Der Ausspruch wurde aber so aufgefaßt und gab Anlaß zu einem gewissen Lärm. Welche bestimmten Umstände dies bewirkt hatten, kann hier unerörtert bleiben. Soviel aber sei bemerkt, daß unter anderen Verhältnissen, als sie damals obwalteten, kaum jemand sich über ihn aufgehalten hätte. Denn in der Sache sagte er nichts wesentlich anderes, als was in den Sätzen ausgesprochen ist, die Marx im Jahre 1871 der von ihm verfaßten Ansprache des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation über den Bürgerkrieg in Frankreich einverleibte:

„Die Arbeiterklasse ... hat keine fix und fertigen Utopien durch Volksbeschluß einzuführen. Sie weiß, daß, um ihre eigene Befreiung und mit ihr jene höhere Lebensform hervorzuarbeiten, der die gegenwärtige Gesellschaft durch ihre eigene ökonomische Entwicklung unwiderstehlich entgegenstrebt, daß sie, die Arbeiterklasse, lange Kämpfe, eine ganze Reihe geschichtlicher Prozesse durchzumachen hat, durch welche die Menschen wie die Umstände gänzlich umgewandelt werden ... Sie hat nur die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoße der zusammenbrechenden Bourgeoisiegesellschaft entwickelt haben.“

Bei mir folgte dem zitierten Ausspruch der Zusatz: „Und unter Bewegung verstehe ich sowohl die allgemeine Bewegung der Gesellschaft, das heißt den sozialen Fortschritt, wie die politische und wirtschaftliche Agitation und Organisation zur Bewirkung dieses Fortschritts.“

Es wäre nun abgeschmackt, den Eindruck erwecken zu wollen, daß zwischen dem Sinn des Marxschen Ausspruchs und meiner Bemerkung überhaupt kein Unterschied von Bedeutung sei. Ein solcher ist unbestreitbar vorhanden. Er besteht darin, daß Marx die angezeigte neue Gesellschaft schneller kommen, den Zusammenbruch der alten rascher sich vollziehen sah, als ich, und in dieser Annahme eine andere Sprache führte. Aber der Gedanke, daß die Bewegung und die sich aus ihr ergebenden Kämpfe das entscheidende seien und auf sie alles ankomme, ist auch bei ihm das Leitmotiv.

Seit Marx die vorgenannte Schrift verfaßt hat, ist ein gutes halbes Jahrhundert verflossen, und es kann die Frage aufgeworfen werden, ob er nicht doch geglaubt hat, daß es mit dem völligen Zusammenbruch der alten Gesellschaft nicht so lange dauern werde. Manches spricht dafür, und jedenfalls ist die Frage um der richtigen Beurteilung verschiedener Marxscher Aussprüche willen, die jener Periode seines Lebens angehören, der Untersuchung wert. Für unsere Betrachtung aber genügt die Feststellung der Tatsache, daß der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus hier unverblümt erklärt, die kommende neue Gesellschaft werde nur das Ergebnis „einer ganzen Reihe geschichtlicher Prozesse sein, durch welche die Menschen wie die Umstände gänzlich umgewandelt werden“.

Als Marx sein Hauptwerk, das „Kapital“, schrieb, befand sich die europäische Welt politisch wie wirtschaftlich im Fahrwasser des demokratisch gerichteten Liberalismus. Die Verfassungen wurden in seinem Sinne reformiert, die Einengungen der Presse und des Vereinsrechts gemildert oder aufgehoben, die Wahlrechte zu den Parlamenten erweitert. In England hatte der Freihandel gesiegt und schien von da aus seinen Siegeslauf durch die ganze kapitalistische Welt antreten zu wollen. Zollsätze wurden herabgesetzt und Handelsverträge mit der Klausel der Meistbegünstigung geschlossen, die eine Vorstufe zum vollen Freihandel darstellten. Die erwartete Ära des Weltfriedens wurde freilich durch die drei deutschen Kriege arg beeinträchtigt, aber die von ihnen bewirkte Schädigung des Wirtschaftslebens nicht allzu tief empfunden. Die kapitalistische Produktion machte Zeiten der Krise durch, blieb aber in aufsteigender Entwicklung; der Reichtum der kapitalistischen Länder wuchs, der Weltverkehr in Gütern nahm steigend zu, die Städte und Industriezentren dehnten sich aus, die Industrie- und Handelsunternehmungen vergrößerten sich, und in Zusammenhang damit nahm auch die industrielle Arbeiterschaft, das Proletariat, bedeutend an Zahl zu. Die liberale Epoche kam aber mit Ende der siebziger Jahre, um die Zeit, da Marx durch Krankheit gezwungen wurde, die Feder aus der Hand zu legen, zum Stocken. Eine Welle schutzzöllnerischer Reaktion flutete über die Welt und zog kolonialpolitische Strebungen imperialistischer Natur nach sich; die Beziehungen zwischen den Großmächten erfuhren eine Wendung zum schlechteren, die Bildung von Mächtekoalitionen begann und mit ihr eine Ära des Wettrüstens zu Wasser und zu Lande. Zu gleicher Zeit aber nahm die Arbeiterbewegung einen neuen Aufschwung, die sozialistische Internationale ward wieder ins Leben gerufen und übertraf in verhältnismäßig kurzer Zeit die alte Internationale in bezug auf Zahl der angeschlossenen Länder und innere Stärke ihrer Landessektionen.

