufhäuser, doch ist deren Zahl im ganzen nicht so übermäßig groß. Auch steckt im Handel hinter einer verhältnismäßig geringen Zahl von Angestellten oft schon ein sehr erheblicher Kapitalaufwand. Nach der Zahl der Beschäftigten berechnet, war hier die Entwicklung von 1882 bis 1907 bei den Kleinbetrieben von rund einer Million auf zwei Millionen, bei den Mittelbetrieben von 270 000 auf 878 000, bei den Großbetrieben von 54 000 auf 395 000. Hier tritt die Bedeutung der Zunahme der Großbetriebe stärker hervor. Aber während in Industrie und Bergbau die 5 Millionen Beschäftigten der großen Betriebe ebensoviel ausmachen wie die Beschäftigten der Mittel- und Kleinbetriebe zusammen genommen, ist das Verhältnis im Handel doch ein anderes, hier bilden sie erst den sechsten Teil.
Eine Erklärung für die große Vermehrung der Betriebe darf man allerdings nicht vergessen: das ist die ungeheure Steigerung der Produktion selber, die gewaltige Zunahme der Masse der Produkte. Sie erklärt es auch, warum sich neben den großen Unternehmungen im Handel so viele der kleinen halten können. Die moderne kapitalistische Produktionsweise erhöht ungemein die Produktivität der Arbeit. Der Warenmarkt wächst, und deshalb finden die kleinen Unternehmungen neben den großen immer noch einen Rahmen, dem sie sich anpassen können.
Ein ganz anderes Bild, als lange Zeit angenommen, zeigt die Entwicklung der Betriebe in der Landwirtschaft. Sie hat der ursprünglichen Auffassung eine große Enttäuschung bereitet, sie geradezu widerlegt. Weil in England in der Landwirtschaft der Großbesitz überwog, hatte man lange Zeit gefolgert, daß dies im Wesen der modernen Wirtschaft liege, und daß, wie in der Industrie, so auch in der Landwirtschaft die kleinen Unternehmungen immer mehr verdrängt würden von den Großunternehmungen. Das ist aber nicht eingetreten, sondern das Gegenteil ist geschehen. In der Landwirtschaft haben in den 25 Jahren die Großbetriebe an Zahl abgenommen, vermehrt haben sich nur die eigentlich bäuerlichen Betriebe und die ganz kleinen Zwergbetriebe. Die kleinen Landparzellen, die wahrscheinlich mit den Laubengärten zusammengerechnet werden, sind von 2 Millionen auf über 3 Millionen gestiegen. Bei Betrieben von 2 bis 5 Hektar beläuft sich die Steigerung in runden Zahlen von 980 000 auf 1 006 000. In diese Betriebe sind auch die Qualitätslandwirtschaftsbetriebe, die mehr gartenmäßig bewirtschafteten Betriebe eingeschlossen. Die mittleren Betriebe von 6 bis 20 Hektar sind gestiegen von 926 000 auf 1 065 000, und dann beginnt gerade bei den Großbetrieben von 20 bis 100 Hektar ein Abstieg. Ihre Zahl fällt von 282 000 auf 262 000 und die der Betriebe von über 100 Hektar von 25 000 auf 23 000. Hier zeigt sich also ein ganz anderes Bild der Entwicklung als angenommen. Die bäuerlichen Betriebe halten sich. Es ist das teilweise eine Folge von Eingriffen der Gesetzgebung. Sie hat allerhand Gesetze geschaffen, die dahin gewirkt haben, den bäuerlichen Betrieb konkurrenzfähig zu erhalten. Eine weitere Erklärung liefert die starke Entwicklung des Genossenschaftswesens in der Landwirtschaft sowie der Umstand, daß die landwirtschaftliche Produktion zum Unterschied von der Industrieproduktion wesentlich organische, von Naturvorgängen abhängige Produktion ist. Sie ist daher für die Hebung der Produktivität nicht so auf die Konzentration angewiesen wie die industrielle Produktion. Bemerkenswert ist nun, daß bei alledem, bei dieser Zunahme der Betriebe in der Landwirtschaft selber, die Zahl der in ihr Beschäftigten in den 25 Jahren erheblich zurückgegangen ist. In Deutschland hat die Bevölkerung in dieser Zeit zugenommen um rund 36 Proz. Dagegen ist die Zahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft samt Angehörigen zurückgegangen von über 19 Millionen auf nicht ganz 17 700 000, so daß man beinahe sagen könnte, der ganze Zuwachs der Bevölkerung in dieser Zeit, der ungefähr 25 Millionen Menschen umfaßte, ist über die Landwirtschaft hinweggerauscht zur Industrie und hat, statt der Landwirtschaft etwas abzugeben, sogar noch 8 Proz. von ihr hinweggenommen. Statistisch betrachtet gilt das. In einzelnen Fällen mag es natürlich anders gewesen sein, im Gesamtbild hat aber die landwirtschaftliche Bevölkerung abgenommen und trotzdem hat die landwirtschaftliche Produktion zugenommen. Vor dem Krieg ging also Deutschlands Entwicklung immer stärker zum Industriestaat.
