„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.

Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.“

Dieser Satz ist sehr stark angegriffen worden, was großenteils der ziemlich roh simplizistischen Auslegung geschuldet ist, die er in sozialistischen Reihen gefunden hatte. Viele faßten ihn so auf, daß die ganze Geschichte aus einer Kette von erbitterten Klassenkämpfen bestehe. Solches sagt der Satz aber nicht. Es ist Marx und Engels, diesen guten Kennern der Geschichte, niemals eingefallen, eine so platte Behauptung aufzustellen. Was sie tatsächlich wollten, war, die Tatsache zur Anschauung zu bringen, daß durch die ganze Geschichte der Menschheit – Engels hat das später eingeschränkt: mit Ausnahme der Urgeschichte – sich Klassengegensätze ziehen, die sich stets früher oder später zu heftigen Klassenkämpfen zuspitzen. Marx hat denn auch 1859 im Vorwort zu seiner Schrift „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ dem Gedanken eine mehr wissenschaftliche Form gegeben. Er knüpft da an die Theorie Saint-Simons an, daß die Geschichte der Menschheit sich vollzieht in abwechselnden Perioden, eine sogenannte organische Periode, wo sich die Gegensätze einrenken und die Entwicklung sich verhältnismäßig regelrecht vollzieht ohne große Kämpfe, und dann eine eigentliche kritische Periode, wo es zu Revolutionen kommt, und legt in knappen Sätzen das Wesen dieser Periodizität dar. Solange Klassen in der Gesellschaft bestehen, bestehen auch Klassengegensätze, die wirtschaftliche Entwicklung erzeugt sie in immer neuen Formen und treibt sie auf die Spitze. Eine jeweilige Unterschicht drängt nach oben, und ist sie stark genug, um herrschende Klasse werden zu wollen und zu können, dann tritt die Periode sozialer Revolution ein, die auch wiederum nicht plump genommen werden darf als bloßer Straßenkampf. Der ganze Gesellschaftszustand ist vielmehr erschüttert, die sozialen Kämpfe der Klassen nehmen größere Intensität an, die herrschenden Schichten fühlen sich nicht mehr sicher, und schließlich findet so oder so eine soziale und politische Umwälzung statt. Die Tatsache läßt sich auch gar nicht bestreiten, dagegen ist gegen den obigen Satz des Kommunistischen Manifests der Vorwurf des Plagiats erhoben worden. Ein grusinischer Sozialist W. Tscherkesow zitiert dafür einen Spruch des Ökonomen Adolphe Blanqui, Bruder des Kommunisten und Revolutionärs Auguste Blanqui. Dieser Adolphe Blanqui hatte nämlich im Jahre 1825 geschrieben:

„Es hat immer nur zwei sich gegenüberstehende Parteien gegeben, die der Leute, die von ihrer Arbeit leben wollen und die der Leute, die von der Arbeit anderer leben wollen. Patrizier und Plebejer. Freie und Hörige, Sklaven und Freigelassene. Welf und Waibling, Rote und Weiße Rose. Kavaliere und Rundköpfe, alles sind nur veränderte Formen derselben Gattung.“

Dieser Satz sieht allerdings dem im Kommunistischen Manifest niedergelegten ungemein ähnlich, und die Behauptung, daß Marx ein Plagiat ausgeübt habe, konnte einen Schein von Berechtigung haben. Wenn man aber die zwei Aussprüche näher betrachtet, wird man doch auf einen gewaltigen Unterschied stoßen. Bei Blanqui werden ganz verschiedenartige Gegensätze durcheinander geworfen. Welfen und Waiblinge stehen sich ganz anders gegenüber als Proletarier und kapitalistische Unternehmer. Es sind zwei gleichgeartete Parteien, die gegeneinander kämpfen, weil jede Herrscherin sein will, die aber keinen sozialen Gegensatz vertreten. Dann Freie und Hörige. Das ist ein Unterschied, aber kein Klassengegensatz. Bei Marx heißt es: „Freie und Sklaven“. Die Hörigen sind schon nicht mehr Sklaven. Marx schreibt denn auch: „Baron und Leibeigener“, worin sich das feudale Verhältnis scharf ausprägt. Er und Engels beschränken sich auf Anreihung wirklich wesensgleicher Unterschiede. Im übrigen lagen solche Gegenüberstellungen so sehr im Geist der damaligen Epoche, daß es nicht schwer halten würde, Vorgänger auch von Blanqui zu finden. Marx hat niemals behauptet, seine Gedanken seien nie vorher von anderen ausgesprochen worden. Aber jedenfalls offenbart sich in der marxistischen Zusammenfassung gegenüber der Blanquischen ein bedeutender Fortschritt: eine viel stärkere Präzisierung des Wesens der wirtschaftlichen und sozialen Gegensätze.