Unter dem Einfluß all dieser Vorgänge erhielt die Welt der Länder moderner Entwicklung eine andere Physiognomie, als Marx sie gekannt hatte und voraussehen konnte. Eine geistige Reaktion in bezug auf die Beurteilung der Völkerbeziehungen und die Sicherheit im Innern bemächtigte sich der bürgerlichen Klassen. Sie wagten nicht den Krieg zu wollen und glaubten immer weniger an die dauernde Erhaltung des Friedens. Sie hatten nach dem Mißerfolg des Bismarckschen Ausnahmegesetzes gegen die Sozialdemokratie den Glauben an die Möglichkeit der Niederhaltung dieser durch Gewaltmittel eingebüßt und sahen sich doch der wachsenden Arbeiterbewegung gegenüber in die Verteidigungslinie gedrängt. In Deutschland war die Wirkung eine zunehmend schwächere Haltung des Bürgertums der Regierung gegenüber, und immer neue Versuche dieser, durch gesetzgeberische Zugeständnisse an die Arbeiter diese der Sozialdemokratie abtrünnig zu machen, was aber nicht gelang. Das Hauptstück der Zugeständnisse, die von Bismarck eingeleitete Arbeiterversicherung, hatte vielmehr die entgegengesetzte Wirkung. Sie gab den Arbeitern materiell zu wenig, um sie zu befriedigen, trieb aber in ihren sozialen Konsequenzen weit über das von Bismarck Gewollte hinaus. Sie schuf in den Organen der Versicherung (Krankenkassen, Beiräte der Unfallversicherung und der Invalidenversicherung) eine Beamtenschaft der Arbeiterklasse, die dieser im Laufe der Zeit für Organisations- und Vertretungszwecke anderer Natur eine große Fülle sachkundiger Persönlichkeiten zur Verfügung stellten. In der gleichen Richtung wirkten die Gewerbegerichte durch das Institut der Beisitzer aus der Arbeiterschaft. Unterstützt durch diese Einrichtungen breiteten sich in Deutschland die Gewerkschaften der Arbeiter im letzten Jahrzehnt des neunzehnten und weiter im zwanzigsten Jahrhundert in ungeahnter Weise aus, so daß sie schließlich die englischen Gewerkschaften an Zahl der Mitglieder nahezu erreichten, an innerer Durchbildung und wirkungsvoller Zusammenfassung der Kräfte aber noch übertrafen. Parallel damit wuchs die politische Organisation der Arbeiterklasse und ihre Presse, und mehrte sich die Zahl ihrer Vertreter in den staatlichen und örtlichen Parlamenten. Ein Netz von gesetzlichen und freien Vertretungen der Arbeiter überzog das Land, jede Stadt von irgendwelcher Bedeutung erhielt ein von der Arbeiterbewegung selbst geschaffenes und unterhaltenes Volks- oder Gewerkschaftshaus als Sammelpunkt und ein Arbeitersekretariat, wo der Arbeiter Auskunft über die ihn betreffenden Sozialgesetze erhielt, zugleich aber auch durch die Natur der Dinge auf die politischen und wirtschaftlichen Organisationen seiner Klasse aufmerksam gemacht wurde. Das neue Jahrhundert sah außerdem eine bedeutungsvolle Ausbreitung und Stärkung der Arbeiterkonsumgenossenschaften, deren Leiter und Angestellte das Heer der Beamten der Arbeiterschaft noch wesentlich vermehrten.

Auf der anderen Seite waren aber auch die Unternehmer nicht unorganisiert geblieben. Auf rein wirtschaftlichem Gebiete waren in allen Industrien Kartelle und Syndikate gegründet worden, um dem Druck der Konkurrenz auf die Preise Grenzen zu setzen, und in vielen Fällen auch dazu übergegangen, bei eingetretener oder drohender Überproduktion produktionsregulierend zu wirken, d. h. zeitweilig die Produktion systemgemäß einzuschränken. Ein noch engerer Zusammenschluß von kapitalistischen Unternehmungen fand in Gestalt von trustartigen Verbindungen und Fusionen oder Konzernen der großen Industrie statt. Zum Widerstand gegen die Gewerkschaften und sonstigen Koalitionen der Arbeiter wiederum waren Unternehmer- bzw. Arbeitgeberverbände geschaffen worden, deren Zahl schließlich so groß war, daß die von ihnen vertretenen Unternehmungen erheblich mehr Arbeiter beschäftigten, als gewerkschaftlich organisiert waren. Trotz ihrer Zahl und finanziellen Macht war ihre Widerstandskraft den Arbeitern gegenüber aber doch begrenzt. Es wuchs die Zahl der Fälle, wo sie es für klüger hielten, mit den organisierten Arbeitern Tarifverträge abzuschließen, statt ihnen einseitig die Löhne diktieren zu wollen, und in der Statistik der Gewerkschaften ist die Zahl der Fälle, wo Lohn- usw. Bewegungen ohne Zuhilfenahme von Streiks oder Aussperrungen zu Tarifabmachungen führen, erheblich größer als die Zahl der Fälle, wo es zum Messen der Kräfte im gewerblichen Kampf kommt.

So stellte sich in Deutschland am Vorabend des Krieges das soziale Bild der Industrie in verschiedenen Punkten wesentlich anders dar, als Marx es in „Das Kapital“ vorausgezeichnet hatte. In dessen Kapitel „Geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation“ hatte es bei ihm geheißen:

„Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses [die Konzentration der Unternehmungen. Ed. B.] usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Druckes, der Degradation, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse.“