Nicht weniger wichtig als die Betriebsentwicklung sind die Veränderungen in der Stellung der Personen im Gewerbe. In der Industrie sind die Selbständigen weniger geworden, dagegen hat sich die Zahl der technischen und kaufmännischen Angestellten ganz bedeutend gehoben. Auch die Zahl der Arbeiter ist gewaltig gestiegen; ihre Vermehrung läßt in absoluter Zahl die aller anderen Berufsschichten hinter sich, im Verhältnis aber war doch die Zunahme der kaufmännischen und technischen Angestellten die größere. Ihre Zahl ist gestiegen in der Industrie von 99 000 im Jahre 1882 auf 686 000 im Jahre 1907, die Zahl der Arbeiter in der gleichen Zeit von 4 Millionen auf 8 600 000, während die Zahl der Selbständigen zurückgegangen ist von 1 861 000 auf 1 729 000. Die Angestellten sind also um 592 Proz., die Arbeiter um 110 Proz. mehr geworden. Im Handel und Gewerbe sehen wir ein ähnliches Bild. Dort haben jedoch auch die Selbständigen zugenommen, weil es ja leichter ist, sich im Kleinhandel zu etablieren als in der Industrie; ihre Zahl wuchs von 505 000 auf 843 000. Die im Handel Angestellten vermehrten sich aber von 141 000 auf 505 000 und die Arbeiter in Handel und Verkehr von 727 000 auf 1 959 000. Die Selbständigen haben danach zugenommen um 60 Proz., die Arbeiter um 169 Proz., die Angestellten aber um 257 Proz. In der Landwirtschaft finden wir auch in dieser Hinsicht wieder ein abweichendes Bild. Die Zahlen sind aber zum Vergleich weniger geeignet, weil 1907 eine andere Zählungsart beobachtet wurde als bei den beiden vorhergegangenen Zählungen. Es sind da nämlich die Personen, die dem Haushalt angehören und mitarbeiten, während sie in der früheren Statistik der Familie des Unternehmers, d. h. des Bauern, zugezählt wurden, in der neueren Statistik als Arbeiter gezählt worden.
Die ungeheure Zunahme der technischen und kaufmännischen Angestellten in Industrie und Handel ist die lebendige Illustration einer in der Marxschen Theorie zuerst mit der größten Schärfe hervorgehobenen Tatsache. Vor Marx unterschied die Nationalökonomie nur zwischen dem fixen Kapital, wie man das in Gebäuden, Maschinen usw. angelegte Kapital nannte, und dem beweglichen, dem zirkulierenden Kapital. Marx führte eine andere Unterscheidung ein: er unterscheidet zwischen konstantem und variablem Kapital. Konstant nennt er alles Kapital, das, wie der Verschleiß von Anlagen und Maschinen, der Aufwand von Rohstoffen und Hilfsstoffen usw., mit eingerechnet wird in die sachlichen Kosten der Produktion und deshalb im Preise des Produkts unverändert wieder erscheint, während die Ausgabe für die menschliche Arbeit – von Arbeitern und Angestellten – in erhöhter Form in dem Wert der ganzen Produktion zurückkommt. Sie nennt er variables Kapital. Der einzelne kann durch falsche Spekulation verlieren; im allgemeinen aber gilt als Grundsatz, daß der Unternehmer bei seiner Kalkulation zunächst das wiederhaben will, was er ausgelegt hat an Maschinen, Miete, Rohstoffen u. dgl. Daß dieses konstante Kapital in der Industrie im Verhältnis viel stärker zugenommen hat als das variable (Lohn usw.) Kapital, wird nun illustriert durch die im Verhältnis stärkere Zunahme des kaufmännischen und technischen Personals.