Dennoch ist auch bei Marx-Engels an manchem Kritik zu üben, auch ihre Systematik ist nicht ganz fehlerfrei. Sie stellen schlechthin Zunftbürger und Gesellen gegenüber. Aber zwischen Zunftbürger und Gesellen findet tatsächlich jahrhundertelang kein Klassengegensatz statt. Nichts von dem, was man über angebliche Klassenkämpfe zwischen Zunftbürger und Gesellen im Mittelalter liest, hält näherer Prüfung stand. Über die Gesellenbewegungen des Mittelalters hat ein sehr wertvolles Buch Georg Schanz geschrieben: „Die Geschichte der deutschen Gesellenverbände“. Er teilt da 53 Urkunden mit, aber wenn man sie genau ansieht, so zeigt sich, daß nicht eine davon einen wirklichen Klassenkampf zwischen Gesellen und Zunftmeistern behandelt. Bruno Schönlank spricht in seinem Buche „Soziale Kämpfe vor drei Jahrhunderten“ beständig von Klassenkämpfen, aber er führt nicht einen einzigen wirklichen Klassenkampf zwischen Gesellen und Zunftbürgern vor. Einer der berühmteren Zunftkämpfe der Gesellen des Mittelalters war der Kampf der Kolmarer Bäckergesellen, der zehn Jahre dauerte, von 1495 bis 1505. Worum drehte sich aber dieser Kampf? Um die Stellung der Bäcker in der Kirchenprozession. Nun ist das damals keine so leicht zu nehmende Sache gewesen wie es heute erscheint. Vor der Reformation, in einer Zeit, wo die Kirche noch das ganze bürgerlich-soziale Leben erfüllte, wo die Prozessionen eine gesellschaftliche Bedeutung hatten und die soziale Rangstellung der einzelnen und Gruppen sich darin ausprägte, welche Stelle sie in der Prozession einnahmen, in dieser Zeit hatte ein solcher Streit eine ganz andere Bedeutung als heute. Aber ein Klassenkampf war er nicht, er war mehr ein Kampf von Gewerbe gegen andere Gewerbe. Ich habe ziemlich genau verfolgt, worum die Gesellen damals kämpften. Als ich mich mit der Geschichte eines bestimmten Gewerbes beschäftigte, habe ich eine ganze Reihe von Urkunden dieses und anderer Gewerbe durchstudiert, und niemals bin ich einem Kampf begegnet, der ein eigentlicher Klassenkampf war. Es hat sich oft um Streitigkeiten zwischen Meistern und Gesellen gehandelt. Streitigkeiten sind aber noch kein Klassenkampf. Oft waren die Streitigkeiten zwischen Gesellen und Meistern ähnlich den Streitigkeiten, wie wir sie heute etwa zwischen Studenten und Professoren haben. Die Studenten haben gegen die Senate manchmal Beschwerden und bringen sie in den Ausschüssen zur Geltung; aber man wird nicht behaupten wollen, daß solche Konflikte Klassenkämpfe seien.

