Marx sagt – das ist auch wieder wichtig – 1859 im Vorwort zu dem Buch „Zur Kritik der politischen Ökonomie“:
„Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.“
Im Vorwort zum ersten Band „Das Kapital“ liest man:
„Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist – und es ist der letzte Endzweck dieses Werkes, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen –, kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekreditieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern.“
So Marx. Nun nehme man die Schrift von N. Bucharin: „Das Programm der Kommunisten“ (Bolschewiki) zur Hand. Dort wird frischweg die sozialistische Revolution durch Diktatur der Arbeiterklasse in Rußland, diesem im ganzen noch wenig entwickelten Lande, als eine Sache der unmittelbaren Gegenwart mit der Bemerkung verkündet: „Diktatur der Arbeiterklasse bedeutet die Staatsmacht der Arbeiterklasse, die die Bourgeoisie und die Gutsbesitzer erwürgt“ und gleich darauf:
„Diese Macht der Arbeiter kann nur aus der sozialistischen Revolution der Arbeiterklasse erwachsen, die den bürgerlichen Staat und die bürgerliche Macht zerstört.“
Und das ist geschrieben in einem Lande, das bekanntlich einen bürgerlichen Staat überhaupt noch nicht gehabt hat! Des weiteren heißt es, die Diktatur müsse „eisern“ sein, ein Wort, das, wie in dieser Schrift, überhaupt unzählige Male in der Literatur des Bolschewismus wiederkehrt und in brutalstem Sinne gedeutet wird. Einige Seiten darauf liest man:
„Wir sehen nun, daß eine Verletzung jeglicher Freiheiten in Beziehung auf die Gegner der Revolution notwendig ist. Es kann in der Revolution keine Freiheiten für die Feinde des Volkes und der Revolution geben.“
Als Feinde der Revolution werden aber nicht nur alle bürgerlichen Parteien unterschiedslos hingestellt, sondern auch diejenigen Sozialisten (Menschewisten und Sozialrevolutionäre), die auf einem anderen Standpunkt stehen als die Bolschewisten. Es ist der extremste Terrorismus, den man sich denken kann. In der Schrift von Leo Trotzki „Die Sowjetmacht und der Internationale Imperialismus“ – ein Vortrag, den Trotzki vor ungeschulten russischen Arbeitern gehalten hat – liest man:
„In der Mitte aber würden die Politiker stehen, die sich bald nach links, bald nach rechts drehen. Das sind die Vertreter der Menschewiki und der rechtsstehenden Sozialrevolutionäre; sie würden sagen: „Die Macht muß zur Hälfte geteilt werden.““