Das führt uns zu der Frage: Was bedeutet überhaupt eine Klasse? Eine Klasse ist nicht zu verwechseln mit einem Stand. Lange hat solche Verwechslung stattgefunden, hat man das eine Wort für das andere gebraucht. Selbst ein so klarer Denker und in der Wahl seiner Ausdrücke gewöhnlich außerordentlich sorgfältiger Schriftsteller wie Ferdinand Lassalle gab seiner berühmten Schrift, die später den Namen „Das Arbeiterprogramm“ erhielt, den Titel: „Über den Zusammenhang der Idee der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Bedeutung des Arbeiterstandes“. Es ist eine wahrhaft klassische Schrift, die ich jedem zu lesen empfehle, der sich mit der Gedankenwelt des Sozialismus vertraut machen will, zumal Lassalle ein Meister des Stils war. Einige seiner populären Schriften sind so vorzüglich geschrieben, daß meiner Ansicht nach es ratsam sein würde, Stücke aus ihnen in die Schulbücher als Lehrgegenstand einzuführen, als Muster guter, klarer Darstellung, sowie auch als Gegenstücke gegen die schändliche Mißhandlung, die die deutsche Sprache heute in der Tagesjournalistik erfährt. Lassalle braucht also mit Bezug auf die Lohnarbeiter den Ausdruck Arbeiterstand. Aber schon damals konnte man nicht mehr von einem solchen Stande sprechen. Nach Ständen gruppiert war die Gesellschaft im Mittelalter und Spätmittelalter. Der Stand ist eine abgegrenzte Schicht mit besonderen Rechten, die gesetzlich geregelt sind. Die Aufnahme in den Stand ist begrenzt, er hat seine eigenen Rechte und Gesetze. Im allgemeinen herrscht im Stande lange eine starke Gleichheit der Lebenslage, erst nach und nach bilden sich in einzelnen von ihnen größere ökonomische Unterschiede, wie wir sie auch bei den Kasten in Indien finden, die ja nur eine Verschärfung der Standeseinteilung sind, oder vielmehr eine schärfere Vorstufe. In Indien kommt es vor, daß eine tieferstehende Kaste oft sehr reiche Mitglieder hat und höherstehende Kasten ärmere Mitglieder. Aber selbst die ärmsten Mitglieder der höheren Kaste fühlen sich entehrt, wenn sie mit einem noch so reichen Mitgliede einer unter ihnen stehenden Kaste an einem Tische speisen sollen. Das war natürlich bei uns im Mittelalter nicht im gleichen Maße der Fall, aber die Stände haben sich doch viel schärfer abgegrenzt als heute die Klassen, und jeder einzelne Beruf, jede Zunft bildete einen Stand. Er grenzte sich gegen andere ab und empfand keinerlei Solidarität mit anderen Ständen. Dieser Zunftgeist hat sich bis in den Anfang des vorigen Jahrhunderts fortgepflanzt. Selbst in meiner Jugendzeit noch war allgemein zwischen Schuhmacher- und Schlossergeselle etwa oder Tischlergesellen wenig Solidaritätsgefühl vorhanden. In der Hasenheide zu Berlin haben sie auf den Tanzböden Kämpfe miteinander geführt, die Tatsache, daß sie gemeinsam einer proletarischen Klasse angehörten, haben sie wenig beachtet. Sie kannten wohl den Unterschied von arm und reich, von Meister und Geselle, aber sie wären erstaunt gewesen, wenn man ihnen gesagt hätte, daß der Schuhmachergeselle das gleiche sei wie ein Schlossergeselle; sie empfanden oft eine stärkere Solidarität mit ihren Meistern als mit den Gesellen eines anderen Gewerbes. Ja, als die kapitalistische Produktion anfing sich durchsetzen, sind die Gesellen oft ihr gegenüber viel konservativer als die Meister. Die Verfolgung der nicht zünftigen Handwerker – im Schneiderberufe nannte man sie Bönhasen – und die Kämpfe gegen die eindringende Maschine sind von seiten der Gesellen zum großen Teile viel heftiger geführt worden als von den Meistern. Die Klasse ist etwas ganz anderes als der Stand. Die Klasse ist eine soziale Schicht, die allerdings auch gebildet wird durch Gleichartigkeit der Lebensverhältnisse, aber sie ist keine durch Gesetz oder Satzung und Berufszugehörigkeit abgegrenzte Schicht, sondern sie ist der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung unterworfen. Die Klassenbildung geht neben der Standesentwicklung und später auch innerhalb des Standes selber vor sich. Die Klasse sprengt je nachdem den Stand. Die Linien der Abgrenzung der Stände gehen vertikal, die der Unterscheidung der Klassen horizontal, d. h. nach der Höhe von Besitz und Einkommen. Es sei hierfür auf ein anderes Stück des Kommunistischen Manifestes verwiesen. Auf Seite 24 der neuesten deutschen Ausgabe heißt es dort:

„Die aus dem Untergang der feudalen Gesellschaft hervorgegangene moderne bürgerliche Gesellschaft hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung, neue Gestaltungen des Kampfes an die Stelle der alten gesetzt.“

Das ist natürlich richtig, das ist eingetreten. Die feudale Gesellschaft ging an einer ganzen Reihe von Umständen zugrunde, die teils auf die Entwicklung des Weltverkehrs, teils der inneren Wirtschaftsverhältnisse zurückzuführen sind und die zur Folge hatten ein starkes Anwachsen der Städte, deren größere Bedeutung und Macht und zugleich eine Steigerung des zunächst gegen die Feudalherren gerichteten fürstlichen Absolutismus. Es entsteht der absolute Staat, und die feudale Gesellschaft wird gesprengt, zum Teil unter Mitwirkung der staatlichen Gesetzgebung.

Das Kommunistische Manifest sagt in dem Absatz „Bourgeoisie und Proletarier“ weiterhin: